https://www.faz.net/-gqe-1578x

Wolfgang Franz : Der oberste Wirtschaftsweise

  • Aktualisiert am

Wolfgang Franz Bild: dpa

Der Mannheimer Ökonom Wolfgang Franz ist seit etlichen Jahren Mitglied des Sachverständigenrats. Zunächst galt er als Mann der Gewerkschaften. Doch die waren bald bitter enttäuscht von ihm. Später kam er wieder als Mann der Arbeitgeber. Nun wird er der neue Vorsitzende des Beratergremiums.

          2 Min.

          Die Arbeit geht nicht aus – zumindest den Arbeitsmarktforschern, solange die Arbeitslosigkeit hoch bleibt. „Das ist leider so“, sagt Wolfgang Franz. In diesem Jahr wird die Erwerbslosenzahl wegen der schweren Rezession stark steigen. „Mit etwas Glück bleiben wir unter 4 Millionen“, prognostiziert Franz. Das wäre in nur einem Jahr ein Anstieg von fast einer Million. Der Ökonom, der das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) leitet, zählt zu den profiliertesten Arbeitsmarktforschern in Deutschland. Er ist seit 1994 – mit einer Unterbrechung von vier Jahren – Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

          Im Volksmund heißen die fünf Ökonomen kurz „Wirtschaftsweise“. An diesem Mittwoch händigt Bundespräsident Horst Köhler dem neuen Ratsmitglied Christoph Schmidt die Ernennungsurkunde aus. Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ist Nachfolger von Bert Rürup, der in die Privatwirtschaft wechselt. Nach der Zeremonie wählen die Sachverständigen – neben Franz und Schmidt noch Beatrice Weder di Mauro (Universität Mainz), Peter Bofinger (Würzburg) und Wolfgang Wiegard (Regensburg) – einen neuen Vorsitzenden: Es wird Franz sein, darauf haben sie sich geeinigt.

          Spezialgebiet: Arbeitsmarktökonomik

          Wolfgang Franz, geboren 1944 in Nassau an der Lahn, hat sich früh auf den Arbeitsmarkt spezialisiert. Nach dem Studium in Mannheim entwickelte er auf Anregung seines akademischen Lehrers Heinz König ein makroökonomisches Modell des Arbeitsmarkts. „Als ich anfing, Anfang der siebziger Jahre, hatten wir noch Vollbeschäftigung, ja sogar Überbeschäftigung, da war der Arbeitsmarkt eigentlich kein Thema für die Ökonomen“, erinnert sich Franz. „Mit der Ölpreiskrise stieg die Erwerbslosigkeit drastisch an, plötzlich war meine Arbeit hochaktuell.“

          Nach der Promotion 1974 ging er zwei Jahre nach Amerika, wo er neue statistisch-ökonometrische Methoden der Arbeitsmarktforschung aufgriff. Zurück in Mannheim widmete Franz seine 1981 beendete Habilitationsschrift dem Thema Jugendarbeitslosigkeit. Danach hatte er Professuren in Mainz, Stuttgart und Konstanz inne, bis er 1997 die Leitung des ZEW übernahm. Die Zahl der Mitarbeiter hat er auf annähernd 170 verdoppelt, den wissenschaftlichen Ruf des Zentrums konnte er in Fachkreisen erheblich steigern.

          „Weder die Gewerkschaften noch die Arbeitgeber haben je versucht, mich zu beeinflussen“

          Aus der Bevölkerung ist vielfach ein grundsätzliches Ressentiment gegenüber Ökonomen zu spüren. „Das rührt daher, dass wir manchmal unbequeme Wahrheiten sagen“, meint Franz, etwa die Mahnung zu einer moderaten Lohnpolitik. Die hält Franz für notwendig, damit die Beschäftigung zunimmt. „Das hören die Leute aber nicht gern, denn natürlich will jeder gern mehr Geld haben.“ Auch die Reformen der Agenda 2010, die der Sachverständigenrat mit vorbereitet hatte, sind nach wie vor unbeliebt. „Diese Reformen haben aber dazu geführt, dass die strukturelle Arbeitslosenquote um etwa 2 Prozentpunkte gesunken ist“, sagt Franz.

          Politikberatung müsse einen langen Atem haben. Als Franz 1994 in den Rat ernannt wurde, geschah dies mit ausdrücklicher Billigung der Gewerkschaften. Die waren aber bald bitter enttäuscht von ihm, weil er ihre Forderungen nach expansiver Lohnpolitik und Arbeitszeitverkürzung ablehnte. So kam es, dass die Gewerkschaften nach der ersten Amtszeit ihr Vertrauen entzogen und Franz 1999 aus dem Rat ausschied. Vier Jahre später holte ihn die Regierung zurück, diesmal auf Vorschlag der Arbeitgeber. „Allerdings haben weder die Gewerkschaften noch die Arbeitgeber je versucht, mich zu beeinflussen“, sagt er, „das muss man ihnen hoch anrechnen.“

          Im Rat gehört er zur Mehrheit, die einen gesetzlichen Mindestlohn ablehnt, weil er Stellen vernichten würde. Franz, freundlich und verbindlich im Auftreten, doch hart in der Sache, will verhindern, dass in der Krise die ordnungspolitischen Dämme brechen. „Nach den Banken, die wir wegen des systemischen Risikos zähneknirschend retten müssen, darf der Staat jetzt nicht noch alle möglichen anderen Unternehmen unterstützen.“ Das sagt er mit Blick auf Opel oder den Automobilzulieferer Schaeffler. Ob diese Firmen überleben, müsse der Markt entscheiden. Schon wieder eine unbequeme Ökonomen-Wahrheit. Philip Plickert

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine

          Europas „Green Deal“ : EU will bis 2050 Klimaneutralität erreichen

          Am Mittwoch will die neue EU-Kommission ihren „Green Deal“ vorstellen, nach dem Europa bis 2050 klimaneutral werden soll. Voraussetzung ist der Kohleausstieg aller Länder. Für die vom Strukturwandel besonders betroffenen Regionen soll es Übergangshilfen geben.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.