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Wirtschaftswissenschaften : Der Homo oeconomicus lebt

Bild: F.A.Z.

Die Finanzkrise hat auch das Theoriegebäude der Wirtschaftswissenschaften ins Wanken gebracht. In den Hörsälen wird der Ruf nach einem Neuanfang lauter. Ob sich in der Ökonomie ein Paradigmenwechsel vollzieht, ist aber längst nicht ausgemacht.

          Sie haben beruhigt, anstatt zu warnen. Die Risiken haben sie unterschätzt und das schwere Beben, das sich anbahnte, sie haben es nicht kommen sehen. Darum hat ein italienisches Gericht jetzt mehrere Erdbebenforscher zu Haftstrafen verurteilt. Das Urteil ist umstritten, schließlich ist nicht geklärt, inwieweit Naturkatastrophen prognostiziert werden können.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Ökonomen können sich auf diese Argumentation nicht zurückziehen. Denn die Finanz- und Wirtschaftskrise ist keine Naturkatastrophe, sie ist von Menschen gemacht. Und - Hochmut kommt vor dem Fall - die Forscher selbst hatten für sich reklamiert, dank ihrer ausgefeilten Modelle vor bösen Überraschungen gefeit zu sein. Nobelpreisträger Robert Lucas war es, der 2003 verkündete, die Volkswirtschaftslehre habe „das zentrale Problem, wie Depressionen zu verhindern sind, gelöst“. Abgesehen von einzelnen Querdenkern haben auch die Ökonomen beruhigt, nicht gewarnt.

          Für Totenglocken ist es zu früh

          Umso heftiger erschüttert das Beben der Märkte die Wirtschaftswissenschaften. Auf Fachkonferenzen und in Hörsälen wird der Ruf nach einem Neuanfang lauter, die offengelegten Schwächen der Modelle bringen selbst Grundpfeiler des Theoriegebäudes ins Wanken. Besonders unter Beschuss: der Homo oeconomicus, die zentrale Figur neoklassischer Ökonomie, mit seinen idealisierten Modellannahmen. Er weiß alles, kalkuliert kühl und ist in jedem Moment damit beschäftigt, egoistisch den größten Nutzen herauszuschlagen. Es wächst die Gruppe der Forscher, die den Homo oeconomicus für erledigt erklären und einen Paradigmenwechsel beschwören, der das gesamte Theoriegebäude zum Einsturz bringen würde. Doch so notwendig es ist, dass sich die Disziplin weiterentwickelt - so verfrüht ist es, die Totenglocke für den Homo oeconomicus zu läuten. Dass die Ökonomie tatsächlich einen Paradigmenwechsel vollzieht, ist längst nicht ausgemacht.

          Denn selbst die schwerste Krise hebelt nicht die Gesetzmäßigkeiten aus, die der Amerikaner Thomas S. Kuhn als „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ beschrieben hat. Vor fünfzig Jahren lieferte der Wissenschaftstheoretiker das Drehbuch für turbulente Phasen wie diese. Kuhn sah Paradigmen wie den Homo oeconomicus als Schablone an, durch die der Forscher die Welt beobachtet, vermisst und interpretiert. Wenn Forscher etwa annehmen, dass der Mensch stets rational seinen Nutzen maximiert, dann können sie erklären, warum sich Kunden an der Supermarktkasse in die kürzere Schlange einreihen und zu den günstigsten Produkten greifen. Einerseits ermöglicht die Schablone sehr tiefe Einblicke - andererseits verengt sie aber auch den Blickwinkel auf jene Dinge, die in sie hineinpassen.

          Ein neues Paradigma ist nicht zu erkennen

          Aufgebrochen wird die Schablone durch auf den ersten Blick unerklärbare Ereignisse: Warum kollabieren die Märkte, obwohl sie sich doch eigentlich durch eine „unsichtbare Hand“ immer im Gleichgewicht befinden müssten? Warum teilen Menschen mit anderen, wenn sie doch Egoisten sind? Solche Anomalien, schreibt Kuhn, verursachen Phasen „fachwissenschaftlicher Unsicherheit“, es kommt zu einem „Wuchern konkurrierender Ansätze“, die den Mainstream angreifen.

          Genau diese Dynamik ist derzeit zu beobachten: Verhaltensökonomen, die menschliche Triebe und scheinbar irrationale Verhaltensweise in ihre Modelle aufnehmen, streiten sich mit Neurowissenschaftlern, Wirtschaftshistorikern und -philosophen darum, an Deutungsmacht zu gewinnen und den Homo oeconomicus-Anhängern das Wasser abzugraben. Zahlreiche neue Ideen machen die Runde - doch so etwas wie ein neues Paradigma, das sich wie der Homo oeconomicus als Fundament für ein neues umfassendes Theoriegebäude eignen würde, ist nicht zu erkennen. Ob es überhaupt so weit kommt, ist völlig offen. Denn, so sagt Kuhn, genauso gut sei es möglich, dass Anomalien ungeklärt zurückbleiben oder am Ende doch noch im bestehenden Paradigma aufgehen.

          Dass die letzte Option nicht die unwahrscheinlichste ist, verdeutlicht das Beispiel der Experimentalökonomen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen enormen Aufschwung erlebten. Sie konfrontieren Probanden im Labor mit einfachen Spielsituationen und stoßen dabei regelmäßig darauf, dass sich Menschen altruistisch und fair verhalten, anstatt die Ellenbogen auszufahren. Ein Bruch mit dem Homo oeconomicus? Im Gegenteil: In ihren neueren Modellen erweitern die Forscher kurzerhand die Vorlieben des Modellmenschen, sie ordnen ihm „soziale Präferenzen“ zu. An der zentralen Annahme, dass der Mensch in jeder Situation seinen Nutzen maximiert, rüttelten sie nicht. Dem modernen Homo oeconomicus geht es besser, wenn er Gutes tut. Den Vordenkern der Disziplin wie Adam Smith dürfte diese Entwicklung sogar gefallen - schließlich definierten sie ihren Modellcharakter umfassender als ihre Nachfolger und schrieben ihm Sympathien und moralische Gefühle zu.

          Die Krise wird die Forscher weiter antreiben. Um sich nicht vom nächsten Beben überraschen zu lassen, muss sich die Disziplin weiterentwickeln. Im Gegensatz zur Euro-Rettungsdebatte besteht in der Wissenschaft die Hoffnung, dass sich nicht die teuerste, sondern die beste Idee durchsetzen wird.

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