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Wirtschaftswissenschaft : Der Streit unter den Ökonomen eskaliert

Zu modellastig, zu mathematisch: Die ökonomische Lehre steht in der Kritik Bild: AP

Die deutschen Ökonomen streiten über die Ausrichtung ihres Faches. Auslöser der Kontroverse ist der Plan der Kölner Universität, Lehrstühle fachlich umzuwidmen. Aus Amerika ertönt der Vorwurf, einige Wirtschaftsprofessoren wollten „zurück in die Steinzeit“.

          Der Streit unter deutschen Volkswirten um die Ausrichtung und Methoden ihres Faches verschärft sich. Seit einigen Tagen kursiert ein Aufruf, der sich gegen den Aufruf „Rettet die Wirtschaftspolitik an den Universitäten!“ richtet, den 83 Professoren der Volkswirtschaftslehre unterzeichnet haben. Den Gegenaufruf haben die Ökonomen Rüdiger Bachmann, Dirk Krüger und Harald Uhlig verfasst, die an amerikanischen Universitäten lehren.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Sie werfen den 83 Unterzeichnern des Wirtschaftspolitik-Aufrufs vor, für eine „Zementierung international nicht wettbewerbsfähiger Strukturen an deutschen VWL-Fakultäten zu argumentieren“. Es werde der „Blick der Öffentlichkeit auf den nützlichen Beitrag unserer Wissenschaft für die Lösung der drängenden Probleme“ verstellt. „Dazu wird ein Zerrbild moderner ökonomischer Forschung gezeichnet“, heißt es in dem noch unveröffentlichten Gegenaufruf. Zuvor hatte Uhlig polemisch geschrieben, die Göttinger Ökonomin Renate Ohr, eine Initiatorin des Aufrufs der 83 Professoren, wolle „zurück in die Steinzeit“. Zu den Unterstützern des Wirtschaftspolitik-Aufrufs gehören viele liberale Ökonomen wie Roland Vaubel, Viktor Vanberg, Bruno Frey, Herbert Giersch, Joachim Starbatty und Bernd Raffelhüschen, aber auch der Keynesianer Rudolf Hickel.

          120 Unterstützer für den Gegenaufruf

          Bislang gebe es mehr als 120 Unterstützer für seinen Gegenaufruf, sagte Bachmann der F.A.Z. – „gut gemischt zwischen Jung und Alt, In- und Ausland“. Sie fordern: „Baut die deutsche VWL nach internationalen Standards um!“ Internationale Spitzenfakultäten bildeten heute Schwerpunkte in angewandten Fächern wie Mikro-, Makro-, Arbeitsmarkt- und Entwicklungsökonomik. Eine Trennung in Lehrstühle für Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik sei falsch und habe die Politikberatung nicht verbessert. Ohne die ordnungspolitische Richtung der deutschen Wirtschaftslehre explizit zu nennen, heißt es in dem Aufruf, „alte Dogmen“ spielten keine Rolle mehr.

          Auslöser der Kontroverse ist der Plan der Kölner Universität, ihre bisher der Wirtschaftspolitik gewidmeten Lehrstühle umzuwidmen und durch eine Forschergruppe von Makroökonomen zu ersetzen. Bachmann gehörte zu den jungen Ökonomen, die für eine Berufung nach Köln im Gespräch waren; er hat aber aus familiären Gründen abgesagt. „Die Verhandlungen laufen noch“, sagt der Kölner Wirtschaftsdekan Frank Schulz-Nieswandt. Eine Entscheidung könne bald fallen. „Die Fakultät ist souverän in ihrer Entscheidung“, sagt er in Richtung der Kritiker. Diese befürchten einen Bruch der Kölner ordnungspolitischen Tradition, die lange von Alfred Müller-Armack geprägt war, einem der Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft und Staatssekretär unter Ludwig Erhard.

          Irritiert über die zunehmende Schärfe des Methodenstreits der deutschen Volkswirte zeigte sich Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Sachverständigenrats: „Diese Debatte wird in einer solchen Intensität nur in Deutschland geführt und stößt im Ausland auf Unverständnis.“ Er hat weder den einen noch den anderen Aufruf unterzeichnet. Lars-Hendrik Röller, der amtierende Vorsitzende des Vereins für Socialpolitik, der größten Vereinigung deutschsprachiger Ökonomen, spricht von einer „Scheindebatte“.

          Weizsäcker warnt vor Rückkehr in den alten Protektionismus bei der Berufungspolitik

          Den Aufruf von Bachmann und Uhlig haben viele jüngere Ökonomen unterschrieben, aber auch ältere Wissenschaftler unterstützen sie. „Ich werde den Aufruf unterzeichnen“, kündigte der Kölner Wettbewerbstheoretiker Carl-Christian von Weizsäcker an. Zwar teilt er einige der Kritikpunkte der 83 Professoren. Er sieht aber Reformbedarf an den deutschen Hochschulen, was die Berufungen junger Ökonomen auf Lehrstühle angeht. Dies müsse nach den Publikationen in angesehenen wissenschaftlichen Journalen beurteilt werden. „Es darf keine Rückkehr in den alten provinziellen Protektionismus bei der Berufungspolitik geben.“ Das sei aber zu befürchten, „wenn man das Fach Wirtschaftspolitik für sakrosankt erklärt“, erklärte der ehemalige Vorsitzende der Monopolkommission.

          Scharfe Kritik an dem Text von Bachmann, Krüger und Uhlig äußert der Linzer Ökonom Friedrich Schneider. „Ein großer Teil der Unterzeichner des Aufrufs für die Beibehaltung der Wirtschaftspolitik hat ebenso in den besten amerikanischen Zeitschriften publiziert“, sagte Schneider, der 2005 bis 2008 Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik war. „Wir leben nicht in der Steinzeit oder wollen in eine Steinzeitökonomie, sondern in eine moderne, die real existierende Probleme analysiert und zu deren Lösung beiträgt.“ Schneider griff Uhlig direkt an: „Wie erklärt denn Uhlig die Krise, die ja in den Vereinigten Staaten in den Finanzmärkten begann, wo doch die allerbesten und brillantesten Ökonomen tätig waren?“

          Durch die Krise sieht Schneider den Ruf der Ökonomen insgesamt schwer geschädigt. „Wir waren nicht in der Lage, die Krise rechtzeitig sowohl theoretisch als auch empirisch zu erfassen beziehungsweise so schnell zu analysieren, dass wir gute und rasch umsetzbare Vorschläge zu ihrer Überwindung bereit hatten“, sagte er. Künftig müssten die Ökonomen ihre Modelle erweitern, so dass menschliche Verhaltensweisen wie Gier, Herdentrieb und Misstrauen als Faktoren berücksichtigt werden.

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