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Wirtschaftswachstum : Die Grenzen der Wachstumskritik

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Zukunft Erde: Die Internationale Raumstation ist Sinnbild eines Fortschrittsoptimismus, der Wachstumsgrenzen überwindet Bild: dapd

Wachstumskritik ist ein Phänomen des Wohlstands. Im Extremfall wird sogar die Wachstumsrücknahme gefordert. Doch die Absage an das Wirtschaftswachstum unterbindet Innovationsprozesse. Ein Gastbeitrag.

          Wirtschaftswachstum - getrieben durch technischen Fortschritt, Kapitalbildung und Arbeitsteilung - ist ein Phänomen der Moderne. Dies gilt ebenso für die Kritik des Wachstums. Deren heutige Aktualität - man denke nur an die Enquetekommission des Deutschen Bundestages - führt zu der Frage, wie sich Wachstum und Wachstumskritik in den vergangenen zweihundert Jahren entwickelt haben. Die heute zur Fundamentalkritik ausgewachsene Haltung wird im Licht der historischen Einordnung mehr als fragwürdig, denn sie verkennt im moralischen Überschwang elementare Zusammenhänge, die Wachstum in seiner tatsächlichen Bedeutung und seiner moralischen Bedingung kennzeichnen.

          Die Welt vor der Industrialisierung war gekennzeichnet von immer wiederkehrenden Hungersnöten und Massenverelendung. Bevölkerungswachstum bedeutete stets den Beginn der nächsten wirtschaftlichen Krise und damit eine existentielle Bedrohung des Lebens. Armut war die Normalität für die große Masse der Menschen, der Grund lag in der völlig unzureichenden Produktivität der Arbeit. Die wirtschaftlichen Folgen von Krieg, Klimaveränderungen, Naturkatastrophen, Missernten oder Epidemien konnten kollektiv nicht wirksam bekämpft werden.

          Der Fortschritt kennzeichnet den Übergang zur Moderne

          All dies änderte sich nach 1800: Technische Neuerungen, Verbesserungen in der Landnutzung und Innovationen in der Landwirtschaft wirkten dabei mit Anpassungen im generativen Verhalten, mit einer Sentimentalisierung der Familie und mit Heiratserleichterungen im Rahmen bewusster Bevölkerungspolitik zusammen. So wurde das 19.Jahrhundert geprägt durch Industrialisierung und Bevölkerungsexplosion, durch Verkehrsrevolution, durch Nationalstaatsbildung und durch Verstädterung. Lebten in Europa um 1800 rund 19 Millionen Menschen in Städten, so waren es um 1900 schon mehr als 108 Millionen. Die Anzahl der Großstädte mit über 100.000 Einwohnern hatte sich von 21 auf 147 erhöht.

          Der breite Modernisierungsprozess infolge der Industrialisierung reflektiert sich in dem geistesgeschichtlichen Wandel der „Sattelzeit“ (Reinhart Koselleck), der Begrifflichkeiten neu formt, bestehende Begriffe mit neuem Inhalt belegt und kollektive Perspektiven sowie Kontexte erstmals begrifflich fassbar macht. Signalhaft wird der Übergang zur Moderne beschrieben durch den Bedeutungswandel des Wortes „Fortschritt“, das vor dem Ende des 18.Jahrhunderts gedanklich wie auch erfahrungsbezogen jeglicher Grundlage entbehrte. Dabei wird „aus den Geschichten der einzelnen Fortschritte der Fortschritt der Geschichte“ und aus dem „Fortschritt selber . . . ein Kollektivsingular“ (Koselleck). Die Ergebnisoffenheit des Fortschritts macht die Kraft des nun erlebbaren wirtschaftlichen Wachstums deutlich.

          Der Eigennutz als moralische Kategorie

          Die Hoffnung darauf, von nun an im Regelfall der Armut und Existenzbedrohung zu entgehen, wurde im Lauf des 19 .Jahrhunderts für immer mehr Menschen greifbar, realistisch und erwartungsprägend. Die lebensbedrohlichen Krisen wichen in der Wahrnehmung der Menschen weniger dramatischen konjunkturellen Krisen, die als zyklische Anpassungen Koordinationsstörungen im Marktsystem bereinigten, aber den Wachstumstrend nicht in Zweifel zogen.

          Damit war es nicht das ökonomische System, das einer kritischen Begleitung bedurfte, sondern dadurch begünstigte Verhaltensweisen und Haltungen des Einzelnen. Das betraf die moralische Überforderung durch den Fortschritt der Technik und die neuen Möglichkeiten zu einem Verhalten der Gier. Beides hat die moderne Nationalökonomie mit auf den Plan gerufen. Es ging darum, den Eigennutz als moralische Kategorie zu charakterisieren.

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