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Schulfach Wirtschaft : Wenn der Versicherungsvertreter in die Schule kommt

Schüler an der Tafel Bild: AP

Viele sagen, in der Schule solle mehr über das Wirtschaftsleben gelehrt werden. Aber auch die Vorbehalte sind groß. Wie soll ökonomische Bildung an der Schule aussehen?

          Seit Jahrzehnten schon kämpfen Wirtschaftsdidaktiker, andere Ökonomen und Unternehmensverbände für ein Schulfach Wirtschaft, erteilt von in den Wirtschaftswissenschaften umfassend ausgebildeten Lehrern. Voran kommen sie nur in kleinen Schritten; von einem Pflichtfach in ganz Deutschland ist man noch immer weit entfernt. Aufgeschreckt hat sie nun ein Sammelband, herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung. In dem Buch mit dem Titel „Ökonomie und Gesellschaft“, der Lehrern Anregungen für den Unterricht geben soll, wird eindringlich vor zu viel Wirtschaft in der Schule gewarnt.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Gewarnt wird vor einem Wirtschaftsunterricht, der von an den Wirtschaftsfakultäten der Hochschulen „monoperspektivisch“ ausgebildeten Pädagogen erteilt wird. Die Gefahr sei groß, dass sie in einem eigenständigen Fach eine einseitige Sicht vermittelten und zum Beispiel die negativen sozialen Folgen wirtschaftlicher Entscheidungen nicht genügend berücksichtigten. Oder dass sie ein zu positives Bild von der Marktwirtschaft vermittelten.

          Praxiskontakte? Nicht immer erwünscht.

          Gewarnt wird auch vor der Zusammenarbeit von Unternehmen mit Schulen. Die Wirtschaft dränge in den Unterricht, um Kinder und Jugendliche zu manipulieren. Dabei seien positive Effekte der Kooperation mit der Privatwirtschaft empirisch nicht belegt.

          Diese Aussagen gingen dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Ökonomische Bildung (Degöb) dermaßen gegen den Strich, dass er eine verärgerte Stellungnahme veröffentlicht hat. Wirtschaft als Schulfach werde in dem Buch als sittlich gefährdend dargestellt, als dürfe es nur unter der Kontrolle der politischen und sozialwissenschaftlichen Bildung unterrichtet werden, schimpfen die Professoren, deren Schwerpunkt die ökonomische Bildung ist. Diskreditiert würden auch die Praxiskontakte zur Wirtschaft, die notwendiger Bestandteil des Wirtschaftsunterrichts seien. „Es ist nicht zutreffend, dass ein Fach Wirtschaft den Interessen der Wirtschaft diene, etwa indem gewinnorientierten Unternehmen dadurch der Zugang zu Schulen erleichtert würde und sie die Schüler dort von den Vorteilen ihrer Produkte überzeugen können.“

          Für Holger Arndt, den Vorsitzenden der Degöb, sind Praxiskontakte wie Experteninterviews, Betriebserkundungen und Praktika ein zentrales Element im Wirtschaftsunterricht. „Sie helfen Schülern, eine ganzheitliche Perspektive zu entwickeln, und wirken motivierend“, sagt der Wirtschaftsdidaktik-Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg. Das Ziel vieler Kooperationen sei die Berufsorientierung; davon profitierten Unternehmen und Schüler gleichermaßen. So stiegen die Chancen von Hauptschülern mit schlechteren Noten, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, erheblich.

          Furcht vor Lobbyismus in der Schule

          Die Gefahr der Manipulation sieht Arndt aber auch: „Jeder verfolgt Interessen, auch gewinnorientierte Unternehmen.“ Wenn zum Beispiel ein Versicherungsunternehmen seine Mitarbeiter in die Schulen schicke, dann bestehe die Gefahr, dass sie Schülern zu viele Versicherungen empfehlten. „Deshalb darf man Aussagen von interessengeleiteten Personen nicht unwidersprochen lassen“, mahnt Arndt. Komme ein Vertreter der Versicherungswirtschaft in den Unterricht, dann könne der Lehrer auch einen Verbraucherschützer einladen. Letztlich komme es ohnehin immer auf die Kompetenz der Lehrkräfte an. Interessenvertretern dürften sie keine freie Hand lassen. „Die sind oft sehr geschult, damit darf man Schüler nicht allein lassen.“

          Karolin Mellert ist Lehrerin für Wirtschaft und für Physik am Technischen Bildungszentrum Mitte in Bremen. Auf Kontakte zu Vertretern aus der Praxis, ob sie nun aus der Wirtschaft oder von anderen Organisationen kommen, möchte sie nicht verzichten. „Erkundungen und Gespräche mit Fachleuten sind immer eine Bereicherung“, sagt die 38-Jährige, die auch im Vorstand des Verbandes Ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen (Vöbas) sitzt. Sie entfachten in den Schülern das Interesse für ein Thema neu, weil neue Schwerpunkte gesetzt und der Blickwinkel gewechselt würden. Was Mellert aber deutlich macht: Sie ist die Herrin über ihren Unterricht - und stets kritisch gegenüber Dritten. Wenn ein Unternehmensvertreter bei einer Betriebsbesichtigung zu stark für seine Branche wirbt, dann geht sie dazwischen. Wenn ein Fachmann in den Unterricht kommt, dann bereitet sie ihre Schülern thematisch vor und überlegt sich mit ihnen auch kritische Fragen. „In der Stunde danach wird dann überlegt, welche Informationen und welche Meinungen transportiert wurden.“ Mellert prüft auch Zahlen und Fakten nach, die die Schüler im Sinne des externen Experten beeinflussen könnten. Fachleute für finanzielle Allgemeinbildung hat sie noch nicht in den Unterricht geholt. Aber auch davor hätte sie keine Angst. „Ich würde allerdings Abstand davon nehmen, sie den ganzen Unterricht machen zu lassen.“

          Einer der stärksten Kritiker von Lobbyismus in der Schule ist der gemeinnützige Verein Lobbycontrol. Unter Verdacht stellt er alle Aktivitäten von Unternehmen in Schulen, feste Partnerschaften genauso wie auf Kinder und Jugendliche spezialisierte Kommunikations- und Marketingagenturen, die über Schulveranstaltungen, Wettbewerbe und Recruitingkampagnen die Produkte von Unternehmen bekannter machen. Kritisch beäugt er auch die Unterrichtsmaterialien von Unternehmen. Die Unterfinanzierung des Bildungssystems sei das zentrale Einfallstor der Lobbyisten, beklagt Lobbycontrol. „Schulen müssen in der Lage sein, aktuelle Schulbücher zu kaufen, ein modernes Chemielabor einzurichten und den Computerraum gut auszustatten. Sie dürfen nicht in die finanzielle Abhängigkeit von finanzkräftigen Gönnern geraten.“

          Der Sprecher des Bundeselternrates, Wolfgang Pabel, sieht das differenzierter. Kooperationen wie Praktika und Besichtigungen lobt er, die Unterrichtsmaterialien sind ihm ebenfalls nicht geheuer, auch weil auf den ersten Blick oft nicht sichtbar werde, welche Werbebotschaft dahinterstecke. „Es ist wichtig, mit den Materialien kritisch umzugehen“, mahnt auch Wirtschaftsdidaktiker Arndt. „Sie können aber sehr bereichernd sein.“ Seien sie einseitig, dann müsse die Lehrkraft ergänzen. Beispiel Mindestlohn: Da könne es lehrreich sein, Materialien der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände zu vergleichen. Leider bestehe die Gefahr, dass fachlich nicht so gut gebildete Lehrer, wenn sie zu einem Thema in den Schulbüchern nichts fänden, das erstbeste Material nähmen.

          Es kommt auf den Lehrer an

          Karolin Mellert hat in ihrem Studium eine solide ökonomische Ausbildung genossen. Unterrichtsmaterial betrachtet sie grundsätzlich mit Skepsis - ob es aus der Wirtschaft kommt, von Gewerkschaften, Verbraucher- oder Umweltverbänden. „Das muss man jedes Mal prüfen, gerade wenn es um ein streitbares Thema geht.“ Sie möchte das externe Material aber nicht missen. „Bei jüngeren Entwicklungen helfen Lehrbücher nicht weiter.“ Sie sei in der Lage, auswählen, gegenüberzustellen und zu ergänzen.

          Eine starke Manipulation durch die Wirtschaft hat die Lehrerin noch nicht erlebt und auch keine richtige Werbung. Zulässig ist es ihrer Meinung nach, wenn Unternehmen Computer oder Instrumente sponserten. „Vorausgesetzt, es ist transparent und ein Zugewinn für den Unterricht.“ Gut erkennbar müsse sein, woher das Geld stamme und welches Interesse die Kooperationspartner verfolgten. Auch Elternvertreter Pabel hat dagegen nichts einzuwenden. „Solange nicht das Firmenlogo über dem Schultor prangt.“

          Was Mellert aufbringt, ist, wenn Kritiker eines Faches Wirtschaft gleichzeitig die Unterwanderung der Schulen durch die Wirtschaft behaupten. „Als würde ein Fach Wirtschaft nur von Unternehmen gefordert, die in ihm ihre Interessen durchsetzen wollten.“ Dabei leiste es den Interessen der Wirtschaft keinen Vorschub. „Den Umgang mit knappen Ressourcen, die Grenzen des Wachstums - das behandeln wir doch auch!“ Niemand würde fordern, ein Biologe sollte Physik unterrichten. „Warum sollte ein Soziologe ein Fach Wirtschaft unterrichten?“

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