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Schulfach Wirtschaft : Wenn der Versicherungsvertreter in die Schule kommt

Karolin Mellert ist Lehrerin für Wirtschaft und für Physik am Technischen Bildungszentrum Mitte in Bremen. Auf Kontakte zu Vertretern aus der Praxis, ob sie nun aus der Wirtschaft oder von anderen Organisationen kommen, möchte sie nicht verzichten. „Erkundungen und Gespräche mit Fachleuten sind immer eine Bereicherung“, sagt die 38-Jährige, die auch im Vorstand des Verbandes Ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen (Vöbas) sitzt. Sie entfachten in den Schülern das Interesse für ein Thema neu, weil neue Schwerpunkte gesetzt und der Blickwinkel gewechselt würden. Was Mellert aber deutlich macht: Sie ist die Herrin über ihren Unterricht - und stets kritisch gegenüber Dritten. Wenn ein Unternehmensvertreter bei einer Betriebsbesichtigung zu stark für seine Branche wirbt, dann geht sie dazwischen. Wenn ein Fachmann in den Unterricht kommt, dann bereitet sie ihre Schülern thematisch vor und überlegt sich mit ihnen auch kritische Fragen. „In der Stunde danach wird dann überlegt, welche Informationen und welche Meinungen transportiert wurden.“ Mellert prüft auch Zahlen und Fakten nach, die die Schüler im Sinne des externen Experten beeinflussen könnten. Fachleute für finanzielle Allgemeinbildung hat sie noch nicht in den Unterricht geholt. Aber auch davor hätte sie keine Angst. „Ich würde allerdings Abstand davon nehmen, sie den ganzen Unterricht machen zu lassen.“

Einer der stärksten Kritiker von Lobbyismus in der Schule ist der gemeinnützige Verein Lobbycontrol. Unter Verdacht stellt er alle Aktivitäten von Unternehmen in Schulen, feste Partnerschaften genauso wie auf Kinder und Jugendliche spezialisierte Kommunikations- und Marketingagenturen, die über Schulveranstaltungen, Wettbewerbe und Recruitingkampagnen die Produkte von Unternehmen bekannter machen. Kritisch beäugt er auch die Unterrichtsmaterialien von Unternehmen. Die Unterfinanzierung des Bildungssystems sei das zentrale Einfallstor der Lobbyisten, beklagt Lobbycontrol. „Schulen müssen in der Lage sein, aktuelle Schulbücher zu kaufen, ein modernes Chemielabor einzurichten und den Computerraum gut auszustatten. Sie dürfen nicht in die finanzielle Abhängigkeit von finanzkräftigen Gönnern geraten.“

Der Sprecher des Bundeselternrates, Wolfgang Pabel, sieht das differenzierter. Kooperationen wie Praktika und Besichtigungen lobt er, die Unterrichtsmaterialien sind ihm ebenfalls nicht geheuer, auch weil auf den ersten Blick oft nicht sichtbar werde, welche Werbebotschaft dahinterstecke. „Es ist wichtig, mit den Materialien kritisch umzugehen“, mahnt auch Wirtschaftsdidaktiker Arndt. „Sie können aber sehr bereichernd sein.“ Seien sie einseitig, dann müsse die Lehrkraft ergänzen. Beispiel Mindestlohn: Da könne es lehrreich sein, Materialien der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände zu vergleichen. Leider bestehe die Gefahr, dass fachlich nicht so gut gebildete Lehrer, wenn sie zu einem Thema in den Schulbüchern nichts fänden, das erstbeste Material nähmen.

Es kommt auf den Lehrer an

Karolin Mellert hat in ihrem Studium eine solide ökonomische Ausbildung genossen. Unterrichtsmaterial betrachtet sie grundsätzlich mit Skepsis - ob es aus der Wirtschaft kommt, von Gewerkschaften, Verbraucher- oder Umweltverbänden. „Das muss man jedes Mal prüfen, gerade wenn es um ein streitbares Thema geht.“ Sie möchte das externe Material aber nicht missen. „Bei jüngeren Entwicklungen helfen Lehrbücher nicht weiter.“ Sie sei in der Lage, auswählen, gegenüberzustellen und zu ergänzen.

Eine starke Manipulation durch die Wirtschaft hat die Lehrerin noch nicht erlebt und auch keine richtige Werbung. Zulässig ist es ihrer Meinung nach, wenn Unternehmen Computer oder Instrumente sponserten. „Vorausgesetzt, es ist transparent und ein Zugewinn für den Unterricht.“ Gut erkennbar müsse sein, woher das Geld stamme und welches Interesse die Kooperationspartner verfolgten. Auch Elternvertreter Pabel hat dagegen nichts einzuwenden. „Solange nicht das Firmenlogo über dem Schultor prangt.“

Was Mellert aufbringt, ist, wenn Kritiker eines Faches Wirtschaft gleichzeitig die Unterwanderung der Schulen durch die Wirtschaft behaupten. „Als würde ein Fach Wirtschaft nur von Unternehmen gefordert, die in ihm ihre Interessen durchsetzen wollten.“ Dabei leiste es den Interessen der Wirtschaft keinen Vorschub. „Den Umgang mit knappen Ressourcen, die Grenzen des Wachstums - das behandeln wir doch auch!“ Niemand würde fordern, ein Biologe sollte Physik unterrichten. „Warum sollte ein Soziologe ein Fach Wirtschaft unterrichten?“

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