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Wirtschaftsnobelpreisträger : Ronald Coase wird 100

Ronald Coase Bild: AP

Warum gibt es eigentlich Unternehmen? Die neoklassische Wirtschaftstheorie konnte diese Frage nicht schlüssig beantworten. Eine Lösung fand der Ökonom Ronald Coase, der dafür 1991 den Nobelpreis erhielt. Jetzt feiert er seinen hundertsten Geburtstag.

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          Diese scheinbar simple Frage hatte vor ihm kein Ökonom gestellt: Warum gibt es eigentlich Unternehmen? Mit der neoklassischen Theorie ist ihre Existenz kaum erklärbar. Wenn alle Geschäfte absolut effizient am Markt abgewickelt werden, könnte ein Unternehmen doch alle Vorleistungen von freien Anbietern zukaufen. Es brauchte keine festangestellten Mitarbeiter. Zum Beispiel könnte man, statt eine Sekretärin einzustellen, bei Bedarf eine preiswerte Schreibkraft beauftragen. Doch Ronald Coase, damals junger Dozent an der London School of Economics, erkannte: Auch die Nutzung des Markts kostet Geld (und Zeit). Bei der Anbahnung, Aushandlung und Abwicklung von Geschäften entstehen sogenannte Transaktionskosten. Daher ist es für häufig wiederkehrende und zuverlässig zu erledigende Arbeiten doch günstiger, langfristige Verträge mit Mitarbeitern zu schließen. Hierarchisch gegliederte Unternehmen verringern die Reibungskosten, die der Einkauf von Leistungen am Markt verursacht. Zugleich widersprach Coase aber der Sorge einiger Ökonomen, die von einem unbegrenzten Unternehmenswachstum zu Riesenkonzernen und Monopolen warnten. Auch innerhalb der Firmen entstehen bürokratische Transaktionskosten, die ihr Wachstum begrenzen.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Ronald Coase, der an diesem Mittwoch das Alter von 100 Jahren erreicht, ist eine bescheidene, aber äußerst einflussreiche Person der Wirtschaftswissenschaften. Mit der Theorie der Transaktionskosten, die er 1937 in dem kurzen, rein verbal argumentierenden Aufsatz "The Nature of the Firm" veröffentlichte, hat er das Theoriegebäude der Ökonomie stark erweitert und langfristig den Boden für die sogenannte Neue Institutionenökonomik bereitet. Zunächst wurde der Aufsatz kaum wahrgenommen, erst Jahrzehnte später erkannten die Ökonomen die Bedeutung dieses Ansatzes. 1991 wurde Coase dafür mit dem Nobelpreis geehrt.

          Aus ganz einfachen Verhältnissen hat er sich zu dieser höchsten akademischen Weihe hochgearbeitet. Coase, 1910 in Willesden bei London in eine bildungsferne Familie geboren (weder Vater noch Mutter hatten die Schule länger als bis zum 12. Lebensjahr besucht), konnte als erstes Mitglied der Familie die Oberschule besuchen und studierte dann zunächst Chemie. Doch das war ihm zu mathematisch. Also sattelte er auf Ökonomie mit einem betriebswirtschaftlichen Schwerpunkt um. 1931 und 1932 bereiste er die Vereinigten Staaten und besuchte dort mehrere Unternehmen. Diese Anschauung vor Ort brachte ihn auf den Gedanken der Transaktionskostentheorie. Zuvor hatten Ökonomen ein Unternehmen als "black box" betrachtet, die Inputs in Outputs verwandelt; dank Coase konnten nun die Organisationsstrukturen systematisch untersucht werden. Heute senkt das Internet viele Transaktionskosten, daher ändern sich Unternehmensformen.

          Das Coase-Theorem bahnte dem Handel mit Emissionszertifikaten den Weg

          Nach dem Weltkrieg ging Coase in die Vereinigten Staaten. Dort hat er 1960 eine zweite bahnbrechende, aber auch umstrittene Theorie in dem Aufsatz "The Problem of Social Cost" aufgestellt. Darin zeigte Coase, dass es für das Problem externer Effekte - etwa die Verschmutzung eines Flusses durch eine Fabrik - mehr als nur die übliche, auf Arthur Cecil Pigou zurückgehende Steuerlösung gebe. Entscheidend sei, dass die Eigentumsrechte (Property Rights) vollständig definiert sind. Dann könne es über freie Verhandlungen zwischen Verursachern und Leidtragenden zu einer Lösung kommen, die die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt maximiert. Die Idee des Handels mit Emissionszertifikaten geht auf diesen Grundgedanken zurück. Für den Liberalen Coase war es wichtig zu betonen, dass nicht für die Lösung sämtlicher Probleme der Staat benötigt werde. Häufig sei freie, dezentrale Koordinierung überlegen.

          In der Deregulierungsdebatte spielte dieser Ansatz eine wichtige Rolle. Coase, der von 1964 bis 1984 an der Law School der Universität Chicago lehrte, hat das Feld der Wirtschaftswissenschaften erweitert und die Juristerei mit einbezogen. Auf seine eigene engere Disziplin, die Wirtschaftswissenschaft, ist er nicht immer gut zu sprechen; sie erscheint ihm heute zu mathematisch und abgehoben von der Realität. Auch im hohen Alter ist Coase weiter als Forscher aktiv. Nächstes Frühjahr erscheint von ihm ein neues Buch "How China became Capitalist".

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