https://www.faz.net/-gqe-6l02x

Wirtschaftsnobelpreisträger Dale Mortensen : "Es ist immer schön, einen Prügelknaben zu haben"

  • Aktualisiert am

„Suchkosten wurden in der traditionellen Theorie als trivial gesehen”: Dale Mortensen Bild: REUTERS

Der Amerikaner Dale Mortensen ist zu einem Drittel Träger des diesjährigen Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über seine Theorie, die Bewältigung der Finanzkrise und die Rolle der Ökonomie.

          Herr Mortensen, herzlichen Glückwunsch zum Nobelgedenkpreis. Haben Sie erwartet, den Preis zu bekommen?

          Sicher denkt man darüber nach. Ich bin lange in dem Beruf, meine Arbeit wurde anerkannt, Menschen sprachen darüber. Aber man weiß nie, wann es kommt und ob es kommt.

          Können Sie Ihren wissenschaftlichen Beitrag für einen Laien erklären?

          Das ist für einen Laien einfach zu verstehen, aber aus Sicht der Ideengeschichte wurde es anders wahrgenommen. Der Kern ist, dass die herkömmliche Analyse von Märkten, die wir uns oft als Gütermärkte vorstellen, nicht einfach auf Arbeitsmärkte zu übertragen ist. Auf Gütermärkten hat jeder eine Idee, worum es geht, um den Austausch von Geld gegen Waren. Der Austausch auf Arbeitsmärkten ist viel komplizierter. Die Schwierigkeiten der Informationsbeschaffung und das Problem, Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammenzubringen, bedingen, dass Zeit erforderlich ist. Das zeigt sich in Arbeitslosigkeit. Unser Beitrag war, die Ökonomen dazu zu bringen, über diese Dynamiken nachzudenken.

          Viele der zeitintensiven Friktionen gründen in Suchkosten, der Arbeiter mit einer bestimmten Qualifikation muss den Arbeitgeber finden, zu dem er passt. Beschreiben diese Überlegungen ein Marktversagen?

          Nein, es geht vielmehr darum, dass Märkte im klassischen Sinn nicht perfekt sind. Die Annahme einer umfassenden Information trifft nicht zu. Man muss berücksichtigen, dass es Kosten von Transaktionen gibt; das wurde in der traditionellen Theorie oft als trivial gesehen. Wir lernen zunehmend, dass dies nicht stimmt.

          Welche Lehren lassen sich aus Ihrer Theorie für die Bewältigung der Krise ziehen?

          Jede Krise ist unterschiedlich, das ist das Problem der Ökonomik, dass man Experimente nicht wiederholen kann. In diesem Fall haben die Finanzmärkte Schaden am Arbeitsmarkt angerichtet, vor allem in den Vereinigten Staaten. Die Nachfrage durch Stimuli zu erhöhen hatte einen Effekt, aber es kann die strukturellen Ungleichgewichte nicht heilen. Sie müssen ausgebügelt werden, bevor das System wieder glatt funktionieren kann. Die Rolle der klassischen Fiskalpolitik ist dabei begrenzt.

          Wird die hohe Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten zum Dauerzustand?

          Ich denke nicht. Das Problem ist nicht der Arbeitsmarkt, auch wenn sich die Lage zu einem Arbeitsmarktproblem entwickeln kann, wenn Menschen, die lange ohne Arbeit sind, ihre Fähigkeiten oder den Anschluss an den Markt verlieren. Aber die Ursache für die Krise war nicht die strukturelle Arbeitslosigkeit.

          Die Mobilität der Amerikaner sinkt in der Krise, weil viele Menschen an ihre Häuser gebunden sind.

          Das ist eines der strukturellen Probleme. Finanzielle Hemmnisse machen die regionale Mobilität schwieriger, die immer ein Grund für die Flexibilität in den Vereinigten Staaten war. Das wird andauern, bis die Finanz- und Hausmärkte wieder normal funktionieren. Aber im Prinzip ist das kein Problem, das vom Arbeitsmarkt ausging.

          Brauchen die Vereinigten Staaten ein neues Konjunkturpaket? Was sonst könnte die Regierung noch tun?

          Unglücklicherweise habe ich keine magische Lösung. Ich glaube, niemand hat sie. Das Stimuluspaket hat geholfen, aber nun laufen wir in andere Schwierigkeiten der fiskalischen Stabilität. Die Hoffnung ist, dass wir nichts machen, was die Anpassung der Märkte behindert, zurück zu normalen Abläufen zu finden. Das hat viel mit Erwartungen zu tun, nicht nur bei den Verbrauchern.

          Wie kann man der Koordination durch die Märkte helfen?

          Ich wünschte, ich wüsste es. Die wichtigste Lehre ist, dass wir die Lage besser verstehen und sie nicht verschlechtern. Teil des Problems ist, dass wir durch eine Zeit der Reformen oder der versuchten Reformen gehen, ich meine die Gesundheitsreform. Man muss manche dieser Probleme angehen, aber es hat die Unsicherheit erhöht. Die Zeitabläufe des politischen Prozesses lassen sich nicht steuern, aber es war nicht hilfreich, auf eine notwendige Anpassung eine andere draufzusatteln.

          War die Finanzkrise ein Versagen des Kapitalismus?

          Ich bin kein religiöser Anhänger des Kapitalismus, aber ich weiß nicht, was es sonst gibt. Wir wissen, dass andere Experimente einer Wirtschaftsordnung sich langfristig als nicht akzeptabel herausgestellt haben. Der Kapitalismus hat viele Probleme, aber was ist die Alternative?

          Ist die Krise eine Krise der Ökonomen und der Wirtschaftswissenschaft?

          Es ist immer schön, wenn man einen Prügelknaben hat. Die Ökonomen sind nicht immun gegen zutreffende Kritik, sicher haben manche die Wissenschaft über die Grenzen unseres Wissens hinausgeschoben. Aber ich bin als Ökonom nicht gewillt, alle Schuld auf uns zu nehmen. Ökonomen treffen sehr wenige Entscheidungen. Es gibt viele Entscheider, die mehr Schuld haben.

          Weitere Themen

          Fed am Wendepunkt

          Zinssenkung erwartet : Fed am Wendepunkt

          Alle rechnen heute Abend mit einer Zinssenkung der amerikanischen Notenbank. Mit Spannung erwarten sie die Lageeinschätzung des Präsidenten Jerome Powell. Der allerdings steht unter Druck – Trump wirft ihm Ahnungslosigkeit vor.

          Alles auf Wiederaufbau Video-Seite öffnen

          Ölkonzern in Saudi-Arabien : Alles auf Wiederaufbau

          Der Ölkonzern Saudi Aramco will die Produktion in Churais nach den Drohnenangriffen bis Monatsende wieder voll aufnehmen. Rund um die Uhr arbeiten Mitarbeiter am Wiederaufbau.

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.