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Wirtschaftsgeschichte : Die Geburt der Mafia aus dem Schwefel

Gesucht - und gefunden: Im Juli 2008 wurden im italienischen Caserta 23 Mitglieder des Casalesi-Clans festgenommen, einer Untergruppierung der Camorra. Bild: AFP

Das organisierte Verbrechen lähmt Süditalien. Forscher haben nun die ökonomischen Ursprünge der Mafia untersucht. Sie entstand im Umfeld des Schwefelbergbaus.

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          Natürliche Ressourcen können ein wirtschaftlicher Segen sein. Edelmetalle, Öl, Gas oder andere Bodenschätze haben manches Land reich gemacht. Sie können aber auch ein Fluch sein. Die Entdeckung von Ressourcen hat in erstaunlich vielen Ländern zu unproduktivem Rentenstreben geführt. Konflikte, Korruption und autoritäre Regime waren die Folge, im schlechtesten Fall sogar Bürgerkriege. Ökonomen sprechen von einem „Ressourcen-Fluch“. Stabile Rechtsstaaten mit gesicherten Eigentumsrechten und guter Regierungsführung können durch die Ausbeutung von Ressourcen sehr reich werden (wie Norwegen durch das Gas), andere versinken in Gewalt und Chaos (wie Nigeria, das trotz großen Ölreichtums enttäuschend arm ist).

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Auch die sizilianische Mafia ist aus einem Ressourcenfluch entstanden. Diese These hat eine Gruppen von Ökonomen um Giovanni Prarolo von der Universität Bologna in einer empirischen Studie belegt, die jetzt in der Fachzeitschrift „Economic Journal“ der Royal Economic Society erschienen ist. Sie verwerfen darin die „Zitronen-Hypothese“, wie man sie nennen könnte. Viele frühere Forscher hatten eine Verbindung der sizilianischen „Cosa Nostra“ mit den Zitronengärten rund um Palermo hervorgehoben: Die Mafiosi hätten sich im neunzehnten Jahrhundert als Schutzgelderpresser entwickelt, die vor allem die vermögenden Besitzer der Zitronenplantagen unter Druck setzten: Entweder ihr zahlt - oder das Wasser wird abgedreht und die Zitronenernte ruiniert. Die Grundbesitzer zahlten. Prarolo und seine drei Mitautoren jedoch weisen in ihrer Studie ökonometrisch nach, dass nicht Regionen mit Zitronen, sondern der Schwefelbergbau die wichtigste Betätigungsfelder der Schutzgeldmafiosi waren.

          Sizilien dominierte damals die Weltproduktion von Schwefel mit rund 80 Prozent Marktanteil. Infolge der stark wachsenden Nachfrage aus den Industrieländern stieg der Preis - und mithin der Reichtum der Regionen, in denen der Schwefel im Tagebergbau gefördert wurden. Aber die staatlichen Institutionen waren schwach. Nach dem Zusammenbruch der bourbonischen Herrschaft gab es rivalisierende Machtgruppen, aber keine starke staatliche Polizei und Justiz, die das Eigentum der Landwirte und Bergbauunternehmer schützen konnte. Folglich kam eine Nachfrage nach „privaten Sicherheitsangeboten“ auf. Landgutverwalter, Gabelotti genannt, umgaben sich mit arbeitslosen Soldaten und Banditen und gründeten Schutzgeldunternehmen. Diese Proto-Mafiosi heizten durch Überfälle und Einschüchterung die Nachfrage nach ihren eigenen Diensten an. Die verängstigten Erpressungsopfer schwiegen lieber. Prarolo kann anhand der historischen Einschätzung eines Polizeifachmanns zur Aktivität der Mafia in 285 Gemeinden nachweisen, dass ein signifikanter Zusammenhang mit dem Schwefelbergbau besteht.

          Bis heute sind mafia-dominierte Regionen die mit Abstand ärmsten Regionen des Landes

          Im Frühjahr 1883 erschütterte eine schreckliche Serie von Mordtaten das westliche Sizilien: In Favara, einer Kleinstadt im Schwefelabbaugebiet nahe Agrigent, traten maskierte Männer auf und ermordeten einen Mann vor einem Lokal, in dem gerade eine Taufe gefeiert wurde. Am nächsten Tag fand man einen Toten mit einem abgeschnittenen Ohr. Später wurden massenhaft Menschen ermordet und in Minenschächten vergraben. Zwar verhaftete die Polizei nach einem Hinweis eines Bahnarbeiters 200 Männer, die einer geheimen „Bruderschaft“ angehörten, 107 wurden verurteilt. Mit der Bruderschaft von Favara trat erstmals die Mafia voll ins Tageslicht. Aber dennoch wurde das Ausmaß der kriminellen Vereinigung damals unterschätzt und diese nicht konsequent bekämpft, wie John Dickie in seiner Geschichte der „Cosa Nostra“ schreibt. Die Mafia konnte so ihr Netz über Sizilien und darüber hinaus legen.

          Bis heute sind die fünf italienischen Regionen mit der höchsten Mafia-Präsenz - Sizilien, Kalabrien, Kampanien, Apulien und Basilikata - mit Abstand die ärmsten Regionen des Landes. Aber was davon ist auf die Belastung durch Mafia-Aktivitäten zurückzuführen? Die Kausalität zwischen Armut und Mafia könnte in beide Richtungen gehen. Um die volkswirtschaftlichen Verluste durch die Mafia zu schätzen, hat sich Paolo Pinotti von der Mailänder Bocconi-Universität im „Economic Journal“ auf die Entwicklung in zwei Regionen konzentriert, in denen die Mafia sich verstärkt erst von Mitte der siebziger Jahren an ausbreitete: auf Apulien und Basilikata. Bis dahin waren dort die Mafia-Präsenz wie auch das Wohlstandsniveau ähnlich wie im Rest Süditaliens.

          Das änderte sich durch neue Ereignisse, vor allem durch die Eröffnung einer neuen Tabak-Schmuggelroute. Plötzlich expandierten Cosa Nostra, ’Ndragenta und Camorra in die südöstliche Ecke des italienischen Stiefels. Die Mafia erlebte dort einen starken Aufschwung. „Innerhalb weniger Jahre fielen Apulien und Basilikata von den neben anderen am schnellsten wachsenden italienischen Regionen zu den sich am schlechtesten entwickelnden“, schreibt Pinotti. Und die Bremsung hielt drei Jahrzehnte lang an. Sodann errechnet Pinotti in einem hypothetischen Szenario, wie sich die beiden Regionen ohne Mafia entwickelt hätten, und vergleicht die Resultate mit der heutigen Realität. Sein Ergebnis: Die Pro-Kopf-Einkommen sind innerhalb der dreißig Jahre um 16 Prozent gegenüber der Kontrollgruppe zurückgefallen (und gleichzeitig vervierfachte sich die Mordrate). Der Hauptgrund für die schlechte wirtschaftliche Entwicklung dürfte eine nur noch schwache Investitionstätigkeit in den von der Mafia beherrschten Gebieten sein.

          Weltweit ist das organisierte Verbrechen ein riesiger (Schatten-)Wirtschaftszweig. Die Vereinten Nationen haben die Gewinne vor einigen Jahren auf 1,6 Billionen Dollar im Jahr geschätzt. Neben Drogen-, Waffen- und Menschenschmuggel sind Erpressungen, Kidnappings, Geldwäsche und Betrug ihre Geschäftsfelder. Unter den westlichen Industrieländern ist Italien mit seiner Mafia eine Ausnahme (höchstens noch vergleichbar mit den Yakuza in Japan), sonst sind Verbrecherkartelle eher in Lateinamerika, Osteuropa, Asien und Westafrika tätig. In vielen Ländern dieser Regionen grassieren auch die Korruption und die Gewalt - alles Gift für eine gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung.

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