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Wirtschaftsgeschichte : Die Geburt der Mafia aus dem Schwefel

Bis heute sind mafia-dominierte Regionen die mit Abstand ärmsten Regionen des Landes

Im Frühjahr 1883 erschütterte eine schreckliche Serie von Mordtaten das westliche Sizilien: In Favara, einer Kleinstadt im Schwefelabbaugebiet nahe Agrigent, traten maskierte Männer auf und ermordeten einen Mann vor einem Lokal, in dem gerade eine Taufe gefeiert wurde. Am nächsten Tag fand man einen Toten mit einem abgeschnittenen Ohr. Später wurden massenhaft Menschen ermordet und in Minenschächten vergraben. Zwar verhaftete die Polizei nach einem Hinweis eines Bahnarbeiters 200 Männer, die einer geheimen „Bruderschaft“ angehörten, 107 wurden verurteilt. Mit der Bruderschaft von Favara trat erstmals die Mafia voll ins Tageslicht. Aber dennoch wurde das Ausmaß der kriminellen Vereinigung damals unterschätzt und diese nicht konsequent bekämpft, wie John Dickie in seiner Geschichte der „Cosa Nostra“ schreibt. Die Mafia konnte so ihr Netz über Sizilien und darüber hinaus legen.

Bis heute sind die fünf italienischen Regionen mit der höchsten Mafia-Präsenz - Sizilien, Kalabrien, Kampanien, Apulien und Basilikata - mit Abstand die ärmsten Regionen des Landes. Aber was davon ist auf die Belastung durch Mafia-Aktivitäten zurückzuführen? Die Kausalität zwischen Armut und Mafia könnte in beide Richtungen gehen. Um die volkswirtschaftlichen Verluste durch die Mafia zu schätzen, hat sich Paolo Pinotti von der Mailänder Bocconi-Universität im „Economic Journal“ auf die Entwicklung in zwei Regionen konzentriert, in denen die Mafia sich verstärkt erst von Mitte der siebziger Jahren an ausbreitete: auf Apulien und Basilikata. Bis dahin waren dort die Mafia-Präsenz wie auch das Wohlstandsniveau ähnlich wie im Rest Süditaliens.

Das änderte sich durch neue Ereignisse, vor allem durch die Eröffnung einer neuen Tabak-Schmuggelroute. Plötzlich expandierten Cosa Nostra, ’Ndragenta und Camorra in die südöstliche Ecke des italienischen Stiefels. Die Mafia erlebte dort einen starken Aufschwung. „Innerhalb weniger Jahre fielen Apulien und Basilikata von den neben anderen am schnellsten wachsenden italienischen Regionen zu den sich am schlechtesten entwickelnden“, schreibt Pinotti. Und die Bremsung hielt drei Jahrzehnte lang an. Sodann errechnet Pinotti in einem hypothetischen Szenario, wie sich die beiden Regionen ohne Mafia entwickelt hätten, und vergleicht die Resultate mit der heutigen Realität. Sein Ergebnis: Die Pro-Kopf-Einkommen sind innerhalb der dreißig Jahre um 16 Prozent gegenüber der Kontrollgruppe zurückgefallen (und gleichzeitig vervierfachte sich die Mordrate). Der Hauptgrund für die schlechte wirtschaftliche Entwicklung dürfte eine nur noch schwache Investitionstätigkeit in den von der Mafia beherrschten Gebieten sein.

Weltweit ist das organisierte Verbrechen ein riesiger (Schatten-)Wirtschaftszweig. Die Vereinten Nationen haben die Gewinne vor einigen Jahren auf 1,6 Billionen Dollar im Jahr geschätzt. Neben Drogen-, Waffen- und Menschenschmuggel sind Erpressungen, Kidnappings, Geldwäsche und Betrug ihre Geschäftsfelder. Unter den westlichen Industrieländern ist Italien mit seiner Mafia eine Ausnahme (höchstens noch vergleichbar mit den Yakuza in Japan), sonst sind Verbrecherkartelle eher in Lateinamerika, Osteuropa, Asien und Westafrika tätig. In vielen Ländern dieser Regionen grassieren auch die Korruption und die Gewalt - alles Gift für eine gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung.

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