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Wirtschaftsforscher : „Korruption ist wie Morphium“

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Schöne Geschenke machen süchtig, glaubt Korruptionsforscher Friedrich Schneider Bild: AP

Der Korruptionsforscher Friedrich Schneider schätzt den Schaden, der in Deutschland durch Bestechung entstanden ist, auf knapp 300 Milliarden Euro - und das nur für dieses Jahr. Korruption sei so schädlich, weil sie die Kräfte des Wettbewerbs aushebele. Darüber hinaus mache sie süchtig.

          Korruption wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr rund 295 Milliarden Euro kosten - das sind 20 Milliarden Euro mehr als noch im vergangenen Jahr. Das ergeben aktuelle Berechnungen des österreichischen Ökonomen und Korruptionsfachmanns Friedrich Schneider von der Universität Linz. Dabei zeigt sich, dass das Ausmaß an Korruption in der Bundesrepublik, gemessen am sogenannten CPI Transparency-Index von Transparencey International, in den vergangenen Jahren zugenommen hat.

          Der Index, der mittels Befragungen von Unternehmen und Behörden das Ausmaß der Korruption in einem Land ermittelt, ist seit dem Jahr 2005 von 8,2 auf 7,8 gesunken, was eine Zunahme der Korruption anzeigt. Ein Wert von zehn bedeutet, dass ein Land praktisch frei von Korruption ist, ein Wert von eins bedeutet hochgradige Korruption. Deutschland liegt, gemessen an diesem Index, unter den industrialisierten Staaten auf Platz 16; Dänemark, Finnland und Neuseeland sind mit einem Wert von 9,4 die Länder mit der geringsten Korruption.

          Eine große Versuchung - mit hohen volkswirtschaftlichen Kosten

          Die volkswirtschaftlichen Kosten der Korruption entstehen Schneider zufolge vor allem dadurch, dass sich nicht der beste Anbieter oder das beste Produkt am Markt durchsetzt, sondern das Unternehmen, das am meisten Bestechungsgelder zahlt. Das sieht Schneider so auch für Siemens: „In einigen Bereichen hatte Siemens Produkte, die nicht marktführend waren - deswegen musste man bestechen, um am Markt erfolgreich zu sein. In anderen Bereichen allerdings ist Siemens genötigt worden, Bestechungsgelder zu zahlen - halb war man Täter, halb Opfer.“

          Dabei sei die Versuchung, sich Marktanteile mittels Bestechung zu sichern, zumindest kurzfristig groß: „Korruption ist wie Morphium - wenn Sie einmal damit begonnen haben und merken, wie gut das funktioniert, können Sie nicht mehr damit aufhören.“ Wie lohnend das sein könne, zeige ein kurzer Blick auf die Affäre im Automobilkonzern VW: 20 000 Euro für eine Woche Rio seien, verglichen mit den Beschlüssen, denen die auf diese Weise geschmierten Betriebsräte zugestimmt hätten, eine gute Investition gewesen.

          „Siemens ist ein wichtiger Fall“

          Hier sieht Schneider auch eine der Ursachen der Korruption: Kurzfristig rechnet sie sich, langfristig hingegen dürfte jetzt auch den Vorständen bei Siemens klar sein, dass so ein Verhalten teuer wird - jedenfalls dann, wenn man erwischt wird. „Hier müsste der deutsche Gesetzgeber ansetzen: Bestraft man korrupte Unternehmen, indem man sie für längere Zeit von öffentlichen Aufträgen ausschließt, so macht das Korruption langfristig deutlich teurer und führt dazu, dass man zweimal mehr darüber nachdenkt, ob man einen solchen langfristigen Nachteil zugunsten eines kurzfristigen Erfolges riskieren will“, sagt Schneider.

          In Skandinavien praktiziere man diese Regelung sehr erfolgreich - Finnland, Schweden und Norwegen gehören zu den Staaten mit dem geringsten Ausmaß an Korruption. In den Vereinigten Staaten hat man eine weitere Vorkehrung gegen Korruption getroffen. Amerikanische Unternehmen, die in Staaten investieren, die als korrupt gelten, müssen mit einer erhöhten Beobachtung durch die Staatsanwaltschaft rechnen. „Siemens ist ein wichtiger Fall, weil er die langfristigen Folgen der Korruption verdeutlicht“, sagt Schneider. Allerdings frage er sich, warum der deutsche Gesetzgeber bisher untätig geblieben sei: Die Beispiele Skandinaviens und Amerikas zeigen seiner Ansicht nach, dass der Staat hier mehr tun kann - und auch sollte.

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