https://www.faz.net/-gqe-1374y

Wirtschaftsethik : „Es gibt eine Alternative zur Gewinnmaximierung“

  • Aktualisiert am

Peter Ulrich in der Bibliothek der Universität St. Gallen in der Schweiz Bild: Andreas Müller

In einer neuen Enzyklika prangert der Papst das Profitstreben an. Die Sonntagszeitung hat darüber mit dem Wirtschaftsethiker Peter Ulrich gesprochen. Er verteidigt den Heiligen Vater, kritisiert die Manager und fordert Ökonomie für Fünftklässler.

          In einer neuen Enzyklika prangert der Papst das Profitstreben an. Die Sonntagszeitung hat darüber mit dem Wirtschaftsethiker Peter Ulrich gesprochen. Er verteidigt den Heiligen Vater, kritisiert die Manager und fordert Ökonomie für Fünftklässler.

          Professor Ulrich, der Papst hat in seiner neuen Enzyklika geschrieben, mit Geld sollte nicht spekuliert werden. Ist das denn wirklich schlecht?

          Generell nicht. Wenn die Spekulationsmentalität sich aber von jeder Rücksichtnahme auf lebenspraktische Folgen ablöst, dann ist das unverantwortlich.

          Zudem fordert Benedikt als Lehre aus der Krise, nicht möglichst hohe kurzfristige Gewinne anzustreben, sondern auf den langfristigen Nutzen einer Investition für die Realwirtschaft zu achten. Was heißt das?

          Im Grunde verlangt er, die Finanzwirtschaft, also alle Banken und Investmentgesellschaften, wieder in den Dienst der Volks- und Weltwirtschaft zu stellen und damit ein Verhältnis umzukehren, dass maßgeblich zu den aktuellen Problemen beigetragen hat.

          ..., die, wenn sich sogar der Papst explizit zur Krise äußert, offenbar auch die Moral umfassen.

          Gewiss. Versucht man, diese Krise auf den zentralen Punkt zu bringen, dann drückt sich in ihr wohl die Spitze eines allzu radikal verselbständigten Gelddenkens aus.

          Hat das etwas mit den komplizierten Finanzprodukten zu tun, die viele Käufer offenbar nicht verstanden haben?

          Solche sogenannten Finanzprodukte - im Grunde wird da ja nichts produziert - sind ein typisches Symptom dieser Gewinnmaximierungsdoktrin. In ihnen wurden Risiken verschleiert, verbrieft und rund um die Welt verstreut. Das Wesen dieser Produkte besteht letztendlich darin, Geld aus Geld zu machen, ohne den lästigen Umweg über die Realwirtschaft zu gehen.

          Und das ist schlecht?

          Das Prinzip, mehr Geld und immer mehr Geld mit fast beliebigen Mitteln zu machen, ist nicht die Lösung, sondern der Kern des Problems.

          Aber in Wirtschaftsbüchern steht, wenn jeder versucht, den größtmöglichen Reibach zu machen, und sei es durch das Anlegen von Geld, muss das für alle gut sein.

          Wir beginnen gerade zu bemerken, dass sich hinter dieser Harmonievorstellung eine Ideologie verbirgt, die versucht, Partikularinteressen als das Gemeinwohl oder den „Wohlstand für alle“ zu verkaufen.

          Was meinen Sie damit?

          Dass einige von der Marktwirtschaft besonders profitieren und gleichzeitig erzählen, wir würden alle etwas davon haben.

          Die hohen Renditen der Banken haben aber zum Wachstum vor der Krise beigetragen und damit den allgemeinen Wohlstand erhöht, was gut ist.

          Da widerspreche ich. Die hohen Renditen sind eine Folge eindimensionalen Denkens. Gewinnmaximierung heißt ja, dass ich alle damit konfligierenden Wertgesichtspunkte dieser einen Dimension unterordne, ohne Rücksicht auf die Folgen für die betroffenen Menschen. Allzu lang wurden in einfältiger Weise die Milliardengewinne der Großbanken bejubelt und niemand wollte wirklich wissen, wie sie zustande kamen.

          Gibt es zur Gewinnmaximierung eine Alternative?

          Ich denke schon. Eine faire, ausgewogene Wirtschaftsweise würde immer damit beginnen zu fragen, welche legitimen Ansprüche von wirtschaftlichem Handeln betroffen sind.

          Das mahnt auch der Papst an. Er kritisiert, es gebe eine „kosmopolitische Klasse von Managern, die sich oft nur nach den Anweisungen der Hauptaktionäre richten“.

          Ja, und er schreibt zu Recht, dass gute Unternehmensführung etwa auch auf Arbeitnehmer, Kunden und Zulieferer Rücksicht nehmen muss.

          Ist es rücksichtslos, wenn ein Bankmanager 25 Prozent Rendite für sein Institut vorgibt?

          Ich halte dieses Ziel in der Tat für angreifbar. Zum Minimalbestand an Einsichten gehört doch, dass ein maßloses Renditestreben eine wesentliche mentale Ursache des Schlamassels ist. Insofern ist es ein fatales Signal, wenn bereits wieder Zahlen wie 25 Prozent Rendite als verbindliche einzige Zielgröße des angestrebten Unternehmenserfolgs ausgegeben werden. Das spricht dafür, dass ein Umdenken nicht stattgefunden hat.

          Müssen Manager - auch ihre Familien wollen schließlich ernährt werden - nicht hohe Gewinne anstreben, weil die Eigentümer sie sonst vor die Tür setzen?

          Genau das nenne ich „Sachzwangrhetorik“. Es ist doch seltsam: Dieselben Leute, die uns in Sonntagsreden weismachen wollen, dass der Markt der Inbegriff der Freiheit ist, reden ständig in diesem Modus des Müssens - irgendjemand, meist die anonyme Konkurrenz, zwinge sie zu diesem oder jenem.

          Weitere Themen

          „Was in Davos passiert, bleibt auch in Davos“ Video-Seite öffnen

          Weltwirtschaftsforum : „Was in Davos passiert, bleibt auch in Davos“

          Zum Start des Weltwirtschaftsforums im Schweizer Skiort Davos stellt sich die Frage: Wird es in diesem Jahr ohne Trump, May und Macron langweilig? Nein, sagen die F.A.Z.-Korrespondenten vor Ort und liefern die Begründung gleich mit.

          Suchet der Stadt Bestes

          Datenschutz : Suchet der Stadt Bestes

          Dauerüberwacht, zu Datenpunkten zerrieben und anschließend nicht nur, aber vor allem von großen Internetfirmen, den sogenannten Plattformkonzernen, mittels Mustererkennung wieder zu Verhaltensprognosen zusammengesetzt, die für Werbezwecke genutzt werden: Was tun, wenn die Würde des Menschen granularisiert zu werden droht?

          „Wir sind es wert!“ Video-Seite öffnen

          Mehr Geld für Staatsdienst : „Wir sind es wert!“

          Sechs Prozent mehr Gehalt und ein monatliches Plus von mindestens 200 Euro: Das ist die Forderung der rund 800.000 Tarifangestellten der Bundesländer außer Hessen. Am Montag sind die Verhandlungen gestartet.

          Topmeldungen

          Brexit-Kommentar : Mays Plan B ist Plan A

          Bei keiner wichtigen Frage änderte Premierministerin May ihre Haltung. Sie will nun wieder reden – mit den Abgeordneten und der EU. Dass es jetzt schnell gehen muss, kann sogar ein Vorteil sein.
          Wie ausradiert: Die Zerstörung immer größerer Teile des Gehirns führt zum großen Vergessen und am Ende sogar zum Verlust der Persönlichkeit.

          16 Jahre vor der Demenz : Ein Bluttest für Alzheimer

          Unheilbar, aber nicht unsichtbar: Nachdem deutsche Forscher entdeckten, dass Alzheimer-Spuren lange vor Krankheitsbeginn im Blut zu finden sind, haben sie einen Bluttest entwickelt. Anwendungsreif ist er nicht.
          Die schwarz-rot-goldene Begeisterung ist groß in den Hallen der Handball-WM.

          WM-Kommentar : Der Erfolg des Handballs

          Egal, ob man harte Zahlen nimmt oder den weichen Faktor Gefühl: Diese Handball-WM ist bislang eine einzige Erfolgsgeschichte. Das verwundert nicht. Erstaunlich ist aber etwas anderes. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.