https://www.faz.net/-gqe-xsij

Wie Ökonomen über Sparpolitik denken : Heute leiden, morgen genießen

Bild: Alfons Holtgreve

Wer Staatsausgaben kürzt, verstärkt die Krise? Mitnichten. Er sorgt sogar für Aufschwung. Die Sparpolitik in Europas Peripherie geht zumindest in die richtige Richtung. Das könnte zur Folge haben, dass sich die dortigen Volkswirtschaften schneller aus ihrer Krise erholen werden, als viele Pessimisten erwarten.

          3 Min.

          Die hochverschuldeten Staaten in der europäischen Peripherie bekunden, ihre staatliche Neuverschuldung deutlich reduzieren zu wollen. Dies geschieht zum einen durch eine Kombination aus höheren Steuern und der Kürzung von Staatsausgaben. Daneben ergreifen diese Länder, in unterschiedlichem Ausmaß, angebotspolitische Maßnahmen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Als Beispiele ließen sich die Deregulierung des Transportgewerbes und die geplante Erhöhung des Rentenalters in Griechenland anführen.

          Wie werden diese Maßnahmen wirken? Unter Ökonomen dürfte weitgehender Konsens über die langfristig positiven Wirkungen von Angebotspolitik auf die Wettbewerbsfähigkeit existieren. Umstrittener sind die Folgen staatlicher Sparpolitik auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit das kurz- und mittelfristige Wirtschaftswachstum. Eine traditionelle Ansicht, die sich (zu Recht oder zu Unrecht) auf John Maynard Keynes beruft, prognostiziert eine schwere Wirtschaftskrise als Ergebnis einer nachlassenden staatlichen Nachfrage. Der Konjunktureinbruch in Griechenland scheint diese Sichtweise zu bestätigen.

          Und doch könnte diese verbreitete Ansicht falsch sein. Es lassen sich theoretische, aber vor allem empirische Belege für die These finden, dass eine gut konzipierte staatliche Sparpolitik das Wirtschaftswachstum eher belebt als schädigt. Sollte sich diese Ansicht für den Rand Europas bestätigen, stünde die Peripherie vor einem möglicherweise sogar sehr kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung.

          John Maynard Keynes
          John Maynard Keynes : Bild: picture alliance

          Ob es so kommt, hängt wesentlich vom Verhalten der Menschen ab. Im traditionellen keynesianischen Modell führt nachlassende staatliche Nachfrage dazu, dass die Unternehmen ihre Investitionen zurückfahren und die Verbraucher pessimistisch werden. In einer alternativen modernen Sichtweise, die vor allem auf Arbeiten des Harvard-Ökonomen Robert Barro zurückgeht, denken Unternehmen und Verbraucher anders: Sie verbinden mit einer rückläufigen Staatsverschuldung weniger Steuererhöhungen in der Zukunft. Das verleitet sie dazu, jetzt weniger zu sparen und mehr zu konsumieren, weil sie in Zukunft weniger Geld benötigen. Die Unternehmen verbinden mit einem Rückgang der Staatsverschuldung die Erwartung niedrigerer Zinsen, was sie zu mehr Investitionen veranlasst.

          Für Alesina ist staatliche Sparpolitik der Königsweg

          Kurz: Staatliche Sparpolitik führt in traditionellen keynesianischen Modellen in die Krise, während sie in modernen Modellen einen Aufschwung zur Folge hat. Der Grund für diese sehr unterschiedlichen Ergebnisse sind die unterschiedlichen Erwartungen der Menschen in den beiden Modellen. Das zeigt unter anderem ein Arbeitspapier der Frankfurter Ökonomen Tobias Cwik und Volker Wieland.

          Welches Modell bildet die Erwartungen der Menschen besser ab? Fragt man den Harvard-Ökonomen Alberto Alesina, ist die Antwort klar. Alesina hält staatliche Sparpolitik für den Königsweg zu mehr Wachstum. Allerdings unterscheidet Alesina noch einmal: Er favorisiert eine Konsolidierung der Staatshaushalte durch Ausgabenkürzungen, während er in Steuererhöhungen weniger Vertrauen setzt. Das Argument folgt dem Muster Barros. Ausgabenkürzungen signalisieren den Menschen, dass sie in Zukunft mit gar keinen oder jedenfalls geringeren Steuererhöhungen als bisher erwartet kalkulieren können. Steuererhöhungen beschneiden nicht nur die verfügbaren Einkommen der Verbraucher, sie beschneiden auch das Wachstumspotential einer Wirtschaft.

          Solche Behauptungen lassen sich natürlich leicht aufstellen. Alesina beansprucht allerdings, auch die Empirie auf seiner Seite zu haben. Zusammen mit seiner Co-Autorin Silvia Ardagna hat er in einem Arbeitspapier 107 Fälle aus 21 Ländern untersucht, in denen entweder die Staatsausgaben stark ausgeweitet oder stark zusammengeschnitten wurden. Alesinas Schlussfolgerung aus dieser sehr umfangreichen Untersuchung ist klar: „Die Erfahrung der vergangenen 40 Jahre legt nahe, dass Ausgabensteigerungen, die das Wirtschaftswachstum anregen sollen, und Steuererhöhungen, die Staatsdefizite verringern sollen, ihre Ziele kaum erreichen werden.“ Stattdessen liege es nahe, die entgegengesetzte Strategie - Ausgabenkürzungen und Steuersenkungen - anzuwenden.

          Alesina hatte im vergangenen Jahr Gelegenheit, seine Ansichten den führenden europäischen Politikern vorzutragen. Cwik und Wieland kommen in einer vorläufigen Untersuchung der Krisenjahre 2008 und 2009 ebenfalls zu dem Schluss, dass auf der Basis der modernen makroökonomischen Modelle „eine starke Begründung für Kürzungen von Staatsausgaben“ vorliegt, um das Wirtschaftswachstum zu fördern. Diese Programme müssten rechtzeitig und klar kommuniziert werden.

          Die bisher beschlossenen Sanierungsprogramme sind ein Sammelsurium

          Es ist ideengeschichtlich interessant, dass sich in Keynes' Werk Hinweise auf die moderne Auffassung im Sinne von Barro und Alesina finden. Keynes hatte zwar expansive Finanzpolitik in Krisen befürwortet. Aber er hatte nicht auf höheren Staatsausgaben bestanden, sondern auch Steuersenkungen als eine Möglichkeit betrachtet. Vor allem aber war Keynes ein Gegner permanenter Neuverschuldung, die für ihn gleichbedeutend war mit einer Verunsicherung von Konsumenten und Unternehmern. Deshalb sah er es als wichtig an, nach einer Phase der Neuverschuldung durch die Kürzung öffentlicher Investitionen die Staatsausgaben wieder zurückzuführen.

          Den bisher beschlossenen Sanierungsprogrammen in der europäischen Peripherie liegt keine lang durchdachte einheitliche Strategie zugrunde. Daher bestehen sie aus einem Sammelsurium an Maßnahmen, zu denen neben Ausgabensenkungen auch Steuererhöhungen gehören. Zudem sind in mehreren Ländern weitere Schritte wünschenswert, sowohl was die Stabilisierung der Staatsfinanzen als auch die angebotspolitischen Schritte auf dem Weg zu einer höheren Wettbewerbsfähigkeit betrifft.

          Aber gemessen an der modernen Sichtweise geht die Sparpolitik in der Peripherie zumindest in die richtige Richtung. Das könnte zur Folge haben, dass sich die dortigen Volkswirtschaften schneller aus ihrer Krise erholen werden, als heute von vielen Pessimisten erwartet wird.

          Weitere Themen

          Endlich die Haare wieder schön!

          Öffnung der Friseure : Endlich die Haare wieder schön!

          Viele haben sehnsüchtig darauf gewartet, nun ist es soweit: Seit heute dürfen wieder Haare geschnitten, gefärbt und geföhnt werden. Wird der Haarschnitt nun teurer? Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema.

          Topmeldungen

          Söder und Kretschmer : Mehr impfen, auch im Supermarkt

          Bayern und Sachsen verlangen, dass mehr Impfstoff in die von Corona stark betroffenen Grenzregionen geliefert wird. Vor der nächsten Konferenz mit der Kanzlerin warnen die Ministerpräsidenten vor einem „Öffnungsrausch“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.