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Wie Literaten Versicherungen sehen : Kafka und die Assekuranz

Bild: AP

Seit Goethe begeistern sich Literaten für den Gedanken der Versicherung. Thomas Mann porträtierte die Branche nach einem unerfreulichen Job in einer Feuerversicherung. Kafka war der Versicherung ein Leben lang verbunden - in einer Art Hassliebe.

          Richard Wagner war chronisch klamm. Als Kapellmeister am sächsischen Hof erfreute sich der literarischste aller deutschen Komponisten eines aufwendigen Lebensstils. So sehr lebte er über seine Verhältnisse, dass er einen Kredit über 5000 Taler nur noch gewährt bekam, weil er sich gleichzeitig verpflichtete, eine Lebensversicherung abzuschließen. Die Assekuranz also ermöglichte dem Genius, Schaffensdrang und Luxusleben in Einklang zu bringen. Es war weder das erste noch das letzte Mal, dass sie Einfluss auf den Fortgang der Geistesgeschichte nahm. August Strindberg führte viele Jahre lang das erste Versicherungsjournal Schwedens, Gottfried Kellers Unterschrift steht unter der Gründungsurkunde des Rückversicherers Swiss Re. Benjamin Franklin erfand nicht nur den Blitzableiter, sondern gründete dazu auch eine eigene Versicherungsgesellschaft.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Johann Wolfgang Goethe (1749-1832)

          Wenig überraschend beginnt die geistesgeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Versicherungswesen in Deutschland mit Goethe. Der Literat, der sich im hohen Alter noch mit ökonomischen Themen wie der Geldschöpfung befasste, war ein Universalgelehrter. Als er sieben Jahre vor seinem Tod 1825 Besuch von Karl Heinrich Ritter von Lang erhielt, merkte dieser anschließend beleidigt an, Goethe habe sich nur für seine Arbeit bei der Ansbacher Feuersozietät interessiert, nicht aber für seine historischen Forschungen. Schon zuvor war er als Beamter in Weimar mit dem Aufbau einer Zwangsbrandkasse beschäftigt. Und auch literarisch hat diese Faszination Niederschlag gefunden: In "Wilhelm Meisters Lehrjahre", dem Inbegriff des deutschen Bildungsromans, erwägt einer der Protagonisten, Jarno, aus der freimaurerischen Turmgesellschaft eine internationale Versicherungsgesellschaft zu machen. "Wir assekurieren uns untereinander unsere Existenz, auf den einzigen Fall, dass eine Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen Besitztümern völlig vertriebe", sagt Jarno seinem Begleiter Wilhelm. Erst in der Fortsetzung des Romans, den "Wanderjahren", ist diese Idee in die Tat umgesetzt.

          Richard Dehmel (1863-1920)

          Als Literat nahezu in Vergessenheit geraten ist heute der Blankeneser Lyriker Richard Dehmel. In seinen emphatischen Gedichten hat sich der Sozialdemokrat der Sache der Arbeiterbewegung verschrieben. Seit Goethes Epoche hatten sich verschiedene Versicherungsgesellschaften auf deutschem Boden etabliert. Die heutige Munich Re wurde 1880 gegründet, Europas größter Versicherer Allianz feierte seinen Start 1890 in Berlin. In diese Zeit fällt auch Dehmels Dissertation mit dem schönen Titel "Eine Prüfung der Gründe für den ausschließlich öffentlichen Betrieb der Feuerversicherung". In einem Brief vom 30. Juni 1886 verrät er einem Freund, dass ihn diese Arbeit in die Lage versetze, in Berlin eine Anstellung bei der Aachen-Münchener Versicherungs-Gesellschaft zu bekommen. Zu diesem Zeitpunkt schwärmt er noch davon, seinen Gegenstand bald mit genauen statistischen Verfahren zu ergründen. Wenig später aber gibt er zu, dass seine Dissertation "nichts berühmtes werden wird". Mit dem Abstand des Jahres 1912 bezeichnet er sie gar als "Plunder". Und auch seine Anstellung in der Branche lässt ihn nur über seinen "ungeliebten Beruf" klagen. Immerhin erlaubt es ihm seine Tätigkeit für einen Versichererverband, mit anständigen "Nebenausgaben" zu reisen. Für die Arbeit hat er in einem Brief vom 7. März 1892 nur noch ein Wort übrig: "Ekelhaft!" Literarisch hat er sich ohnehin stets anderen Themen zugewandt.

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