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Stellenausschreibung der Kanzlerin : Wie gefährlich sind die Verhaltensforscher?

  • -Aktualisiert am

Ist das gefühlvolle Bevormundung?

Ein Beispiel: Wie sollte der Manager einer Cafeteria die Speisen in seinen Regalen anordnen, wenn er entdeckt, dass die Reihenfolge großen Einfluss darauf hat, was die Kunden kaufen? Die Forschung zeigt, dass die Kunden, die zuerst am Obst vorbeilaufen und dann an einem alternativen süßen Nachtisch vorbeilaufen, mehr Obst essen. Daraus folgt: Die bloße Anordnung der Speisen bringt die Gäste ohne jeglichen Zwang dazu, sich gesünder zu ernähren. Vor allem aber ist niemand eingeschränkt - wer einen anderen Nachtisch will, kann immer noch einfach zugreifen. Diejenigen, die zum Obst greifen, folgen der einfachen Heuristik „Nimm als Nachtisch das Erstbeste, was angeboten wird“.

Für Politiker ist das attraktiv: Sie hoffen, durch staatliche Eingriffe, die keinen Zwang beinhalten, das Verhalten der Menschen in die politisch gewünschte Richtung zu beeinflussen - ohne dass die Freiheit der Bürger beschnitten würde.

Gibt es dafür Beispiele?

Wie soll ein Unternehmen betriebliche Pensionspläne gestalten? Sollen es sein Arbeitnehmer auffordern, an einem entsprechenden Programm teilzunehmen (Opting-in-Klausel)? Oder soll es die Teilnahme zur Regel erklären und diejenigen, die nicht teilnehmen wollen, müssen dies explizit erklären (Opting-out-Klausel). Ökonomisch betrachtet handelt es sich dabei um gleichwertige Gestaltungsmöglichkeiten, die jedem Teilnehmer die Freiheit der Entscheidung lassen. Experimente zeigen nun, dass Opting-Out-Klauseln mehr Mitarbeiter dazu bringt, für die betrieblichen Pensionspläne zu entscheiden. Dieses Prinzip (im Fachsprech Default-Optionen) kann man überall dort einsetzen, wo Menschen vor einer Wahl stehen und die Politik möchte, dass sie eine bestimmte Variante wählen. Diese Variante wird zum Standard (Default) erklärt, der abgewählt werden kann, wenn man ihn nicht will.

Andere Maßnahmen stellen eine gezielte Versorgung der Bürger mit Informationen dar – nach psychologischen Prinzipien: Informierte man Studenten darüber, dass Impfungen wichtig sind, stieg die Zahl Impfwilligen nur leicht. Gab es zu den Informationen über die Impfung einen Plan, wo auf dem Campus zu welchen Zeit Impfungen angeboten werden und wurden die Studenten aufgefordert, sich einen Termin zu machen, stieg die Zahl Impfwilligen deutlich. Oder aber man möchte, dass möglichst viele Menschen zur Vorsorgeuntersuchung gehen. In diesem Fall erklärt man ihnen am Besten, dass eine versäumte Vorsorgeuntersuchung dazu führt, dass die Chancen für eine frühzeitige Entdeckung von Krankheiten sinken - und nicht umgekehrt, dass die Chancen einer frühzeitigen Entdeckung steigen, wenn man zur Vorsorgeuntersuchung geht. Hier nutzt man die Verlustaversion der Menschen.

Ein Beispiel für eine wesentlich härtere Eingriffsart des liberalen Paternalismus ist die Idee sogenannter Raucherlizenzen: Der Staat setzt beispielsweise eine Regel, die so lautet: Wer 4000 Päckchen Zigaretten kaufen will, muss zuvor eine (teure) Lizenz erwerben. Der Staat verbietet so nicht das Rauchen. Wer wirklich Rauchen will, wird sich die Lizenz kaufen. Wer willensschwach ist und eigentlich nicht Rauchen will, aber ohne eine solche Regelung schleichend zum Raucher werden würde, verzichtet auf die Lizenz. Und bewahrt sich selbst davor, aufgrund seiner Willensschwäche zum Raucher zu werden.

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