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Was ist schiefgelaufen? : Die Ökonomen in der Sinnkrise

Bild: Rainer Wohlfahrt, Andreas Müller, AFP, AP

Den Crash der Weltwirtschaft hat kaum ein Volkswirt vorhergesehen. Wozu brauchen wir diese Wissenschaft noch? Das Fach sucht nach einem neuen Selbstverständnis.

          Es ist erstaunlich, dass alles trotzdem weitergeht. Während so manches Unternehmen sich weigert, überhaupt noch einen Ausblick auf das laufende Geschäftsjahr zu wagen, scheint die Vorhersage für die gesamte Volkswirtschaft weitaus einfacher zu sein. Die professionellen Prognostiker jedenfalls machen weiter. Komme, was da wolle, sie geben ihr Votum ab. Minus drei Prozent, minus vier Prozent, minus fünf Prozent: Munter korrigieren sie das Wachstum nach unten - mit gewohnter Verve und Überzeugung.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein Frechdachs, wer nachzuschlagen wagt, was sie vor einem Jahr gesagt haben. Doch aufschlussreich ist es in jedem Fall. Anfang 2008 war die Welt nämlich noch in Ordnung. Die Ökonomen sprachen von einer Abkühlung im Jahr 2009. Ein Wachstum von 1,2 Prozent, 1,5 Prozent, 1,8 Prozent sei zu erwarten, hieß es damals, aber weiß Gott keine Rezession, nicht einmal Stagnation. Ach ja.

          Dann kam die Krise - und mit ihr wurde offenbar, wie sehr die professionellen Prognostiker in Deutschland danebengelegen haben. Sie haben sich täuschen lassen, sind kollektiv der Illusion erlegen, die Finanzmärkte seien stabiler, als sie es tatsächlich waren. Sie haben die Kreditkrise erst nicht kommen sehen - und dann nicht geglaubt, dass sie sich zur Wirtschaftskrise auswachsen würde.

          Jeder hätte warnen können

          Das Versagen betrifft nicht nur die Institute der Konjunkturforscher. Es betrifft alle Ökonomen. Jeder von ihnen betrachtet die Weltwirtschaft oder Teile von ihr mit einiger Aufmerksamkeit. Jeder hätte warnen können. Doch kaum einer hat erkannt, was kommen könnte. Und die wenigen, die etwas ahnten, haben nicht laut genug um Hilfe gerufen.

          Jetzt hat die Wirtschaftskrise die Ökonomen in eine Sinnkrise gestürzt. Die Debatte hat gerade erst begonnen. Die Fragen lauten: Was ist da schiefgelaufen? Und was kann Ökonomie überhaupt?

          Einige Nicht-Ökonomen haben ihre Antwort schon gefunden. Der SPD-Fraktionschef Peter Struck etwa schlug Ende vergangenen Jahres vor, den renommierten Sachverständigenrat, auch Rat der fünf Weisen genannt, kurzerhand abzuschaffen. Er produziere mit seinen Prognosen sowieso "vor allem viel heiße Luft". Und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück - ein studierter Ökonom - lästert gerne, dass man von zwei Ökonomen immer mindestens zwei Ratschläge bekomme.

          Viele Wissenschaftler sehen ein Versagen

          Die Ökonomen selbst reagieren verschreckt: Die einen geben sich zerknirscht, die anderen behaupten, alles immer schon gewusst zu haben. Letztere nerven besonders. Denn wenn sie tatsächlich schon in ihrer Doktorarbeit vor fehlender Bankenregulierung gewarnt haben, so fragt man sich, wieso sie nicht all ihre Macht und Prominenz eingesetzt haben, die Öffentlichkeit zu warnen.

          Die zerknirschten Wissenschaftler sind angenehmer - und sie sind in der Überzahl. "Ich habe versagt, weil ich die Tiefe des Abschwungs so nicht erwartet hätte", sagt etwa Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats. Der Finanzwissenschaftler Clemens Fuest von der Universität Oxford erinnert sich an ein Gespräch, das er vor einigen Jahren mit einem hochrangigen Bankenregulierer führte. "Er sagte mir, er habe ein sehr schlechtes Gefühl, weil die Rating-Agenturen so stark mit den Firmen verbandelt sind, die sie eigentlich kontrollieren sollen", erzählt Fuest. "Ich habe das nicht ernst genug genommen."

          Und Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, sagt: "Es ist eine Katastrophe. Was wir in den letzten zehn bis 15 Jahren in der Makroökonomie gemacht haben, ist durch die Krise komplett über den Haufen geworfen worden." Ein Schlag. Jetzt geht es darum, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Klar ist: Ökonomen sind keine Wahrsager. Könnten sie das Wirtschaftswachstum auf den Prozentpunkt genau vorhersagen, die Rohstoffpreise in drei Monaten korrekt prognostizieren und die Bewegung an den Aktienmärkten im Detail vorhersehen - sie wären allesamt reich.

          Die Krise hat die Gräben tiefer werden lassen

          Sollen die Wirtschaftswissenschaftler Prognosen also einfach bleiben lassen? Wohl kaum. Denn was die meisten Menschen an der Arbeit der Ökonomen zuerst interessiert, sind die Vorhersagen. Unternehmen brauchen sie für ihre Unternehmungen, Politiker für ihre Politik. Und Arbeitnehmer wollen wissen, ob sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen.

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