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Wachstumskritiker Tim Jackson : „Wohlstand besteht nicht nur aus Einkommen“

  • Aktualisiert am

Tim Jackson Bild: dpa

Der ehemalige Umweltberater der britischen Regierung, Tim Jackson, hält weiteres Wachstum für ökologisch schädlich. Gerade ist sein Bestseller „Prosperity without Growth“ auf Deutsch erschienen. Ein Interview.

          10 Min.

          Professor Jackson, „Wohlstand ohne Wachstum“ heißt Ihr Buch. Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

          Nein. Besonders wenn Sie das englische Wort „prosperity“ nehmen. Damit ist Wohlergehen gemeint. Die Wurzeln des Begriffs liegen im lateinischen Wort für Hoffnung. Das nur in Geld zu übersetzen, ist eine sehr moderne Konstruktion. Spricht man von Wohlstand nur als einem wachsenden volkswirtschaftlichen Einkommen, verwechselt man die Ziele mit den Mitteln. Lange Zeit hat der Zuwachs des materiellen Durchsatzes von Gütern dabei geholfen. Aber das ist heute nicht mehr der Fall, weil wir an ökologische Grenzen stoßen – und auch auf Probleme sozialer Ungleichheit. Selbst die Expansionsfähigkeit der Wirtschaft selbst scheint begrenzt zu sein. Weiteres Wachstum kann den Wohlstand also sogar unterhöhlen.

          Studien zeigen, dass ein Wachstum von rund 1,5 Prozent notwendig ist, um den Arbeitsmarkt zu stabilisieren. Welche Lösung gibt es bei Nullwachstum: weniger Arbeitsstunden und damit eine deutliche Verteuerung des Faktors Arbeit?

          Diese Dynamik zeigt ein echtes Dilemma, das durch nicht-nachhaltiges Wachstum entsteht. Wachsende Nachfrage lässt sich bedienen mit einem Produktivitätzuwachs des Faktors Arbeit. Unser Verständnis von Innovation erlaubt es, mehr mit weniger Mitteleinsatz zu produzieren. Wenn die Wirtschaft nicht um 1,5 Prozent wächst, werden Menschen arbeitslos. Wir sind in einer Produktivitätsfalle. Mathematisch gibt es nur zwei Auswege: entweder akzeptieren wir, dass wir produktiver werden und arbeiten weniger...

          ... was Arbeit deutlich verteuert...

          Okay, Unternehmen zahlen dann etwas mehr für die Arbeit. Aber diese Diskussion führen wir schon lange. Seit gut 150 Jahren wurden Produktivitätsgewinne eingesetzt, um Arbeitszeit zu verkürzen. Dieser Trend könnte sich mit einem schwächeren Wachstum etwas verstärken. Wenn die Nachfrage durch natürliche Grenzen des Wachstums beschränkt wird, muss ein geschicktes Arbeitszeitsmodell deshalb danach fragen, wie die Arbeitszeit in gleichem Maße in der Erwerbsbevölkerung aufgeteilt wird. Es kann nicht sein, dass die Leistungsstarken ihre Anteile sichern und andere arbeitslos werden. Die einzige Alternative ist zu hinterfragen, ob Produktivitätswachstum immer der richtige Pfad ist. Es gibt starke Argumente, die dafür sprechen, Arbeitskraft umzulenken in Bereiche mit weniger Aussichten auf einen Produktivitätszuwachs: vor allem in dienstleistungsorientierte Segmente.

          Dann gilt es, Menschen an den Produktivitätszuwächsen der Industrie zu beteiligen. Sie aber nehmen gar nicht an der ökonomischen Wertschöpfung teil.

          Wenn Löhne immer nur mit den Produktivitätszuwächsen steigen dürfen, stimmt das. Aber wir entscheiden als Gesellschaft schon jetzt darüber, wie viele Ärzte wir benötigen. Damit stellt sich die Frage des Werts verschiedener Arbeiten. Lohnpolitik müsste zu einem Teil des neuen Wohlstandskonzepts werden. Produktivität muss ja nicht nur bezogen werden auf die finanziellen Umsätze, die sich damit erzeugen lassen. Auch Gesundheit, Bildung, Gemeinschaft, die Pflege und die Betreuung älterer und jüngerer Menschen tragen zum Wohlstand bei. Vielleicht stehen wir kurz davor, einen breiteren Gesellschaftsvertrag auszuhandeln.

          Hat die Finanzkrise nicht gezeigt, dass Wachstum der beste Weg hinaus aus einer ungünstigen ökonomischen Lage ist? Deutschland wird überall bewundert.

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