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Vorstellungskraft : Umgeben von Nullen

Die Wirtschaftskrise hat uns den Umgang mit Zahlen nicht leichter gemacht: Wie viel sind 50 Billionen Dollar? Wissenschaftler sagen: Solche Summen kann das menschliche Gehirn nicht erfassen. Das scheinbar selbstverständliche Jonglieren mit diesen Zahlen wiege die Menschen jedoch in trügerischer Illusion.

          Zahlen sind Schall und Rauch, zumindest in der Welt von Dagobert Duck, des schwerreichen Enterichs aus dem Walt-Disney-Comic. Je nach Band variieren die Summen, die Onkel Dagobert in seinem berüchtigten Geldspeicher in Entenhausen hortet, mitunter beträchtlich.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Mal ist von 13 Trillionen, 224 Billionen, 567 Milliarden, 778 Millionen Talern und 16 Kreuzern die Rede, mal sind es 9 Fantastilliarden, 657 Zentrifugillionen Taler und 16 Kreuzer. Wie er selbst einräumt, steigt und fällt die Höhe seines Einkommens recht schnell. Da kann man schon mal den Überblick verlieren.

          In der krisengeschüttelten Weltwirtschaft geht es vielen ähnlich. Mit einer Billion Dollar will die amerikanische Notenbank die Finanz- und Immobilienbranche stützen, 165 Millionen Dollar zahlt der amerikanische Versicherer AIG seinen Managern an Boni, mit Garantien von 87 Milliarden Euro hält in Deutschland die Regierung den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate am Leben, und auf der ganzen Welt soll im vergangenen Jahr nach Berechnungen der asiatischen Entwicklungsbank ein Anlagevermögen von rund 50 Billionen Dollar vernichtet worden sein. In Nullen: 50.000.000.000.000 Dollar. Die Fantastilliarden-Sphäre scheint nicht mehr weit entfernt, das Gefühl für all die Ziffern schwindet.

          Den Bezug zu den Nullen herstellen

          Wissenschaftler haben dafür vollstes Verständnis. „Das menschliche Gehirn kann sich solche Summen nicht vorstellen. Wir sind mit den Summen vertraut, mit denen wir im Alltag umgehen“, sagt Armin Falk, Neuroökonom von der Universität Bonn. „Alles, was über ein Jahresgehalt oder den Preis eines Einfamilienhauses hinausgeht, ist schwer zu begreifen.“

          Harald Haarmann, Sprachwissenschaftler und Autor des Buchs „Weltgeschichte der Zahlen“, pflichtet ihm bei. „Eine Milliarde, das ist für die meisten schlicht eine Metapher für riesengroß.“

          Angesichts der hohen Beträge, die Politik und Wirtschaft aktuell bewegten, hätten viele Bürger resigniert, beobachtet Neuroökom Falk. „Bewertungen sind immer von einem Referenzpunkt abhängig“, erklärt er das allgemeine Schulterzucken. „Wenn der Referenzpunkt sehr hoch ist, spielt es für uns keine Rolle, ob es um 100 oder 101 Milliarden Euro geht. Das ist irrational, denn natürlich ist eine Milliarde Euro eine Menge Geld.“ In Nullen: 1.000.000.000 Euro.

          Das scheinbar selbstverständliche Jonglieren mit hohen Zahlen wiege die Menschen in der Illusion, dass das Geld vorhanden sei. Wenn es nach Falk ginge, müssten Politiker den Bürgern die Konsequenzen der Rettungspakete aufzeigen, die Nullen greifbar machen, indem sie einen Bezug zu bekannten Größen herstellen: „Nach dem Motto: Wenn wir in die Rettung dieses Unternehmens 5 Milliarden Euro investieren, dann werden folgende Autobahnen und Kindergärten nicht gebaut.“

          Zählen in „Kriseneinheiten“

          Die in Europa übliche Zählweise in Millionen und Milliarden, Billionen und Billiarden, Trillionen und Trilliarden bezeichnet Sprachwissenschaftler Haarmann als „geschichtlichen Zufall“. Die Amerikaner zählen nach einem anderen System. Dort folgt auf „million“ direkt „billion“, was der deutschen Milliarde entspricht - und was in der internationalen Zusammenarbeit vielfach für Verwirrung sorgt.

          „In der Finanzwirtschaft ist es nicht sinnvoll, in so hohen Zahlen zu rechnen“, sagt Haarmann. Die Forscher der Leibniz-Gemeinschaft empfehlen die Zählweise von Wissenschaftlern. Die sprächen angesichts der hohen Zahlen stets in Zehner-Potenzen, was Verständigungsschwierigkeiten vermeide. Also statt „Milliarde“ aus dem Mund eines Deutschen oder „Billion“ aus dem eines Amerikaners lieber multikulturell-einheitlich „zehn hoch neun“.

          Lernen lässt sich der Umgang mit den Riesenzahlen nicht, zumindest nicht in kurzer Zeit, da sind sich Neuroökonom Falk und Sprachwissenschaftler Haarmann einig. „Das würde eine Gewöhnungszeit erfordern, die bis zu einer Generation reichen kann“, sagt Letzterer. Das übersteige wohl die Dauer der aktuellen Krise, mutmaßt Haarmann und schiebt schnell noch ein „hoffentlich“ hinterher.

          Vorsorglich hat er schon mal über Alternativen nachgedacht. „Vielleicht sollten wir wie in der Astrophysik in Einheiten zählen. Eine Milliarde Euro ist eine Kriseneinheit. Ein Konjunkturpaket sind 50 Kriseneinheiten. Wer weiß, vielleicht lernen unsere Kinder das ja irgendwann mal so in der Schule.“

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