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Von Jobsuche und Heiratsmärkten : Das Modell der Nobelpreisträger

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Peter Diamond, Christopher Pissarides und Dale Mortensen (v.l.n.r) Bild: dpa

Warum kann es gleichzeitig hohe Arbeitslosigkeit und freie Stellen geben? Wann hört ein Arbeitsloser auf, einen Job zu suchen? Wenn namhafte Arbeitsmarktforscher auf diese Fragen eine Antwort suchen, stützen sie sich auf das Modell der frisch gebackenen Nobelpreisträger.

          Peter A. Diamond, Dale Mortensen und Christopher A. Pissarides haben mit ihrem Ansatz die Probleme des Arbeitsmarktes neu erklärt. Während die klassische Theorie von Angebot und Nachfrage davon ausging, dass sich alles findet, bezogen die Wirtschaftswissenschaftler ganz neue Faktoren mit ein.

          Vor Diamond, Mortensen und Pissarides gab es nur eine statische Sicht, wonach es keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit geben kann. „Die These lautete also: Alles findet sich, jeder kann einen Job bekommen, jeder hat alle Informationen, die er braucht. Gibt es mehr Arbeitslose, sinken die Löhne, daher stellen die Arbeitgeber wieder ein“, sagt Ronald Bachmann vom Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen im historischen Rückblick.

          Die Wissenschaftler erkannten darin unrealistische Ansätze und entwickelten die Such- und Matching-Methode. Ihre These lautet: Sowohl Jobsuchende wie auch Arbeitgeber müssen viel Zeit und Geld aufwenden, um ihren „Partner“ zu finden, weil es keine vollständigen Informationen gibt. Zum Beispiel weiß der Arbeitgeber nicht, ob der Lebenslauf des Bewerbers lückenlos stimmt. Und der Arbeitnehmer weiß nicht, wie sich der Job genau gestaltet. Das mathematische Modell berechnet, wann sie mit der Suche aufhören oder ob sie weiter nach einem Partner Ausschau halten, der besser „passt“.

          „Das ist wie in der Disco: Da stehen auf einer Seite Männlein und auf der anderen Seite Weiblein herum, und nach zwei Stunden tun sich ein paar zusammen. Das Modell berechnet vorher, wieviele Paare entstehen“, sagt der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Dennis Snower. Die Modelle der Nobelpreisträger machen deutlich, von welchen Faktoren die Entscheidungsfindung abhängt: Von Mindestlohnbestimmungen, aktiver Arbeitsvermittlung oder der Arbeitslosenversicherung.

          „Das Brot- und Butter-Modell der Arbeitsmarktforschung“

          Schon in den 70er Jahren legten die drei Forscher die Basis - und bis heute ist ihr Ansatz aktuell. „Ihre Theorie hat unmittelbare Konsequenzen für die aktuelle Arbeitsmarktpolitik, für Mindestlöhne, Kündigungsschütz und Hartz-IV“, sagt der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Joachim Möller. „Es ist das Brot- und Butter-Modell der Arbeitsmarktforschung - auch für die ökonomischen Berater der Bundesregierung.“

          Das Modell erklärt, wie es zu unfreiwilliger Arbeitslosigkeit kommt. Und erklärt, welche Anreize im Niedriglohnsektor nötig sind. Das IAB hat herausgefunden, zu welchem Mindestlohn Arbeitslose eine Arbeit annehmen würden: Zu einem Stundenlohn von 6 bis 7 Euro. Dieser Betrag oder Anspruchslohn würde sich deutlich von den 4,50 Euro absetzen, die ein vollzeitbeschäftigter Alleinstehender verdienen muss, um über das Hartz-IV-Niveau hinauszukommen - ein echter Anreiz also.

          Mortensen und Pissarides bestätigen auch den Kurs der Hartz-IV- Reformen der Bundesregierung, mit der die Politik die Arbeitslosigkeit senken will - indem sie gezielte Verhaltensanreize des „Förderns und Forderns“ gibt, aber auch die Arbeitsvermittlung stärkt und effizienter macht. In der Sprache der Nobelpreisträger würde man sagen: Das senkt die Kosten der Suche, die als eine der Stellschrauben für die Entscheidungsfindung gilt.

          Selbst die Existenzberechtigung der Arbeitsvermittlung können die Nobelpreisträger belegen. Dort laufen Stellenangebote ein, dort stellen sich die Jobsuchenden vor - also können die Vermittler Informationsdefizite abbauen. „Die Theorie erklärt die Bedeutung der Bundesagentur für Arbeit“, erklärt der Präsident des Münchner Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn. „Man macht die Suchkosten zu öffentlichen Kosten.“ Doch das Mortensen-Pissarides-Modell taugt nicht nur für den Arbeitsmarkt. „Es erklärt alle Märkte, auf denen nicht alle Informationen zu 100 Prozent bekannt sind“, sagt Arbeitsmarktforscher Möller. Märkte, bei denen sich Anbieter und Käufer nicht direkt begegnen. Leerstände auf dem Wohnungsmarkt lassen sich genauso analysieren wie die Suche nach dem idealen Partner auf dem Heiratsmarkt.

          Das Modell der Nobelpreisträger ist heute in aller Welt anerkannt. Doch im Detail gibt es durchaus Kritik. „Die Vereinfachung im Modell erklärt nicht, woher die Heterogenität im Arbeitsmarkt kommt“, sagt Dennis Snower. Falls es zu einem Schock komme wie einen rasant steigenden Ölpreis, steige die Arbeitslosigkeit schneller, als das Modell berechne.

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