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Volkswirtschaftslehre : Angriff auf den Homo oeconomicus

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Der Psychologe unter den Ökonomen: Daniel Kahneman erhielt 2002 den Nobelpreis Bild: Andreas Müller

Wie vernunftbegabt ist der Mensch, und was bedeutet dies für die Wirtschaftspolitik? Die neue Verhaltensökonomik verspricht viel, kann aber nicht alles halten.

          Wer an der Idee vom Menschen als vernunftbegabtes Wesen zweifelt, muss derzeit nicht lange suchen: Manager, die Bankenimperien in den Ruin treiben, Finanzmärkte, die außer Rand und Band geraten sind, und Anleger, die Papiere gekauft haben, für deren Verständnis man ein Mathematik-Diplom benötigt - das soll also der Mensch, das intelligente, voll rationale Wesen sein?

          Dieser Befund könnte geeignet sein, die Ökonomie in ihren Grundfesten zu erschüttern: Dem "Homo oeconomicus", dem kühlen, berechnenden und nutzenmaximierenden Hauptdarsteller der ökonomischen Modellwelt, wäre so etwas nie passiert. Die Idee des rational agierenden Menschen ist die zentrale Annahme der klassischen Ökonomie - ohne den Homo oeconomicus, der Kritiker an den kalten, rein logisch entscheidenden Mr. Spock aus der Science-Fiction-Serie "Raumschiff Enterprise" erinnert, ist die ökonomische Theorie kaum vorstellbar.

          Auch wenn dieses Menschenbild vom berechnenden Nutzenmaximierer enorme Fortschritte bei der Ausarbeitung ökonomischer Theorien und Modelle ermöglicht hat, liegt die Kritik auf der Hand: Menschen sind nicht perfekte Rechenmaschinen oder egoistische Kaltblütler ohne Emotionen. Die wenigsten von uns verschieben Kurven oder jonglieren mit Formeln, bevor sie eine Entscheidung treffen. Diese Kritik am Homo oeconomicus hat sich mittlerweile in einer eigenen Disziplin gesammelt, der sogenannten Verhaltensökonomik ("behavioral economics"): Hier versucht man mit Hilfe der Psychologie aus dem kalten Mr. Spock ein realitätsnahes Wesen aus Fleisch und Blut zu machen.

          Menschen lösen komplexe Probleme mit einfachen Faustregeln

          Menschen, so die Vertreter dieser Disziplin, unterliegen im Gegensatz vielen kognitiven Beschränkungen: Sie machen permanent Fehler bei der Informationsaufnahme und -verarbeitung, sie sind willensschwach und emotional, und sie sind bei weitem nicht so egoistisch, wie es uns die Ökonomen glauben machen wollen. Aus diesem Ansatz ist mittlerweile ein umfangreiches, fruchtbares Forschungsfeld geworden, das mit den Nobelpreisen für den Psychologen Daniel Kahneman und den Ökonomen Vernon L. Smith mittlerweile anerkannt wurde.

          In einem Artikel im Magazin "Science" Mitte der siebziger Jahre hat Kahneman dieses Forschungsfeld zusammen mit seinem mittlerweile verstorbenen Kollegen Amos Tversky ins Rollen gebracht: Hier untersuchten die beiden die Entscheidungsfindung von Menschen und zeigten, dass diese bei vielen Problemstellungen nicht Taschenrechner, Zirkel und Lineal auspacken, um zu entscheiden, sondern auf sogenannte Heuristiken zurückgreifen - sie lösen komplexe Probleme mit einfachen Faustregeln.

          Treffen wir beispielsweise zufällig einen Unbekannten und müssen seinen Beruf erraten, so gehen wir pragmatisch vor: Statt auszurechnen, wie hoch die statistische Wahrscheinlichkeit ist, dass unser Gegenüber ein Bibliothekar oder ein Verkäufer ist, schauen wir ihn uns einfach an: Sieht er aus wie ein Bibliothekar, so vermuten wir, dass er auch einer ist. Dabei blenden wir die Tatsache aus, dass es mehr Verkäufer als Bibliothekare gibt und es damit wahrscheinlicher ist, dass wir einen Verkäufer getroffen haben.

          Ist das ein Fehler? Tversky und Kahneman - und in der Folge viele andere Psychologen und Ökonomen - haben mittlerweile ein breites Feld solcher Heuristiken erforscht, stets mit dem gleichen Befund: Menschen nehmen bei der Entscheidungsfindung oft geistige Abkürzungen und Daumenregeln und begehen dabei systematische Fehler. Während die traditionelle Ökonomie Fehler bei der Entscheidungsfindung nur zufällig zulässt, finden sie nach Lesart der "behavioral economics" systematisch statt - was Folgen für die Wirtschaftspolitik hat.

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