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Verhaltensökonomik : Die Wirtschaft als Experiment

Bild: F.A.Z.-Tresckow

Seit einigen Jahren erlebt die experimentelle Wirtschaftswissenschaft einen enormen Aufschwung - und deutsche Forscher sind ganz vorn mit dabei. Vor 26 Jahren wurde das erste Experimentallabor der Welt eingerichtet. Mittlerweile gibt es schon fast zwanzig in Deutschland.

          Die Zahl der wirtschaftswissenschaftlichen Experimentallabors in Deutschland nimmt stetig zu. Mittlerweile gibt es schon fast zwanzig. Anfang Juli ist in Göttingen ein neues eröffnet worden. Reinhard Selten, der einzige deutsche Nobelpreisträger für Ökonomie, kam zur Einweihung. Das Labor im sechsten Stock des "Blauen Turms", einem Zweckgebäude aus den siebziger Jahren mitten auf dem Uni-Campus, besteht aus zwei Räumen, in denen kleine Kabinen mit Computern stehen. Ergänzt um mobile Kabinen, soll das Laboratorium für Versuche mit bis zu 200 Personen genutzt werden können.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Der mittlerweile 79 Jahre alte Spieltheoretiker Selten freut sich über die "great honor", dass er schon wieder ein Labor einweihen darf. Er lächelt etwas verlegen, dann hebt er die große Schere und trennt ein dünnes rotes Band durch. In wenigen Tagen kommen die ersten Versuchspersonen, überwiegend Studenten. Dann beginnen die Experimente, kündigt Claudia Keser an, eine Schülerin Seltens, die seit kurzem Professorin in Göttingen ist. Die Freude ist ihr anzumerken, dass sie in der wachsenden Schar der Experimentalökonomen mitspielen kann.

          Mit seinem Lehrer Heinz Sauermann in Frankfurt war Reinhard Selten der wohl wichtigste Pionier für ökonomische Verhaltensforschung. Schon früh zweifelte er an den klassischen Annahmen der Ökonomen, dem Menschenbild des "Homo oeconomicus", der vollständig rational agiert und gemäß einer inneren Präferenzordnung seinen Nutzen maximiert. "So ein Quatsch, Sie haben doch keine Nutzenfunktion im Kopf, um dann auszurechnen, wie Sie Ihren Nutzen optimieren", sagt Selten ein wenig ärgerlich. Die Entscheidungsmechanismen seien ganz andere.

          „Sie haben doch keine Nutzenfunktion im Kopf”: Reinhard Selten

          Mehr als 25.000 Versuchspersonen haben das Bonner Labor durchlaufen

          Um diese empirisch zu untersuchen, begann er mit Experimenten. 1983 richtete Selten in Bonn das erste Labor der Welt mit aufwendiger elektronischer Unterstützung ein, an dem ökonomische Experimente durchgeführt wurden, darunter Entscheidungsspiele, Verhandlungen, Auktionen. "Für die ersten einfachen Experimente, ein Kooperationsspiel mit drei Leuten, mussten wir monatelang die Computer programmieren", erzählt Selten. Inzwischen haben mehr als 25.000 Versuchspersonen das Bonner Labor durchlaufen.

          Seit einigen Jahren erlebt die experimentelle Wirtschaftswissenschaft einen enormen Aufschwung weltweit - und deutsche Forscher sind ganz vorn mit dabei. "In der Experimentalökonomik sind deutschsprachige Ökonomen äußerst erfolgreich und nach den Amerikanern die zweitwichtigste Gruppe", sagt der Magdeburger Professor Joachim Weimann, der Vorsitzende der Gesellschaft für experimentelle Wirtschaftsforschung (GfeW). Innerhalb der ökonomischen Disziplin nehme der Stellenwert der Experimentalen ständig zu.

          Mehr als 20 Prozent der akademischen Ökonomen im deutschsprachigen Raum beschäftigen sich schon mit Experimenten, schätzt Friedrich Schneider, der die Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS) im vergangenen Herbst dem Thema widmete. Weimann verweist auf die vielen renommierten Preise, die in den vergangenen Jahren an experimentell arbeitende Ökonomen gingen, etwa die Leibniz-Preise an Axel Ockenfels von der Universität Köln und Armin Falk, der inzwischen Direktor des Bonner Labors ist, sowie die Gossen-Preise an Ernst Fehr, Klaus Schmidt und Simon Gächter.

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