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Vergütung und Motivation : Reguliert die Boni nicht

Eigentlich hätte der Bonus ja einen wichtigen Zweck zu erfüllen Bild: AP

Selten hat sich eine so breite Front formiert: Banker-Boni sollen nachhaltiger werden, verlangen die Politiker. Das ist eine schlechte Idee, hält der Frankfurter Finanzexperte Roman Inderst dagegen. Dabei ist Inderst sonst nicht als Bankenfreund bekannt.

          Die konventionelle Weisheit dieser Monate lautet: Boni sind eine Quelle des Übels, sie müssen reguliert oder sogar verboten werden. Dem widersprechen der Frankfurter Finanzexperte Roman Inderst und sein Assistent Sebastian Pfeil mit überzeugenden Argumenten. Dabei ist Inderst sonst nicht als Bankenfreund bekannt. Oft forscht er darüber, wie sich eine bessere Beratung für Bankkunden sicherstellen lässt. Mit seiner Forschung auf diesem und anderen Feldern ist er inzwischen so anerkannt, dass er vorletzte Woche den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft bekommen hat, den höchstdotierten Forscherpreis Deutschlands.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch wenn es um Boni geht, hat Inderst eine Minderheiten-Position. Selbst EZB-Chef Jean-Claude Trichet wettert gegen die "Boni-Kultur". Stammtischbrüder sagen: Die Boni sind zu hoch und müssen abgeschafft werden. Aufgeklärtere Zeitgenossen argumentieren: Boni haben die Banker dazu getrieben, nur noch auf kurzfristigen Erfolg zu achten. Künftig müssten Boni auch an den langfristigen Erfolg gekoppelt sein. So haben es die Regierungschefs auf ihren Gipfeln zur Reform des Finanzsystems beschlossen. Vergangene Woche erst entschied die Finanzaufsicht Bafin, dass diese Regeln künftig auch für die Vorstände von Versicherern gelten - und die Banken haben sich vorgenommen, dieser Forderung schneller nachzukommen als gesetzlich gefordert.

          Selten hat sich eine so breite Front formiert

          Das ist bemerkenswert. Selten hat sich eine so breite Front formiert - vom Stammtischbruder bis zum Spitzenökonomen -, die den Staat Löhne vorgeben lassen will. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass das gefährlich ist. Schließlich sind die Löhne auch nur Preise für die Arbeit der Vorstände. Und in die freie Preisbildung sollte der Staat nicht eingreifen, sonst geht einiges schief.

          Zwar scheint das Argument schlüssig, dass Bankvorstände aus irgendeinem Grund sehr hohe Gehälter verlangen können, vielleicht höhere, als es den Aufsichtsräten oder zumindest den Aktionären lieb ist. Aber weswegen sollte die Struktur der Gehälter falsch sein - also die Aufteilung des Lohnes auf Fixgehalt, kurzfristigen und langfristigen Bonus? Welchen Grund hätten Vorstand und Aufsichtsrat, sich da falsch zu entscheiden?

          Heute schon werden Teile der Boni langfristig gezahlt. Sogar Boni, die sofort ausgezahlt werden, sind im Kern oft vom langfristigen Erfolg abhängig: zum Beispiel wenn die Vorstände Aktien bekommen, die sie erst nach einigen Jahren verkaufen dürfen. Falls es der Bank nach diesen Jahren dreckig geht, sind auch die Aktien nur noch wenig wert.

          Nur zwei gute Gründe

          Tatsächlich gibt es nur zwei Gründe, warum die Boni zu kurzfristig gestaltet sein könnten. Möglicherweise wirken beide zusammen. Der erste Grund: Die Eigentümer der Banken, also die Aktionäre, sind ungeduldig und verlangen schnellere Erfolge, als das für die Gesellschaft gut ist. Der zweite: Die Vorstände haben große Verhandlungsmacht und sind ungeduldiger als die Bankaktionäre. Gegen Grund Nummer eins - die Ungeduld und die Risikoneigung der Bankaktionäre - helfen andere, bessere Maßnahmen, die Inderst vorschlägt: zum Beispiel strengere Eigenkapitalvorschriften.

          Falls Grund Nummer zwei gilt und die Vorstände die Ungeduldigen sind, dann sollten die Boni ohnehin nicht reguliert werden. Das weist Inderst in einer Studie nach, die bislang noch nicht in einer Zeitschrift veröffentlicht ist. Denn dann kommt ein Prozess in Gang, der für die Banken und die ganze Gesellschaft am Ende schlecht ist.

          Dieser Prozess beginnt damit, dass die Boni gemäß den Erwartungen der Politiker länger zurückbehalten werden, damit man sieht, ob die Entscheidungen der Bankmanager auch langfristig solide sind. Das bedeutet aber, dass die ungeduldigen Manager länger auf ihr Geld warten müssen - und weil sie warten müssen, interessieren sie sich für den Bonus nicht mehr so sehr wie früher. Das ist schlecht, denn eigentlich hätte dieser Bonus ja einen wichtigen Zweck zu erfüllen: Er soll die Banker ja dazu anhalten, möglichst nur solide Geschäfte zu machen. Der Anreiz dafür wird allerdings mit der Hinauszögerung des Bonus schwächer - gerade die unsoliden Geschäfte werden attraktiver.

          Das werden die Aufsichtsräte auch verstehen, argumentiert Inderst. Deshalb werden sie die Boni anheben. Doch nicht einmal das führt in jedem Fall ans Ziel. Manche Banker sind so ungeduldig, dass man sie auch mit einem höheren Bonus kaum noch locken kann, zumindest solange der Bonus für die Bank profitabel bleiben soll. Und diese ungeduldigen Banker haben dann kaum noch einen Anreiz, auf die langfristige Solidität ihrer Geschäfte zu achten.

          Erkenntnisse aus einem mathematisch-logischen Modell der Bankenwelt

          Diese Erkenntnisse gewinnt Inderst aus einem rein mathematisch-logischen Modell der Bankenwelt, in dem er davon ausgeht, dass Banker ihre Ziele rational und kenntnisreich verfolgen - auch ihr eigenes Ziel, schnell viel Geld zu verdienen. Solche Modelle vom rationalen Menschen sind in den vergangenen Jahren immer wieder angezweifelt worden, und man kann trefflich darüber streiten, wie rational die Banker in den Jahren vor der Finanzkrise gehandelt haben.

          Doch wer glaubt, dass die Boni das falsche Verhalten der Banker verursacht haben, der nimmt ganz zwangsläufig an, dass die Boni tatsächlich einen Einfluss auf das Verhalten der Banker haben und dass die Banker den Anreizen der Boni rational gefolgt sind. Wer das glaubt, muss auch darauf bedacht sein, dass die künftigen Boni einem rationalen Banker genügend Anreiz bieten, auf die langfristige Solidität zu achten. Eine Vorschrift, die Boni hinauszuzögern, ist dafür der falsche Weg.

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