https://www.faz.net/-gqe-1425e

Unternehmen : Die Aktionäre mobilisieren gegen die Vorstände

  • -Aktualisiert am

Bild:

Vorstände suchen sich ihre Aufsichtsräte am liebsten selbst aus. Es wird gemauschelt und getrickst. Jetzt schlagen die Eigentümer Alarm. Und fordern mehr Mitbestimmung.

          4 Min.

          "Ich habe keinen Chef. Ich bin der Chef", spottete jüngst der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns über seinen Aufsichtsrat. Öffentlich würde der Mann das nie sagen. Nie würde er sich aufführen, als gehöre der Laden ihm - auch wenn es sich so anfühlt.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn die Theorie des Unternehmens sieht eine klare Rollenverteilung vor: Der angestellte Vorstandsvorsitzende ist der Verwalter, nicht der Gutsherr. Der Aufsichtsrat kontrolliert den Vorstand, er bestellt und entlässt ihn. Er bestimmt im Übrigen auch sein Gehalt. Nur: Wer bestimmt darüber, wer bestimmen darf? Wer entscheidet, wer im Aufsichtsrat das Wort führt?

          Die Hälfte der Sitze steht in den großen, mitbestimmten Unternehmen den Arbeitnehmern zu; Betriebsräten und Gewerkschaftern. Dass die nicht die Interessen der Eigner vertreten, versteht sich von selbst. Wer aber repräsentiert den Willen derjenigen, denen der Laden wirklich gehört?

          Clemens Börsig überwacht Josef Ackermann

          Die Antwort ist so simpel wie erschreckend: Nichts Genaues weiß man nicht. Von einer Grauzone berichten die Beteiligten, einem "Old-Boys-Netzwerk", das in den Aufsichtsgremien regiert. "Unter den Kandidaten findet man immer wieder dieselben Figuren", sagt der Frankfurter Jurist und Corporate-Governance-Experte, Theodor Baums.

          Es sind immer wieder dieselben Köpfe

          Die Hitlisten der Multi-Aufsichtsräte gleichen sich seit Jahren: Manfred Schneider, ehemals Bayer-Chef, marschiert vorneweg. Dahinter Männer wie Ex-Krupp-Chef Gerhard Cromme oder Ulrich Lehner, ehemals Henkel, der heute unter anderem die Deutsche Telekom kontrolliert. Wie und warum jemand zu dem einzelnen Mandat gelangt, das ist in den seltensten Fällen zu erkennen.

          Nur dann, wenn es einen mächtigen Großaktionär gibt, wird die Lage übersichtlicher: Familie Quandt setzt sich selbst in den BMW-Aufsichtsrat. Witwe Schaeffler schickt Wolfgang Reitzle als Chefkontrolleur zu Continental (wobei dabei die Gläubiger in dem Fall ein kräftiges Wort mitgeredet haben). Die übrigen Aktionäre haben so oder so das Nachsehen.

          Lange haben sie das klaglos geschluckt, die Verhältnisse waren eben so: Man tat sich an der Spitze der Konzerne nicht gegenseitig weh. Alle waren zufrieden, ausgenommen die Eigentümer, die für Fehlleistungen des Spitzenpersonals zu zahlen hatten, die erdulden mussten, dass niemand dem größenwahnsinnigen oder schlicht unfähigen Manager ins Rad greift.

          Nun regt sich jedoch Protest unter den Investoren: Die Besetzung der Aufsichtsräte sei "willkürlich und intransparent", wettern sie, nicht länger gewillt, die Mauschelei der großen Jungs zu akzeptieren. "Man wundert sich, dass in dem geschlossenen Zirkel immer dieselben Leute auftauchen", sagt Henning Gebhardt.

          „Der Vorstandsvorsitzende sucht sich seine Kontrolleure selbst aus“

          Der Mann ist weder Verschwörungstheoretiker noch aufrührerischer Klassenkämpfer. Im Gegenteil, Gebhardt verwaltet für die DWS, die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, die Anteile an den wichtigsten deutschen Konzernen. Und was er dort so erlebt, ist nur schwer zu ertragen. Nicht die Eigentümer wählen aus, wer die Vorstände, also das von den Aktionären bezahlte Spitzenpersonal, kontrolliert - das erledigt der taktisch versierte Manager praktischerweise selbst.

          "Der Vorstandsvorsitzende sucht sich seine Kontrolleure selbst aus", schimpft Gebhardt. Er persönlich hat schon erlebt, wie Vorstände sich mit ihrer vorausschauenden Personalpolitik auch noch brüsten: "Ich muss mir jetzt vernünftige Aufsichtsräte suchen", heißt es dann. Und was der Vorstand unter vernünftig versteht, deckt sich keineswegs mit dem, was der Eigentümer erwartet.

          "Im Prinzip geht es dem Vorstand darum, Ärger zu vermeiden", sagt Gebhardt. "Die Kontrolleure sollen seine Pläne abnicken, keine kritischen Fragen stellen und sich ansonsten ruhig verhalten."

          So hat in der Schrempp-Ära niemand der Daimler-Kontrolleure dessen Phantasien gestoppt. Oder - immer noch aktuell - die Irrfahrt der TUI: Niemand bremst den Vorstandsvorsitzenden Michael Frenzel auf seinen Abenteuern; vom Stahl zu Tourismus und Schifffahrt, und stets kommt etwas dazwischen, was Frenzel vom Erfolg abhält. Wie praktisch, dass er sich den Aufsichtsrat zu einer Art Fanclub umfunktioniert hat. Einzig der neue norwegische Großaktionär, selbst nicht von allerbestem Leumund, stört die Harmonie und versucht regelmäßig die Aufsichtsräte zu kippen. Geschafft hat er es bisher nicht.

          Theorie und Wirklichkeit

          Je breiter gestreut die Anteile an einer Aktiengesellschaft sind, desto komfortabler ist die Lage für den Vorstand, umso mehr Einfluss kann er auf die Besetzung des Aufsichtsrates entfalten. So wird sich der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann nur begrenzt vor seinen Aufsehern fürchten. Mit Clemens Börsig wurde dort vor Jahren ein Aufsichtsratsvorsitzender installiert, der Ackermann zuvor als Finanzvorstand untergeben war. Als Börsig im Frühjahr versuchte, sich selbst an die Spitze des Vorstands zu setzen und Ackermann zu ersetzen, scheiterte er mit dem Plan. Börsig ist seither schwer angeschlagen, und Ackermann regiert unumschränkter denn je.

          In der Theorie wählt die Hauptversammlung, also das Plenum der Eigentümer, die Aufsichtsräte. Tatsächlich erweist sich die Idee von der Aktionärsdemokratie ("one share, one vote") als Farce: Den Aktionären bleibt auf ihren Treffen nicht mehr, als eine vorgegebene Liste abzunicken. Wie aber kommt ein Kandidat auf diese Liste? Dazu sagt das Aktienrecht nichts. Geht es nach dem Corporate Governance Kodex, der die Regeln für gute Unternehmensführung definiert, dann gibt es zwei Filter: Erst schlägt ein Nominierungsausschuss dem Aufsichtsrat einige Kandidaten vor, dann erstellt der Aufsichtsrat in einem zweiten Schritt die Wahlliste.

          Höchst informell geht es dabei zu, man könnte auch sagen: intransparent. Headhunter, ansonsten in die Besetzung hochrangiger Posten eingeschaltet, spart man sich in der Regel, berichtet Christine Stimpel, Chefin der Personalberatung Heidrick & Struggles: "Die Auswahl erfolgte bisher meist nach anderen, ebenfalls wichtigen Kriterien: Man wollte jemanden, den man kennt, dessen Integrität und Verhalten man erlebt hat." Man kennt und man schätzt sich. Man versorgt sich gegenseitig mit Mandaten. "Wir haben keinerlei Idee, wie der einzelne Vorschlag zustande kommt. Da passieren oft seltsame Dinge", kritisiert deshalb DWS-Manager Henning Gebhardt. Er als Investor wird im Vorfeld nicht gefragt, ob jemand adäquat ist für die Aufgabe. "Wir erfahren erst aus der Einladung zur Hauptversammlung, wer uns vertritt."

          Das mögen sich die selbstbewussten Investoren künftig nicht länger gefallen lassen: Männer wie Hans Hirt von der britischen Fondsgesellschaft Hermes zum Beispiel. Hirt vertritt Pensionsfonds, die Anteile an allen 30 Dax-Konzernen halten. Und selbst ein so gewichtiger Aktionär wie er wird nicht gehört für die Auswahl der Aufsichtsräte. In Großbritannien sei es üblich, dass vorab die Meinung der großen Aktionäre eingeholt wird, "in Deutschland nicht". Hirt verlangt deshalb mehr Mitsprache: "Wir wollen im Vorfeld keine bestimmten Namen ins Spiel bringen, aber zumindest Anforderungsprofile für die Posten." Denn der wackere Protest auf der Hauptversammlung bringt wenig. Und sich hinterher in Briefen über unqualifizierte Kontrolleure zu beschweren ist für Hirt auch nur ein schwacher Trost.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Holocaust-Gedenken in London am Montag

          Holocaust-Gedenken : Die unerträgliche Rückkehr des Antisemitismus

          Kokett kommt der Antisemitismus in unserer Gesellschaft wieder daher und entlädt sich mit mörderischem Hass. In vielen Ländern steigt die Zahl judenfeindlicher Straftaten – das ist die traurige Wahrheit.
          Viel zu erzählen: Bolton, Pompeo und Trump im Oval Office im Februar 2019

          Ukraine-Affäre und Impeachment : Das fehlende Bindeglied

          Trumps Verteidiger fordern im Impeachment-Prozess Beweise. Da gelangen Teile von Boltons Buchmanuskript an die Öffentlichkeit und bringen Trump in Bedrängnis. Das Weiße Haus reagiert umgehend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.