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Unternehmen : Die Aktionäre mobilisieren gegen die Vorstände

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Vorstände suchen sich ihre Aufsichtsräte am liebsten selbst aus. Es wird gemauschelt und getrickst. Jetzt schlagen die Eigentümer Alarm. Und fordern mehr Mitbestimmung.

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          "Ich habe keinen Chef. Ich bin der Chef", spottete jüngst der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Konzerns über seinen Aufsichtsrat. Öffentlich würde der Mann das nie sagen. Nie würde er sich aufführen, als gehöre der Laden ihm - auch wenn es sich so anfühlt.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn die Theorie des Unternehmens sieht eine klare Rollenverteilung vor: Der angestellte Vorstandsvorsitzende ist der Verwalter, nicht der Gutsherr. Der Aufsichtsrat kontrolliert den Vorstand, er bestellt und entlässt ihn. Er bestimmt im Übrigen auch sein Gehalt. Nur: Wer bestimmt darüber, wer bestimmen darf? Wer entscheidet, wer im Aufsichtsrat das Wort führt?

          Die Hälfte der Sitze steht in den großen, mitbestimmten Unternehmen den Arbeitnehmern zu; Betriebsräten und Gewerkschaftern. Dass die nicht die Interessen der Eigner vertreten, versteht sich von selbst. Wer aber repräsentiert den Willen derjenigen, denen der Laden wirklich gehört?

          Clemens Börsig überwacht Josef Ackermann

          Die Antwort ist so simpel wie erschreckend: Nichts Genaues weiß man nicht. Von einer Grauzone berichten die Beteiligten, einem "Old-Boys-Netzwerk", das in den Aufsichtsgremien regiert. "Unter den Kandidaten findet man immer wieder dieselben Figuren", sagt der Frankfurter Jurist und Corporate-Governance-Experte, Theodor Baums.

          Es sind immer wieder dieselben Köpfe

          Die Hitlisten der Multi-Aufsichtsräte gleichen sich seit Jahren: Manfred Schneider, ehemals Bayer-Chef, marschiert vorneweg. Dahinter Männer wie Ex-Krupp-Chef Gerhard Cromme oder Ulrich Lehner, ehemals Henkel, der heute unter anderem die Deutsche Telekom kontrolliert. Wie und warum jemand zu dem einzelnen Mandat gelangt, das ist in den seltensten Fällen zu erkennen.

          Nur dann, wenn es einen mächtigen Großaktionär gibt, wird die Lage übersichtlicher: Familie Quandt setzt sich selbst in den BMW-Aufsichtsrat. Witwe Schaeffler schickt Wolfgang Reitzle als Chefkontrolleur zu Continental (wobei dabei die Gläubiger in dem Fall ein kräftiges Wort mitgeredet haben). Die übrigen Aktionäre haben so oder so das Nachsehen.

          Lange haben sie das klaglos geschluckt, die Verhältnisse waren eben so: Man tat sich an der Spitze der Konzerne nicht gegenseitig weh. Alle waren zufrieden, ausgenommen die Eigentümer, die für Fehlleistungen des Spitzenpersonals zu zahlen hatten, die erdulden mussten, dass niemand dem größenwahnsinnigen oder schlicht unfähigen Manager ins Rad greift.

          Nun regt sich jedoch Protest unter den Investoren: Die Besetzung der Aufsichtsräte sei "willkürlich und intransparent", wettern sie, nicht länger gewillt, die Mauschelei der großen Jungs zu akzeptieren. "Man wundert sich, dass in dem geschlossenen Zirkel immer dieselben Leute auftauchen", sagt Henning Gebhardt.

          „Der Vorstandsvorsitzende sucht sich seine Kontrolleure selbst aus“

          Der Mann ist weder Verschwörungstheoretiker noch aufrührerischer Klassenkämpfer. Im Gegenteil, Gebhardt verwaltet für die DWS, die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, die Anteile an den wichtigsten deutschen Konzernen. Und was er dort so erlebt, ist nur schwer zu ertragen. Nicht die Eigentümer wählen aus, wer die Vorstände, also das von den Aktionären bezahlte Spitzenpersonal, kontrolliert - das erledigt der taktisch versierte Manager praktischerweise selbst.

          "Der Vorstandsvorsitzende sucht sich seine Kontrolleure selbst aus", schimpft Gebhardt. Er persönlich hat schon erlebt, wie Vorstände sich mit ihrer vorausschauenden Personalpolitik auch noch brüsten: "Ich muss mir jetzt vernünftige Aufsichtsräte suchen", heißt es dann. Und was der Vorstand unter vernünftig versteht, deckt sich keineswegs mit dem, was der Eigentümer erwartet.

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