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Unternehmen : Altvorstände sind die besten Aufsichtsräte

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Tresckow

Die Koalition will Vorständen möglichst erst nach einer Karenzzeit den Eintritt in den Aufsichtsrat gewähren. Das würde die Aufsicht verschlechtern. Denn in vielen Aufsichtsräten sind die ehemaligen Vorstände die einzigen, die das Handeln ihrer Nachfolger wirklich beurteilen können. Ein Gastbeitrag von Florian Schilling.

          7 Min.

          Die aktuelle Krise hat die Rolle der Aufsichtsräte in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Fast täglich werden neue Forderungen erhoben, wie Auswahlprozesse und Anforderungskriterien für Aufsichtsräte zu verändern sind. Heute wählen in börsennotierten Aktiengesellschaften die Aktionäre auf der Hauptversammlung die Kapitalvertreter in den Aufsichtsrat. Da die vom Aufsichtsrat vorgeschlagenen Kandidaten von der Hauptversammlung fast ausnahmslos gewählt werden, entspricht das derzeitig praktizierte Verfahren de facto einer Kooptation, bei der sich der amtierende Aufsichtsrat, meist in Gestalt des Aufsichtsratsvorsitzenden, die neuen Mitglieder auswählt. Dies gilt vor allem für Aktiengesellschaften mit breitgestreutem Anteilsbesitz. Nur in Unternehmen mit Großaktionären nehmen diese direkten Einfluss auf die Aufsichtsratsbesetzung.

          Wie der Auswahlprozess für die vorgeschlagenen Kandidaten dabei gestaltet wird, ist jedoch sehr unterschiedlich. Generell lassen sich drei Methoden der Auswahl von Aufsichtsräten unterscheiden:

          1.aus einem bestehenden Beziehungsnetz, dem sprichwörtlichen "Old Boys Network";

          2.als offener Prozess nach definierten Erfahrungs- und Leistungskriterien;

          3.nach Quoten, um gesellschaftspolitische Zielsetzungen zu verwirklichen.

          In schätzungsweise mehr als 70 Prozent der Fälle werden Kandidaten für Aufsichtsräte der Dax-30-Unternehmen aus den bestehenden Beziehungsnetzen ausgewählt. Bevorzugt werden dabei Vorstände, die dem Aufsichtsratsvorsitzenden bekannt sind. Die beste Voraussetzung, Aufsichtsrat eines Dax-30-Unternehmens zu werden, ist unverändert, aktueller oder ehemaliger Vorstandsvorsitzender eines anderen Dax-30-Unternehmens zu sein. Nun hat sich diese Auswahlmethode seit Jahrzehnten bewährt, durchaus gewichtige Argumente sprechen für die bewährte Praxis: Immerhin leiten diese Kandidaten erfolgreich Großunternehmen und können Herausforderungen und Fragestellungen aus der Perspektive eines Vorstandsvorsitzenden beurteilen.

          Ein weiterer Vorteil dieser Methode ist, dass der Prozess in großer Vertraulichkeit ablaufen kann und sich die Beteiligten seit vielen Jahren kennen. Sie wissen ihre jeweilige Urteilsfähigkeit einzuschätzen und sind damit vor Überraschungen weitgehend gefeit. Es ist nachvollziehbar, dass sich auch Aufsichtsratsvorsitzende gerne mit Personen umgeben, die sie aus vergleichbaren Gremien kennen. Dies führt zu Aufsichtsräten, die homogen in der personellen Zusammensetzung und heterogen in der fachlichen Qualifikation im Sinne der Beurteilungsfähigkeit des Geschäftes sind. Die im Aktiengesetz vorgesehene "vertikale Interessenvertretung" vom Aktionär über den Aufsichtsrat zum Vorstand wird dabei ersetzt durch eine "horizontale Interessenvertretung", bei der sich die Aufsichtsräte und Vorstände großer Aktiengesellschaften gegenseitig kontrollieren.

          Häufig fehlt grundlegendes Geschäftsverständnis

          Das Risiko für ein solches Gremium liegt im Primat der persönlichen Bekanntschaft gegenüber der unabhängigen fachlichen Qualifikation. Damit kann für die Mitglieder die Akzeptanz in der Gruppe wichtiger werden als die Orientierung an ungewohnten Herausforderungen. Der Fokus der Arbeit verlagert sich dann fast zwangsläufig vom Inhalt zur Form, in Richtung eines möglichst störungsfrei ablaufenden Prozesses. Man kennt und vertraut sich gegenseitig und hält sich an Gepflogenheiten, die sich bewährt haben. Mögliche Defizite sind in solchen "selbstreferenziellen Systemen" mangels Vergleichbarkeit kaum erkennbar.

          An seine Grenzen stößt ein solch gut geöltes System in Krisensituationen, wenn sich das Geschäftsmodell oder Wettbewerbsumfeld dramatisch verändert und auch bewährte Praktiken in Frage gestellt werden müssen. Die üblichen Verdächtigen stellen eben nur die üblichen Verdächtigungen an. In Krisen ist ein solcher Aufsichtsrat schnell überfordert, weil es häufig am grundlegenden Geschäftsverständnis der Mitglieder mangelt, problematische Entwicklungen deswegen zu spät erkannt werden und nicht frühzeitig gegengesteuert wird.

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