https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/tuecken-der-konjunkturprognosen-nur-ein-bisschen-besser-als-wuerfeln-1953835.html

Tücken der Konjunkturprognosen : Nur ein bisschen besser als Würfeln

Konjunkturprognosen gehören zu den unzuverlässigsten Daten der Republik Bild: F.A.Z./Tresckow

Konjunkturprognosen gehören zu den schlechtesten Prognosen überhaupt: Die große Krise haben Wirtschaftsforscher nicht kommen sehen. Trotzdem haben sie ihre Modelle bisher kaum verbessert - weil sie sich schwer tun, irrationale Verhaltensweisen der Menschen einzubauen.

          3 Min.

          Eine Welt, in der die Wirtschaft prosperiert, statt in das Finanzkrisenloch zu fallen. In der die steigende Arbeitslosigkeit nicht nötig war, sondern sogar neue Stellen geschaffen werden. In der der Staat seine Schulden abbaut, statt enorme Defizite zu machen – was ist das für eine Welt? Das ist die, in der wir heute leben würden – wenn die Konjunkturpropheten recht gehabt hätten. Inzwischen ist bekannt, dass es anders kam.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Deutschland rutschte schon im Frühjahr 2008 in eine Rezession, noch bevor die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers pleiteging. Gewarnt hatte vor dem Absturz so gut wie keiner der großen Ökonomen. Trotz gewisser Risiken gebe es „kein Indiz, dass der Aufschwung zum Erliegen kommt oder gar eine Rezession bevorsteht“, schrieb der Sachverständigenrat in seinem Gutachten im November 2007. So kann man sich irren.

          Prognostiker sind oft blind

          Die Finanzkrise ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass Konjunkturprognosen zu den unzuverlässigsten Daten der Republik gehören. Zwar sind sie immer noch besser als alle anderen Versuche, die wirtschaftliche Zukunft vorherzusagen – auch besser als Würfeln. Doch vor allem wenn eine Rezession bevorsteht, sind die Prognostiker oft blind. Der langjährige Vorsitzende des Sachverständigenrats, Bert Rürup, sagt selbst, dass die „Wirtschaftsweisen“ kaum je tiefe Abschwünge richtig kommen gesehen haben. Lediglich zwei von sechs Rezessionen in der Geschichte der Bundesrepublik habe der Rat richtig gesehen.

          Als im Herbst 2007 die Finanzmärkte bereits stark unter Stress standen, da hieß es noch, die Krise werde den Rest der Wirtschaft verschonen. Zwar hieß es, dass die Finanzkrise schlimmer werden könnte – aber dies erschien als unwahrscheinliches Extremszenario. Und mit Extremfällen tun sich die gängigen Konjunkturmodelle notorisch schwer, denn sie sind auf den Durchschnitt geeicht.

          Da ist es kein Wunder, dass jetzt viele Konjunkturforscher nach neuen Methoden suchen. Doch viel bewirkt hat ihre Suche bislang nicht. Zwar bewerben sich die großen Forschungsinstitute gerade neu darum, wer bis zum Jahr 2013 die Konjunkturprognose für die Bundesregierung machen darf – doch ihre Methoden stammen im Wesentlichen aus der Zeit vor der Krise. „Wir haben unser Modell noch gar nicht geändert“, sagt Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK). Sein Institut arbeite derzeit noch an einem neuen Modell. Und der Konjunkturchef des Ifo-Institutes sagt: „Wir haben hier und da ein paar Änderungen gemacht.“

          Neue Prognosen mit alten Modellen - geht das?

          Vielleicht sind die neuen Prognosen mit den alten Modellen sogar noch schlechter. „Wir wissen nicht, ob sich die Parameter in der großen Krise verschoben haben“, sagt Joachim Scheide, Konjunkturchef am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Zweifelnd fragt er: Sind die Verhaltensgleichungen noch korrekt, kann man den Umfragen trauen?

          Verlässliche Antworten darauf gibt es bislang nicht. Die meisten Konjunkturforscher jedenfalls haben ihre Formeln bisher allenfalls um ein paar neue Zahlen ergänzt, meist aus dem Finanzmarkt. Das Ifo-Institut beachtet jetzt zum Beispiel stärker, wie viele Kredite die Banken vergeben. Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung will stärker darauf schauen, wie die Kreditmärkte das Insolvenzrisiko von Firmen einschätzen. Und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte sich für die Bewerbung mit der Brüsseler Denkfabrik CEPS und mit Deutsche Bank Research zusammengeschlossen, weil die mehr über Finanzmärkte wissen – jetzt kann es beispielsweise Kreditangebot und -nachfrage einzeln berechnen. Dennoch scheiterte das DIW schon in der Vorauswahl des Wirtschaftsministeriums.

          Den Menschen sorgfältiger abbilden

          Es gibt auch Ökonomen, die völlig neue Konjunkturmodelle aufstellen wollen. Doch auch die können noch keine Ergebnisse präsentieren. Klar ist nur: Künftig wollen die Propheten nicht länger davon ausgehen, dass die Menschen immer alles richtig machen. Die Modelle sollen besser „mikrofundiert“ sein, das heißt: Sie sollen das Verhalten der einzelnen Menschen nachbilden und daraus Folgen für die gesamte Wirtschaft herleiten. Dabei ließen sich moderne verhaltensökonomische Erkenntnisse über Fehler und Eigenheiten der Menschen berücksichtigen – zum Beispiel deren Panik in einer großen Krise. Doch selbst die Verhaltensökonomik hat bisher nur vage Vorstellungen davon, wie sich die Menschen wirklich verhalten.

          Der belgische Ökonom Paul De Grauwe hat im Herbst ein erstes Modell vorgestellt, in dem er die Menschen sorgfältiger abbilden will. Doch er glaubt selbst nicht, dass es schon einsatzreif ist. „Das ist nur ein erster Versuch. Wir wissen noch viel zu wenig über die Menschen. Wir müssen noch viel mehr forschen.“ Das kann allerdings noch viele Jahre dauern. Und selbst dann glaubt er nicht, dass Krisen sich jemals vorhersagen lassen.

          Die meisten seiner Kollegen stimmen ihm zu. Aus Sicht der Konjunkturforscher ist ein grundlegendes Problem schon, dass die Wirtschaft – anders als das Wetter – auf die Prognosen selbst wieder reagiert. Außerdem hadern die Prognosen mit ihren Daten. Die bekämen sie zu spät. „Es gibt ein gewaltiges Datenproblem“, sagt der Wirtschaftsprofessor Volker Caspari von der TU Darmstadt. Wenn der Sachverständigenrat im Herbst seine Prognose erstellt, kennt er nur die Quartalswerte des vergangenen Frühjahrs. „Eine Prognose ist zuweilen eher ein Blick zurück als nach vorn“, sagt Bert Rürup und klingt dabei ein wenig resigniert.

          Die nicht gerade glänzende Bilanz der Prognostiker will Caspari dennoch verteidigen: „Auch andere Wissenschaftsdisziplinen kämpfen mit Prognoseproblemen, etwa die Geophysiker, die das Erdbeben von Haiti nicht vorausgesagt haben. Doch deshalb zweifelt die Öffentlichkeit nicht grundsätzlich an ihnen.“ Die Propheten dürften nur künftig nicht mehr den Eindruck erwecken, die Zukunft genau zu kennen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rachenabstrich in einem Testzentrum des Roten Kreuzes in Frankfurt am Main

          Corona-Herbst : Die FDP hat Zeit, das Land nicht

          Viel spricht dafür, dass die Bundesregierung das Land ein weiteres Mal weitgehend unvorbereitet in den Corona-Herbst schickt. Jeder kann sehen, wer dafür die Verantwortung trägt.
          Betrügerisch und böse: Leonardo DiCaprios Filmfigur in „The Wolf of Wall Street“ basiert auf dem echten Börsenmakler Jordan Belfort.

          Geschlechtergerechtigkeit : Männer kosten ein Vermögen

          Wie Männer sich verhalten, ist für die Gesellschaft irre teuer. Ein Männerberater beziffert die volkswirtschaftlichen Kosten typisch männlicher Verhaltensweisen auf über 63 Milliarden Euro im Jahr. Trotzdem sind Männer auch für etwas gut.
          Der Schauspieler William Cohn

          William Cohn gestorben : Der Mann mit der unvergesslichen Stimme

          Er war die Stimme von Jan Böhmermanns Sendung „Neo Magazin Royal“ und im deutschen Fernsehen eine Kulturfigur. Jetzt ist der Schauspieler, Synchronsprecher und Autor William Cohn im Alter von 65 Jahren gestorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.