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Römisches Reich : „Sklaverei war oft besser als Lohnarbeit“

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Klar. Doch selbst ein freigekaufter Sklave war kein frei geborener Mensch. Es geht um den Stand bei der Geburt. Erst die Kinder von freigekauften Sklaven waren dann wirklich Freie. Solche Dinge spielten in der sozialen Hierarchie und im rechtlichen System der römischen Gesellschaft eine große Rolle. Steuern, Strafen und vieles mehr hingen davon ab.

Was waren das für Sklaven, die sich freikaufen können?

Meist waren es jene mächtigen Business Manager, von denen ich sprach: reiche Sklaven, eine Art von Unternehmern - oder geschickte Handwerker, die über ein eigenes Budget verfügten und es aus eigener Anstrengung zu Vermögen brachten. Sie blieben auch nach der Freilassung häufig in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem früheren Herrn. Aber die Aussicht auf Freilassung war für alle ein „Incentive“.

Wie war insgesamt das zahlenmäßige Verhältnis von Freien zu Sklaven?

Das weiß man nicht genau. Für die Stadt Rom schätzt man maximal 30 bis 40 Prozent Sklaven - verglichen mit 60 bis 70 Prozent Freien aus allen Schichten der Gesellschaft.

Gab es am Ende des Imperiums „spätrömische Dekadenz“? War die römische Gesellschaft, sozial gesehen, eine sehr ungleiche Welt?

Das ist wie mit der Frage, ob Conchita Wurst nun ein Mann oder eine Frau ist: sowohl als auch. Am egalitärsten war die Spätantike - ganz anders als im Klischee von Dekadenz und Untergang. Dank der Steuerreform Diokletians, die das System leistungsgerechter machte, entstand eine neue Mittelschicht mit großem Reichtum und Wohlstand. Sie kam dann in der neu gegründeten Stadt Konstantinopel rasch zu Macht, Einfluss und Prestige. Diese Leute waren die Profiteure der zweiten römischen Hauptstadt Konstantinopel. Die Spätantike war am ehesten eine kapitalistische Gesellschaft, so wie wir das heute verstehen.

Und andererseits?

Man darf trotz dieser einkommensstarken Mittelschicht die steile Hierarchie und die großen sozialen Unterschiede nicht aus dem Blick verlieren. Symmachus, ein römischer Senator, ließ sich ein Fest für seinen Sohn stolze 144.000 Goldsolidi kosten. Das war das Dreißigfache dessen, was ein Senator in Konstantinopel pro Jahr für solche Feste ausgab, und das waren schon sehr reiche Männer. Es gab also wirklich superreiche Leute. Gegen die würde heute Occupy protestieren.

War die römische Gesellschaft eine Art moderner Marktwirtschaft?

Abermals sage ich: sowohl als auch. Es gab sowohl einen funktionierenden Markt - als auch eine klare Hierarchie der Gesellschaft und einen starken Staat.

Nehmen wir an, Sie wären eine freie römische Bürgerin gewesen: In welchem Jahrhundert hätten Sie gerne gelebt?

Während des vierten Jahrhunderts in einer kaiserlichen Residenz, in Mailand oder anderswo. Das waren ganz angenehme Verhältnisse, gerade auch für Frauen. Die Stadt Rom wäre mir zu aufregend und ungesund gewesen, weil ich mutmaßlich nicht in die absolute Oberschicht gehört hätte.

Und dann hatte man in Europa erst im 19. Jahrhundert wieder ein ähnlich angenehmes Leben, dank der industriellen Revolution?

Da ist etwas dran, vor allem in der Breite der Gesellschaft - wenngleich Venedig im 15. Jahrhundert oder die Niederlande im 17. Jahrhundert auch keine schlechten Lebensbedingungen boten. Für eine vormoderne landwirtschaftliche Gesellschaft war die römische Spätantike eine gute Zeit.

Das Gespräch führte Rainer Hank.

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