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Römisches Reich : „Sklaverei war oft besser als Lohnarbeit“

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Zum Vergleich: Welche anderen Dinge konnte man sich mit 20.000 Denaren kaufen?

Dasselbe Edikt, das wohlgemerkt Höchstpreise festlegt, sah 100 Denare für einen Pflug mit Joch vor, vier Denare für einen kleinen Spaten - oder 100 Denare für eine Getreideeinheit, von der eine sechsköpfige Familie eine halbe Woche überleben konnte. Spaten und Sicheln, die man zur Ernte von Getreide brauchte, waren also relativ billig, und Sklaven waren teurer, aber kein Luxus. Sagen wir es anders: Vom Preis einer Sklavin konnte eine durchschnittliche Familie zwei bis drei Monate leben.

Wie kommt es, dass ein junges Mädchen ausgerechnet mit 15 bis 20 Jahren so teuer war?

Weil sie dann im Alter der größten Fruchtbarkeit war. Dazu muss man wissen, dass ein Großteil der Sklaven nicht auf dem Markt gekauft, sondern - hart gesprochen - im Haus selbst gezüchtet wurde. Eine junge Sklavin war dafür geeignet, dass mit ihr neue Sklaven gezeugt wurden.

Wer zeugte diese Sklaven?

Meist der Herr des Hauses selbst. Es gab aber auch Sklavenfamilien.

Ökonomisch war das vermutlich sehr effizient. War es moralisch anstößig?

Moralisch anstößig war daran bei Sklaven gar nichts. Die Tatsache, dass der Sklavenkörper käuflich war, bedeutete, dass er auch sexuell verfügbar war. Das sahen alle so, auch die christlichen Römer. Aber ich bin gar nicht so sicher, dass es besonders effizient war - wenn man bedenkt, dass sowohl die Kindersterblichkeit als auch die Sterblichkeit der Frauen damals extrem hoch war. In Rom starben die Leute wie die Fliegen. Dagegen war das Leben in Afrika vergleichsweise gesund. Andererseits waren hausgeborene Sklaven beliebt - um es modern auszudrücken: Sie waren nicht so traumatisiert wie diejenigen, die schon als Kind verkauft wurden.

Woher kamen die Sklaven, wenn Sie nicht inhouse „gezüchtet“ wurden?

Zum einen war Sklaverei ein Ergebnis des Krieges. Viele Militärs waren nebenher im Sklavenhandel aktiv - vor allem jene, die in den Grenzgebieten stationiert waren. Dort gab es einen regen grenzüberschreitenden Handel, auch Römer wurden auf der anderen Seite des Limes versklavt. Einige Stadtrömer fuhren in solche peripheren Gebiete, um Sklaven billiger als auf anderen Märkten erwerben zu können. Aber Sklaven kamen von überall her - auch wenn einige Gebiete wie etwa Mauretanien als besonders gute „Zubringer“ galten. Sie wurden dann als Beifracht nach Rom oder Konstantinopel verschifft - zusammen mit anderen naturalen Abgaben wie Wein, Öl oder Getreide. Daneben musste man sich auch vor Kidnappern in Acht nehmen, die freie Bürger und ihre Kinder überall versklavten.

Wie sah das Sklavenleben im Haushalt einer Mittelschichtfamilie aus?

Nehmen wir einen kurialen Beamten: einen gebildeten Mann, der auf lokaler Ebene eine Menge Macht und eine hohe soziale Stellung hatte - und der auch seinen Söhnen eine ordentliche Bildung zuteil werden ließ. Das war also nicht der Bill Gates von Rom, sondern das saturierte Bürgertum. Dieser Beamte besaß einen mittelgroßen landwirtschaftlichen Betrieb mit unterschiedlichen und weitverzweigten Farmen. Jede Farm wurde von einem Sklaven verwaltet, der quasi Managementfunktion hatte.

Sklaven als Top-Manager: Das ist eine für uns ungewohnte Vorstellung, oder?

In der Tat: Man muss sich das als eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit vorstellen - mit der Zuständigkeit für viele weitere Sklaven, die auch Verwaltungsfunktionen hatten. Unter ihnen gab es freie Pachtbauern und Lohnarbeiter. Nehmen wir als groben Vergleich die Familie Quandt, denen ein großer Teil der BMW-Aktien gehört: Der BMW-Vorstandsvorsitzende Norbert Reithofer wäre dann also ihr Sklave, der ein großes Unternehmen operativ führt.

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