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Stuttgart 21 : Warum bei Großprojekten die Kosten explodieren

  • -Aktualisiert am

Wird auf jeden Fall teuer: Bauarbeiten am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs Bild: APN

Wissenschaftler sprechen vom „umgekehrten Darwinismus“, wenn sich bei großen Bauvorhaben immer diejenigen durchsetzen, die am Ende am teuersten werden. Warum explodieren die Kosten für Projekte wie Stuttgart 21 notorisch? Erste Antworten gibt es durchaus - und erste Lösungsvorschläge.

          Für die Befürworter von Stuttgart 21 gibt es nur Vorteile: Die Fahrtzeit nach Ulm wird durch das große Bauvorhaben halbiert, Flughafen und Messe sollen von der Innenstadt aus in neun Minuten zu erreichen sein. Stuttgart könnte auf einer Fläche von 200 Hektar ein neues Stadtviertel bauen und sogar den Schlossgarten vergrößern. Zu teuer, sagen hingegen die Kritiker. Die Kosten werden mittlerweile auf mehr als 7 Milliarden Euro geschätzt.

          Dem Dänen Bent Flyvbjerg, Professor für das Management von Großprojekten an der Universität Oxford, dürften solche Diskussionen bekannt vorkommen. Schon 2003 hat er mit zwei Kollegen ein Buch veröffentlicht, in dem er die Kostensteigerungen von Großprojekten untersucht hat. Sein Ergebnis ist das „Megaprojekte-Paradoxon“: Demnach werden neun von zehn Bauprojekten, die mehr als eine Milliarde Euro kosten, teurer als geplant - und das über die vergangenen 70 Jahre hinweg. Die Menschen scheinen aus ihren Fehlern nicht zu lernen.

          Er identifiziert bei seinen Untersuchungen zwei Typen von Erklärungen: eine psychologische, die sich auf kognitive Verzerrungen bezieht, und eine politisch-ökonomische. Als kognitive Verzerrungen bezeichnen Psychologen meist unbewusste Wahrnehmungsstörungen der Realität. Bei Großprojekten bedeutet dies, dass Politiker und Projektplaner den Nutzen von Bauprojekten überbewerten und die Kosten unterschätzen. So kommt es nach Flyvbjerg dazu, dass irgendwann die Kosten stiegen und sich nach Jahren herausstelle, dass beispielsweise eine neue Bahnstrecke viel weniger Menschen nutzten als kalkuliert.

          Auch bei der zweiten Erklärung, der politisch-ökonomischen, werde der Nutzen von Großprojekten überbewertet und der Aufwand unterschätzt - allerdings passiere es hier bewusst. Projektplaner und Politiker täten dies aus strategischen Gründen, etwa um Geld für das Projekt zu sammeln oder um mögliche Konkurrenzprojekte auszustechen.

          „Survival of the unfittest“

          Dies führe zu einem umgekehrten Darwinismus, den Flyvbjerg „survival of the unfittest“ nennt. Nicht die besten Projekte werden demnach verwirklicht, sondern die Projekte, die auf dem Papier am besten aussehen. Er zitiert in seinen Veröffentlichungen Unternehmer aus der Praxis: „Als Planer kennt man oft die wirklichen Kosten. Man weiß, dass der Etat zu gering ist, aber es ist schwierig, dies den Politikern und weiteren Projektbeteiligten zu vermitteln. Denn die wissen, dass hohe Kosten die Möglichkeit einer nationalen Finanzierung verringern.“

          Heiko Stiepelmann vom Hauptverband der deutschen Bauindustrie stimmt dem zu: „Um politische Akzeptanz zu schaffen, werden die Preise zu Beginn niedrig angesetzt. Dann wird irgendwann nachgerechnet, und plötzlich explodieren die Kosten.“ Ein weiterer Grund für ihn sind die langen Planungs- und Genehmigungsphasen. Es lägen deshalb oft Kostenberechnungen zugrunde, die mehrere Jahre alt und nicht mehr aktuell seien.

          Ein Beispiel aus der Praxis ist die Transrapidplanung vom Münchener Hauptbahnhof zum Flughafen München. Jahrelang wurde mit Kosten von 1,85 Milliarden Euro aus einer Machbarkeitsstudie von 2002 kalkuliert. Im Jahr 2008 rechnete man noch mal nach. Das Ergebnis: 3,4 Milliarden Euro sollte das Projekt plötzlich kosten. Die Folge: Der Transrapid wurde nie gebaut.

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