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Thomas Piketty : Schwere Vorwürfe gegen den neuen Star-Ökonom

  • Aktualisiert am

Thomas Piketty Bild: AFP

Der französische Ökonom Thomas Piketty sorgt mit seinem neuen Buch über Ungleichheit für viel Wirbel. Sogar Amerikas Finanzminister hat mit ihm gesprochen. Nun behauptet die „Financial Times“, dass er viele Fehler mit seinen Daten gemacht hat.

          Thomas Piketty ist der neue Rockstar unter den Ökonomen. Sein Buch „Capital in the Twenty-First Century“ ist ein Bestseller. Er hat darin auf Basis unzähliger Datensätze, die lange zurückreichen, analysiert, wie groß die Ungleichheit heute verglichen mit der Geschichte ist. Und stellt fest: Sehr groß. Vor allem in Amerika. Dort ist der Titel dann auch mit voller Wucht eingeschlagen - Piketty wurde vom Finanzminister und vom Internationalen Währungsfonds eingeladen, die Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und Joseph Stiglitz priesen die Bedeutung des Beitrags.

          Kritiker störten sich (bislang) vornehmlich an den Schlussfolgerungen des französischen Wirtschaftswissenschaftlers, der höhere Steuern für Reiche und deutlich mehr staatliche Umverteilung vorschlägt. Das wiederum muss Piketty nicht stören, denn Debatten über die richtigen Schlussfolgerungen aus Forschungsergebnissen sind unter Ökonomen eher die Regel, nicht die Ausnahme.

          Neue Vorwürfe ganz anderer Art erhebt hingegen nun die angelsächsische Zeitung „Financial Times“ (FT) gegen Piketty: Sein Zahlensatz enthalte viele Fehler. Zum Beispiel seien einzelne Daten schlicht falsch in seine Excel-Rechentabelle übertragen worden, zudem habe Piketty sogar falsche Formeln verwendet, um die Daten zu verrechnen und entsprechende Ergebnisse abzuleiten. Die Anschuldigungen sind gravierend, viel wuchtiger als die Kritik an den Politik-Empfehlungen. Denn sie berühren den Kern des Buches, die empirische Analyse zum Thema Ungleichheit.

          Falsche Zahlen, falsche Formeln?

          FT-Wirtschaftsredakteur Chris Giles, der behauptet, Pikettys öffentlich zugänglichen Datensatz nachgerechnet zu haben, schreibt in der aktuellen Ausgabe der Zeitung etwa: „Als die FT beispielsweise die Daten aufbereitete und vereinfachte, zeigten die europäischen Werte keine Tendenz, derzufolge sich die Ungleichheit der Vermögen seit dem Jahr 1970 erhöhte.“ Ein unabhängiger Spezialist, den die FT nicht namentlich nennt, teile die Bedenken der Zeitung.

          Zwei weitere Beispiele hat die Zeitung grafisch aufbereitet: Einmal einen simplen Übertragungsfehler - Piketty hat schwedische Daten aus dem Jahr 1908 in seiner Excel-Tabelle in die Zeile für das Jahr 1920 eingegeben. Außerdem klafft zwischen dem Anteil, den die zehn Prozent der reichsten Briten am gesamten Vermögen halten, ein großer Unterschied zwischen Pikettys Ergebnis und dem Wert, der sich nach Angaben der FT aus den zugrunde liegenden Originalquellen ergibt.

          Piketty hat bereits auf die Kritik der FT reagiert und einen Brief geschrieben. Darin schreibt er zunächst, dass er die Daten, die seiner Analyse zugrunde liegen, gerade deswegen veröffentlicht habe, weil er eine transparente und offene Debatte darüber ermöglichen wolle. Danach räumt er ein, dass es zwangsläufig einiger Anpassungen bedürfe, um die Daten aus den verschiedenen Ländern und Quellen miteinander vergleichbar machen zu können. Das habe er auch in seinem Buch und dem Quellenmaterial nicht verschwiegen. Auf den schwedischen Zahlendreher geht er nicht ein. Was Großbritannien angeht, hält er hingegen an seiner Darstellung fest - und fügt hinzu, dass er Vermögen in „Steuerparadiesen“ (offshore) nicht berücksichtigt habe und seine eigene Schätzung deswegen vermutlich die Wirklichkeit eher unterzeichne. Außerdem regte er an, die FT möge ihre Rechnungen doch ebenfalls online stellen. „Ich wäre glücklich, wenn ich meine Schlussfolgerungen ändern könnte.“

          Auch andere Ökonomen haben mittlerweile auf die Vorwürfe reagiert, etwa Paul Krugman in seinem New-York-Times-Blog. Die Zeitung habe ein paar „klare Zahlenfehler“ gefunden, schreibt er, auch wenn diese vermutlich nicht stark ins Gewicht fielen, was die generellen Folgerungen angeht. Schwerer wiege die Kritik an den Annahmen und Verrechnungen und hier forderte Krugman Piketty auf, im Detail auf diese Kritik einzugehen. Zumindest für die Vereinigten Staaten wies der Nobelpreisträger die von der FT vorgebrachte Kritik aber zurück. Hier habe die Forschung, und nicht nur die von Piketty, mittlerweile ergeben, dass die Ungleichheit deutlich gewachsen ist.

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