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Staatsausgaben : Keynes und die Turbo-Keynesianer

Der Ökonom John Maynard Keynes Bild: picture-alliance / dpa

Auf den Ökonom John Maynard Keynes berufen sich Staatslenker rund um die Welt, wenn sie große schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme beschließen. Doch selbst der Meister warnte seine Jünger: Schuldenfinanzierung hat auch Grenzen.

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          In seinen späten Jahren beobachtete John Maynard Keynes, der die Wirtschaftswissenschaft revolutioniert hatte, mit zunehmendem Ärger, welch extreme ökonomische Positionen viele seiner Anhänger vertraten. Sie drehten immer weiter und weiter am Rad der Revolution, bis sie nach Keynes' Geschmack weit übers Ziel hinausschossen. „I am not a Keynesian“, soll Keynes ein Jahr vor seinem Tod einmal gesagt haben, als er sah, was in seinem Namen alles propagiert wurde.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Das ganze modernistische Zeug“, schrieb er 1946 kurz vor seinem Tode, „geht in die Irre, wird sauer und albern.“ Und Keynes, der mit seiner „General Theory“ die klassische Ökonomik vom Sockel gestoßen hatte, lobte nun plötzlich Adam Smith, den Ahnvater der klassisch-liberalen Ökonomen. Er erinnerte an klassische „ewige Wahrheiten von großer Bedeutung . . . natürliche Kräfte, könnte man sie nennen, oder sogar die unsichtbare Hand“. Dieser letzte publizierte Aufsatz von Keynes über Zahlungsbilanzfragen war seinen Jüngern immer peinlich. Sie haben ihn ignoriert oder als Geschreibsel eines alten Mannes abgetan, der zuletzt hinter den eigenen Erkenntnisstand zurückgefallen sei.

          Dann könnte ein Rückfall in eine Rezession drohen

          Keynes, der Krisenökonom, hat in den vergangenen drei Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt. Auf ihn haben sich Staatslenker rund um die Welt berufen, als sie große schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme beschlossen. Das entsprach, grob vereinfacht, Keynes' Ansatz, dass der Staat in Krisenzeiten, wenn die private Nachfrage wegbreche und daher die Wirtschaft lahme, in die Lücke springen müsse. Er solle Defizite machen und das geliehene Geld ausgeben (“deficit spending“), um so die Konjunktur anzukurbeln. Inzwischen ist, so zeigen die Zahlen, die Weltwirtschaft wieder zurück auf dem Wachstumspfad.

          Amerikas Präsident Obama hat aber kurz vor dem G-20-Gipfeltreffen in einem Brandbrief gewarnt, nicht „die Fehler der Vergangenheit“ zu wiederholen und staatliche Konjunkturstimuli zu früh zurückzuziehen. Dann könnte ein Rückfall in eine Rezession drohen. Die Warnung Obamas zielte kaum verholen auf Deutschland, das seine Haushaltsdefizite vom kommenden Jahr reduzieren will, während die Vereinigten Staaten weiter nachlegen wollen. In diesem Jahr beläuft sich ihr Defizit auf rund 10 Prozent der Wirtschaftsleistung, die Schuldenquote steigt in großen Sprüngen auf 100 Prozent (in absoluten Zahlen: rund 14 Billionen Dollar).

          Das ist richtig so, findet Obama, denn der Staat stütze so die Erholung. In besonders scharfen Worten ging sein ökonomischer Berater Paul Krugman jüngst die Europäer an. „Die Deutschen“, schimpfte er (und kurioser nannte er darauf auch „die Franzosen“), „hassen es, auch nur kurzfristig Defizite aufzunehmen, sie hassen eine lockere Geldpolitik, klammern sich an jeden Vorwand, um dagegen zu sein“, so Krugman. „Wir Amerikaner sehen das ganz anders.“

          Ja, ja, und deshalb nahm auch die von billigem Geld genährte Finanz- und Schuldenkrise ihren Ausgang in den Vereinigten Staaten, könnte man hinzufügen, doch Krugman würde das ganz anders sehen.

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