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Schrumpfende Mittelschicht : Was treibt ein Single in der Armutsstatistik?

Bild: F.A.Z.

Jetzt kennen wir den wahren Grund dafür, warum die Mittelschicht schrumpft. Es gibt mehr Singles. Weil sich die deutschen Familien auflösen, weil sich Paare trennen oder weil junge Menschen erst gar nicht zusammenziehen, wächst die Armut. Zumindest relativ.

          In Deutschland schrumpft die Mittelschicht, und die Zahl der Armen steigt. Jetzt wissen wir endlich, wer die wahren Schuldigen an dieser Entwicklung sind, die seit Wochen die öffentlichen Debatten beherrscht: die vielen Singles.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Eine Studie der OECD, die bislang noch unveröffentlicht ist, bringt es an den Tag. Weil sich die deutschen Familien auflösen, weil sich Paare trennen oder weil junge Menschen erst gar nicht zusammenziehen, wächst die Armut. Zumindest relativ. Alleinstehende - das rechnen die Statistiker akribisch vor - brauchen nämlich mehr Geld zum Leben als Paare. Denn Paare können sich Miete, Putzfrau und Auto teilen. Wenn also die Zahl der Singles wächst und die Zahl der Paare abnimmt, verarmen die Menschen, auch wenn ihre Einkommen nicht schrumpfen.

          Der Trend zum Single-Haushalt hat also einen handfesten Preis: "Es stimmt, dass die Änderung der Familienstrukturen Grund dafür ist, dass das Armutsrisiko in Deutschland gestiegen ist", sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Grabka gehört zu den Wissenschaftlern, die an der OECD-Studie mitgearbeitet haben.

          Die Rechnung ist einfach: Trennt sich ein Paar, behält zwar jeder sein Einkommen. Weil aber das Leben nicht mehr gemeinsam finanziert wird, hat jeder als Single weniger Geld zur Verfügung. Gleichzeitig streicht der Staat Steuervorteile.

          Wer umgangssprachlich über Armut spricht, spricht über absolute Armut

          Das hat also eine Gesellschaft davon, wenn sie zur Single-Gesellschaft wird: Sie wird eine ärmere. Denn Familien können Größenvorteile ausnützen; das senkt die Kosten. Drei Entwicklugen verstärken den Trend zum Single-Haushalt in Deutschland. Noch immer werden jährlich fast 200.000 Ehen geschieden. Gleichzeitig geht die Zahl der Eheschließungen immer weiter zurück, weil junge Leute lieber allein bleiben wollen. Heirateten 1961 noch 699.000 Paare, sind es jetzt nicht einmal mehr 370.000. Außerdem führt die demographische Entwicklung dazu, dass es immer mehr alleinstehende alte Menschen gibt, deren Partner bereits gestorben ist.

          Am größten ist das Armutsrisiko bei alleinerziehenden Müttern. "Da liegt es bei 35 bis 40 Prozent", sagt Grabka. Weil ihre Kinder oft noch klein sind, können die Mütter häufig nicht arbeiten gehen und leben von Sozial- oder Arbeitslosengeld. "Alleinerziehende sind eindeutig eine Problemgruppe."

          Doch wie arm sind die Singles wirklich, die in der Statistik relativ ärmer daherkommen als die altmodischen Paare? Wer umgangssprachlich über Armut spricht, spricht über absolute Armut. Da geht es darum, ob genug zum Essen, Geld für die Kinokarte oder ein neues Paar Schuhe da ist. Damit hat der Befund nichts zu tun. Die Berichte der OECD nehmen Armut als relativen Begriff. Als "armutsgefährdet" gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Für Singles liegt diese Grenze in Deutschland derzeit bei 781 Euro im Monat, für eine Familie mit zwei Kindern bei 1640 Euro. Selbst wenn sich über Nacht alle Einkommen verdoppeln würden, wäre die Armut nicht verschwunden, weil sich dann auch die Armutsgrenze verdoppelt. Obwohl es allen deutlich besserginge, blieben die Armen statistisch arm.

          Methode führt zu bemerkenswerten Ergebnissen

          Weil nun aber - wie gesagt - die Kosten pro Kopf in einem Mehrpersonen-Haushalt niedriger sind als in zwei Single-Haushalten, haben sich die Statistiker ein Verfahren ausgedacht, wie sie dies bei ihren Armuts-Berechnungen berücksichtigen. Die erste erwachsene Person in einem Haushalt wird mit dem Faktor eins berechnet. Jeder weitere Erwachsene, der deutlich weniger zum Leben braucht, nur noch mit 0,5 und jedes Kind mit 0,3. Diese Methode führt zu bemerkenswerten Ergebnissen: Nehmen wir zum Beispiel zwei Erwachsene mit je 15.000 Euro Jahreseinkommen in einem Haushalt. Ihr "bedarfsgewichtetes Äquivalenzeinkommen" - so nennen die Statistiker das - liegt als Paar pro Kopf bei 20.000 Euro (30.000 Euro geteilt durch 1,5). Wenn sie sich trennen, sinkt ihr Äquivalenzeinkommen auf 15.000 Euro (30.000 Euro geteilt durch 2) - sie werden statistisch ärmer, obwohl sich an ihrem tatsächlichen Einkommen nichts geändert hat.

          Ein Drei-Personen-Haushalt mit 3000 Euro Einkommen hat pro Kopf ebenso viel Geld wie ein Single mit 1000 Euro. Nach der Rechenmethode der Statistiker müssten die 3000 Euro bei einer Trennung aber durch 1,8 geteilt werden (1,0 plus 0,5 plus 0,3). Heraus kommt ein Äquivalenzeinkommen von 1667 Euro. Der Single ist mit seinen 1000 Euro plötzlich arm.

          Die entscheidende Frage lautet also, ob die statistischen Annahmen den im Vergleich zu Paaren höheren Lebensbedarf eines Singles angemessen spiegeln - oder überzeichnen. "Wenn ein Paar zusammen rund 1200 Euro verdient, unterstellt diese Methode, dass bei einer Trennung ein Drittel mehr Einkommen notwendig ist, damit beide immer noch über die statistische Armutsgrenze kommen", rechnet Martin Werding vom Münchner Ifo-Institut vor. Doch diese Annahmen sind willkürlich. Und vielleicht auch ein bisschen übertrieben. "Wir etablieren damit in der politischen Debatte Standards, die nicht mehr überprüft werden", sagt Werding. Jenseits der Statistik geht es den Singles womöglich gar nicht so schlecht.

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