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Rollenprobleme : Der Schmerz der Spaltung

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Der gute Dr. Jekyll und Hyde, der Bösewicht: Robert Louis Stevenson ist der Prophet der Selbstspaltung. Bild: INTERFOTO

Am Sonntag ein Christ, am Wochentag ein Banker und während des Feierabends ein Golfer oder ein Liebhaber. Wir alle spielen in vielen Szenen und sind stolz darauf. Doch der Preis ist hoch. Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Gewiss: Wir leben in und reden von Kollektiven, etwa von Staaten, Vereinen, Unternehmen, Kirchen, Gewerkschaften; doch im Letzten denken und fühlen wir seit Jahrhunderten als Individuen: Es kommt darauf an, dass jeder Einzelne sein Glück, so wie er es versteht, anstreben kann, und die Menschenrechte sind nicht die Rechte des Menschengeschlechts, sondern die Rechte der Einzelnen.

          Seit Jahrhunderten ist uns auch bewusst, dass das Zusammenleben von Individuen nicht ohne Probleme ist; seit Jahrhunderten dreht sich das ordnungspolitische Denken um die Frage, wie freie Individuen jeweils ihr Leben leben können, ohne anderen zu schaden; mehr noch: Es geht seit langem um die Frage, wie freie Individuen so miteinander umgehen können, dass sie sich wechselseitig auch dann noch nützen, wenn sie jeweils nur ihren eigenen Vorteil suchen. Die freiheitlich-demokratische Ordnung strebt genau dies an. Auch tritt die liberale Marktordnung mit dem Anspruch auf, dies zu ermöglichen. Selbst dann, wenn man die Unzulänglichkeiten der politischen und der wirtschaftlichen Ordnung, so wie sie gegenwärtig existieren, nicht übersieht, kann man feststellen, dass diese Bemühungen nicht vollends erfolglos sind.

          Allerdings: So sehr man auch begrüßen muss, dass unsere politische und wirtschaftliche Ordnung so schlecht nicht funktioniert, so sehr gebietet der Realitätssinn, jenen Preis nicht zu übersehen, der von jedem Einzelnen bezahlt werden muss, wenn er denn in einer liberalen Ordnung leben soll. Mit anderen Worten: Wir haben für die Probleme des interindividuellen Zusammenlebens wenigstens einigermaßen akzeptable Lösungen gefunden und haben uns dabei intra-individuelle Vorteile, aber auch intra-individuelle Probleme eingehandelt.

          Wir können unseren Umgang so frei wählen wie nie zuvor

          Von Paul Valéry stammt der Satz, ein Mensch allein sei immer in schlechter Gesellschaft. Das ist richtig, aber nicht die ganze Wahrheit; zu ergänzen ist, dass ein Mensch ohne Gesellschaft kein Selbst haben, nicht er selbst sein kann. Nicht nur sieht man sich immer nur in den Augen der Anderen; auch existiert man nur, wenn andere einen anschauen; man ist jener, den andere in einem erblicken. Wer der Einzelne ist, wen er als sich selbst, als sein Selbst erlebt, hängt davon ab, mit wem er in gesellschaftlichem Kontakt steht. Die Volksweisheit weiß schon längst: Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Der Satz ist nicht nur vordergründig so zu verstehen, dass jener, der ein Ganove ist, den Umgang mit Ganoven sucht, sondern auch und vor allem so, dass jener, der den Umgang mit Ganoven pflegt, nicht nur das Verhalten, sondern auch das Selbstverständnis eines Ganoven entwickelt, zum Ganoven wird.

          Nun besteht die Gesellschaft nicht nur aus Ganoven; vielmehr gibt es auch Kirchgemeindemitglieder, Motorradfans Goldfischzüchter, Wissenschaftler und so weiter. Entscheidend ist nun, dass der Einzelne im Umgang mit Kirchgemeindemitgliedern ein Kirchgemeindemitglied, im Verkehr mit Bankmanagern ein Bankmanager, im Austausch mit Wissenschaftlern ein Wissenschaftler ist.

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