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Reinhard Marx : Die Soziallehre als Kompass

  • -Aktualisiert am

Reinhard Marx Bild: ddp

Auf dem Weg aus der Finanz- und Wirtschaftskrise kann die Katholische Soziallehre Orientierung bieten. Mit ihrer Hilfe lässt sich die Soziale Marktwirtschaft stärken. Es gilt, das Verhältnis von Eigeninteresse und Gemeinwohl wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Ein Gastbeitrag.

          9 Min.

          Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen." Dieser Ausspruch von Max Frisch offenbart eine optimistische Grundhaltung, gerade wenn man an den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 denkt. Nachrichten von Bankenpleiten, Auftragseinbrüchen und Insolvenzen überschlugen sich, die Finanzmarktkrise erreichte ein ungeahntes Ausmaß. Doch man darf im Rückblick auf mehr als ein Jahr sagen, der Beigeschmack der Katastrophe blieb Deutschland weitgehend erspart.

          Das mag zum einen daran liegen, dass die Verantwortlichen in Deutschland, Europa und den G-20-Staaten durch eine entschiedene und angemessene Politik diese Bewährungsprobe im Großen und Ganzen sehr gut bestanden haben, zum anderen daran, dass Deutschland durch das relativ starke Wirtschaftswachstum seit 2005 in einer guten Ausgangsposition war. Nur so lässt sich erklären, dass nach jüngsten Umfragen bisher nur rund ein Viertel der Haushalte in Deutschland die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise spürt. Wenn Deutschland die Krise also bislang recht gelassen überstanden hat, dann müssten wir uns jetzt eigentlich mitten in einem produktiven Zustand befinden.

          „You must not waste a crisis“

          Aber der Druck und der Eifer, grundlegende Reformen anzustoßen, lassen nach, sowie sich die Anzeichen mehren, dass sich die Konjunktur - wenn auch nur schleppend - erholt. Gleichzeitig zeigen die Nachrichten der vergangenen Wochen: Auf den internationalen Märkten brodelt es weiter. Der Aufschwung steht keineswegs auf stabilen Füßen. Allerdings ist der Wunsch groß, dass die Krise zu Ende und alles noch einmal gutgegangen sei. Kehren wir mithin zur Normalität zurück? Macht sich jetzt doch die "Business as usual"-Mentalität wieder breit? Das geflügelte englische Wort "You must not waste a crisis" deutet auf die produktive Chance der Krise hin. Derzeit sieht es aber so aus, als ob man diese Chance ungenutzt vorbeiziehen lassen wollte.

          Krisen markieren Wendepunkte und lassen innehalten. Genau da liegt die Produktivität von Krisen. Das meint die ursprüngliche Bedeutung des aus dem Griechischen stammenden Wortes krisis: "entscheidende Wendung". Diese schöpferischen Impulse unterstreicht Papst Benedikt XVI. in seiner Sozialenzyklika "Caritas in veritate": "Die Krise verpflichtet uns, unseren Weg neu zu planen, uns neue Regeln zu geben und neue Einsatzformen zu finden, auf positive Erfahrungen zuzusteuern und die negativen zu verwerfen. So wird die Krise Anlass zu Unterscheidung und neuer Planung."

          Die produktiven Möglichkeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise müssen genutzt werden, weil Krisen nicht nur eine Frage der wirtschaftlichen Stabilität und Effizienz, sondern insbesondere eine Frage der Gerechtigkeit sind. Denn es geht nicht um Märkte als Selbstzweck, sondern um die Menschen, deren Existenz und deren Zukunft betroffen sind. Eine Wirtschaftskrise trifft stets die Schwachen und Armen am stärksten. Klar ist: Krisen werden wir nicht verhindern können. Doch das enthebt uns nicht der Verpflichtung, alles zu tun, ihre Wahrscheinlichkeit, Häufigkeit und Wucht zu mindern.

          Die Arbeiterfrage war Anstoß zur ersten Sozialenzyklika

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