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Reichsfinanzministerium : Die große Plünderung

Gesuch eines Schulleiters, der das Vermögen von Juden will Bild: Staatsarchiv Nürnberg

Das Reichsfinanzministerium betrieb zwischen 1933 und 1945 aktiv die fiskalische Vernichtung der Juden und raubte die okkupierten Gebiete aus. Forscher glauben, dass das Finanzministerium in wichtigen Punkten „deutlich einflussreicher“ war als das Auswärtige Amt. Jetzt wird erstmals die Geschichte auch dieses Hauses wissenschaftlich erforscht.

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          Als der Münchner Universitätsprofessor N. am 24. Juli 1939 nach England emigrierte, war der einstmals vermögende Chefarzt eines großen Münchner Krankenhauses ein armer Mann: 1938 hatten die Finanzbehörden ihn zur "Judenvermögensabgabe" in Höhe von 57.000 Reichsmark herangezogen, vor der Ausreise musste er dann noch fast 40.000 Mark "Reichsfluchtsteuer" zahlen.

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sein restliches Vermögen - rund 200.000 Reichsmark - hatte das Finanzamt durch Sicherungsanordnung blockiert, unmittelbar nachdem es von den Ausreiseplänen der Familie N. erfahren hatte. 96 Prozent davon verfielen beim Umtausch in Devisen dem Fiskus. Nach seiner Ausbürgerung konfiszierte die Finanzverwaltung auch die restlichen vier Prozent. Nicht mehr als der Gegenwert von zehn Mark blieb den Emigranten als Startkapital.

          1933 verfügten die deutschen Juden über ein Vermögen von rund 16 Milliarden Reichsmark, nach der Machtergreifung Hitlers konnten sie etwa ein Viertel davon ins Ausland retten. Um den Rest begann ein Bereicherungswettlauf zwischen Privatpersonen, Unternehmen, Verbänden, Partei- und Reichsstellen. "Dieser Ausplünderungszug bezeichnet einen der größten Besitzerwechsel in der neueren deutschen Geschichte", sagt die Münchner Historikerin Christiane Kuller.

          Das Reichsfinanzministerium am Wilhelmplatz in Berlin. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude weitgehend zerstört.
          Das Reichsfinanzministerium am Wilhelmplatz in Berlin. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude weitgehend zerstört. : Bild: Bundesarchiv / Wikipedia

          Reichsfinanzministerium und die untergeordneten Behörden zählten zu den wichtigsten Akteuren dieses "Arisierungsprozess" genannten Raubzugs. Die Finanzbehörden erfüllten bei der Judenverfolgung eine Schlüsselfunktion bis hin zur Abwicklung von vermögensrechtlichen Aspekten der Deportation. Sie schreckten bei ihrer fiskalischen Judenverfolgung noch nicht einmal vor dem Zynismus zurück, Menschen eine Kapitalfluchtsteuer abzupressen, die man doch mit allen Mitteln in die Flucht treiben wollte. Der Skandal aber ist: Bis heute ist die Geschichte des Reichsfinanzministeriums noch nicht erforscht.

          Erst der SPD-Politiker Peer Steinbrück, Finanzminister der großen Koalition, gab im Sommer 2009 einer unabhängigen Historikerkommission den Auftrag, die Nazigeschichte des Hauses am Berliner Wilhelmplatz zu erforschen (zunächst wollte man das im Ministerium intern machen). Der Auftrag: Welche Rolle spielte das Reichsfinanzministerium bei der Ausplünderung der Juden und bei der Finanzierung von Rüstung und Krieg? Welche Handlungsspielräume hatten die Akteure?

          "Das Finanzministerium hat Aufrüstung und Krieg finanziert, das Regime über 12 Jahre stabilisiert und es letztlich mitgetragen", sagt Hans-Peter Ullmann, Wirtschaftshistoriker an der Universität Köln und Sprecher der Kommission. Das Ganze beruhte auf mehreren Säulen: auf Steuern, Kredit, Raub und Plünderei. Erhebliche Mehreinnahmen im Interesse der Kriegswirtschaft brachten nicht zuletzt die finanziellen Beutezüge der Nazis gegen die Juden. "Vor der Deportation in die Vernichtungslager erlitten die Juden den Finanztod", sagt Ullmann.

          Gewiss, es gibt eine ganze Reihe von lokalen und regionalen Studien, die sich mit der fiskalischen Judenverfolgung beschäftigen; es fehlt aber eine wissenschaftlich solide Analyse des Reichsfinanzministeriums. Dass eine solche Gesamtdarstellung der Fiskalverbrechen der Nazis über sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch nicht existiert, verwundert und hängt womöglich damit zusammen, dass, erst nachdem die meisten Akteure tot sind, die historische Erinnerung sich der Wahrheit zu nähern traut.

          Anstoß des Forschungsprojekts war das Vorbild Joschka Fischers

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