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Prostitution : Sex gegen Geld ist auch nur Arbeit

  • -Aktualisiert am

Ausbeutung oder keine Ausbeutung? Bild: AFP

Prostitution verschwindet nicht, wenn sie verboten ist. Schlimmer noch: Es blühen Gewalt und Ausbeutung. Wie kommt man raus aus dieser Nummer?

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          Achtundzwanzig Dollar pro Stunde. So viel können die Frauen auf dem Straßenstrich in Chicago durchschnittlich verdienen, fanden die Ökonomen Steven Levitt und Sudhir Venkatesh von der Universität Chicago vor ein paar Jahren heraus. Das ist etwa viermal so viel wie in anderen Jobs, für die man keine formale Qualifikation braucht. Doch das Geld ist sauer verdient: Die Frauen hätten dafür rund 300 Mal im Jahr ungeschützten Sex und würden etwa einmal im Monat Opfer einer Gewalttat, schreiben die Forscher. Zudem werden die Prostituierten regelmäßig von der Polizei aufgegriffen, denn ihr Gewerbe ist in Amerika verboten. Um der Verhaftung zu entgehen, haben sie auch häufig umsonst Sex mit Polizisten.

          Prostitution findet also auch dort statt, wo sie verboten ist, und ganz offensichtlich ist die Situation dieser Frauen verbesserungswürdig. Doch wie sieht ein Markt für sexuelle Dienstleistungen aus, der die Anbieter erfolgreich vor Gewalt und Ausbeutung schützt?

          Rein empirisch lässt sich diese Frage kaum beantworten, weil die Datenlage außerordentlich bescheiden ist. In vielen Ländern der Welt ist Prostitution verboten, entsprechende Geschäfte finden im Verborgenen statt. Und selbst dort, wo es an sich erlaubt ist, Sex für Geld anzubieten und zu kaufen, sorgen moralische Vorbehalte dafür, dass es wenig verlässliche Informationen gibt. Die Daten, die es gibt, sind oft lokal begrenzt wie bei Levitt und Venkatesh. Oder sie werden von Gruppen erhoben, die damit bestimmte politische Ziele verfolgen. Allerdings gibt es einige Erkenntnisse, wie sich unterschiedliche Regeln auf die Situation der Prostituierten auswirken.

          Ein Verbot macht Prostitution gefährlicher

          Ein Problem, das es aus Sicht der Ökonomen zu bekämpfen gilt, ist asymmetrische Information: Vor allem dort, wo Prostitution verboten ist, wissen die Anbieter sexueller Leistungen wenig darüber, wie zuverlässig ihre Kunden sind, und die Kunden haben wenig belastbare Informationen über die Qualität der Anbieter. Das führt zu überraschenden Verzerrungen. Die Untersuchung von Levitt und Venkatesh legt etwa nahe, dass in illegalen Märkten Mittelsmänner die Effizienz erhöhen: Die Frauen, die mit Zuhältern zusammenarbeiteten, wurden weniger oft verprügelt und festgenommen und konnten höhere Preise verlangen. Die Zuhälter wählten Kunden aus und stellten die Räume bereit, in denen die Frauen ihrem Geschäft nachgehen konnten. Die Risiken, die sich für die Frauen aus dem Informationsmangel ergaben, wurden damit geringer, der Markt effizienter. In anderen Fällen scheinen Prostituierte diese Rolle selbst auszufüllen. Die Ökonomin Allison Schrager beschreibt zum Beispiel, wie New Yorker Escort-Damen sich über ein Internetportal gegenseitig vor betrügerischen oder gewalttätigen Kunden warnen.

          Bild: F.A.Z.

          Viele dieser Informationsprobleme ergeben sich aus der Kriminalisierung der Prostitution: Die New Yorker Escort-Damen haben keine legale Handhabe gegen gewalttätige Kunden und müssen sich deswegen selbst verteidigen. Streitet sich eine der Frauen aus Chicago mit ihrem Zuhälter und verliert seinen Schutz, wird ihr die Polizei keine Hilfe sein. Wo Prostitution verboten ist, spielt sie sich in Strukturen ab, die von Abhängigkeit und Gewalt gekennzeichnet sind.

          Das gilt offenbar selbst für Länder, die mit Verboten die Prostituierten schützen wollen: So nahm in Schweden laut einer Studie des österreichischen Instituts für Konfliktforschung die Prostitution nicht merklich ab, nachdem dort Ende der neunziger Jahre ein Gesetz beschlossen worden war, das Freier bestraft und Prostituierte ähnlich behandelt wie Opfer von Vergewaltigung. Stattdessen verschob sie sich, etwa von der Straße in Privatwohnungen, wo die Frauen weniger geschützt sind. Zu ähnlichen Schlüssen kommt eine Studie der Vereinten Nationen zu Prostitution im Pazifikraum: Wo Sex für Geld verboten ist, gibt es genau so viel davon wie anderswo – aber die Arbeit ist für die Prostituierten gefährlicher.

          Sexuelle Ausbeutung ist schon heute eine schwere Straftat

          Allerdings kann auch die Legalisierung nicht alle Probleme lösen – und sogar neue schaffen. Ein Forscherteam der Universität Heidelberg kam vergangenes Jahr zu dem Schluss, dass die Liberalisierung des Prostitutionsgesetzes in Deutschland nicht nur den Markt für Sex erheblich vergrößert, sondern auch das Problem der sexuellen Ausbeutung verschärft hat. Das ist ein wichtiges Argument derer, die Prostitution in Deutschland wieder verbieten wollen, wie etwa die Feministin Alice Schwarzer. Es ist auch einer der Gründe dafür, dass die neue Regierung Zwangsprostitution in Zukunft stärker bekämpfen will und sich dieses Ziel deswegen in den Koalitionsvertrag geschrieben hat.

          Sexuelle Ausbeutung ist allerdings schon heute eine schwere Straftat. Es bleibt fragwürdig, ob ein absolutes Verbot der Prostitution dabei helfen kann, sie zu bekämpfen. Die Daten aus Schwarzmärkten deuten darauf hin, dass die Situation der ausgebeuteten Menschen dort weitaus schlechter ist als in legalen Märkten. Zudem würde das Verbot auch diejenigen treffen, die dem Beruf aus freien Stücken nachgehen. Wenn sie fordern, dass man ihre Vorschläge berücksichtigt, wie ihre Arbeit erleichtert werden könnte, lohnt es sich zuzuhören. Die Einrichtung einer speziellen Sozialversicherung für selbständige Anbieter sexueller Dienstleistungen ähnlich der Künstlersozialkasse, wie sie ein deutscher Prostituiertenverband fordert, scheint zum Beispiel wirklichkeitsnäher als die bisher bestehende Möglichkeit, sich gesetzlich zu versichern. Schließlich arbeiten nur wenige Prostituierte als Angestellte – auch deswegen, weil ein Arbeitgeber keine speziellen Tätigkeiten von ihnen verlangen könnte, ohne ihre sexuelle Selbstbestimmung zu verletzen.

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