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Professoren-Rankings : Die zweifelhaften Platzhirsche unter den Ökonomen

Wer wird zum Platzhirsch? Bild: picture-alliance/ dpa

Deutschland diskutiert über seine Top-Ökonomen - vor allem über diejenigen, die unsere Politiker beraten. Aber wer wird überhaupt „Top“? Wer fällt durchs Raster? Eine Studie zeigt: Die Rankings für Wirtschaftsprofessoren sind oft hochgradig ungerecht.

          Das Feld der Wissenschaft erscheint äußerst unübersichtlich. Es gibt mehrere tausend Wirtschaftsprofessoren und Dozenten an den Universitäten und zusätzlich Hunderte Forscher in den privaten Instituten. Die Zahl der wissenschaftlichen Journale und Veröffentlichungen ist nicht mehr zu überblicken. Wem soll man also zuhören, wer ist in der Forschung angesagt? Eine gewisse Orientierung bieten Rankings, die immer neuen Listen, die eine klare Rangordnung suggerieren.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Ohne Zweifel haben diese Rankings großen Einfluss auf das Bild der Wirtschaftswissenschaft in der Öffentlichkeit, und sie wirken auch in die Forschergemeinde hinein. Sie sorgen für mehr Transparenz. Wichtig ist aber, zu erkennen, wie sehr die Ergebnisse auch von der Methode der Messung bestimmt sind. Kritiker warnen zudem vor Fehlanreizen für Forscher, wenn sie ihre Arbeit zu stark darauf ausrichten, eine möglichst gute Plazierung auf den Ranglisten zu bekommen.

          Aufs Zählen verlegt

          Weil die qualitative Bewertung sozialwissenschaftlicher Arbeiten schwierig ist, verlegen sich die Ranglistenersteller aufs Zählen: Wie oft wird Ökonom X in Fachzeitschriften zitiert? Das gibt Aufschluss darüber, wie ernst seine Arbeiten genommen werden. Angesichts der gigantischen Zahl von Journalen wird jedoch auch hier selektiert. Und schon fangen die Probleme an: Die Rankings sehen ganz anders aus, wenn mehr Quellen berücksichtigt und die untersuchten Zeiträume verlängert werden. Das zeigen der Konstanzer Ökonom Heinrich Ursprung und Markus Zimmer vom Ifo-Institut in ihrer Studie „Wer ist der Platzhirsch der deutschen Ökonomenprofession?“ Ausgangspunkt ihrer statistischen Analysen ist ein Ranking deutscher Ökonomen, das die Zeitung „Handelsblatt“ (HB) im Jahr 2005 erstellt hat.

          Die Ergebnisse sind erstaunlich: Aus der betrachteten Gruppe von 27 Ökonomen „kann jeder Dritte aufs Siegerpodest gezogen werden, je nach angewandter Methode“, schreiben Ursprung und Zimmer. „Selbst Ökonomen, denen im HB-Ranking untere Plätze zugewiesen wurden, können ganz an der Spitze auftauchen, wenn die Zählmethode leicht geändert wird.“

          Wenn der Aufsatz in der falschen Zeitschrift erscheint...

          Frappierend ist der Fall des Bonner Ökonomen Reinhard Selten, der 1994 als bislang einziger Deutscher mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet wurde. Im HB-Ranking lag er mit nur 74 Punkten weit hinten; werden aber mehr Quellen gezählt, springt Selten mit 1439 Punkten auf den ersten Platz, gefolgt vom ehemaligen Vorsitzenden der Monopolkommission, Martin Hellwig, und dem heute in Jena lehrenden Verhaltensökonomen Werner Güth, die es im HB-Ranking nicht unter die ersten drei geschafft hatten.

          Der Grund ist einfach: Der bahnbrechende Aufsatz über „Teilspielperfekte Gleichgewichte“, für den Selten den Nobelpreis erhielt, erschien 1965 in der „Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft“. Deren Beiträge berücksichtigt der amerikanische Social Sciences Citation Index aber nicht. „Dieser Aufsatz von Selten ist eine der berühmtesten und am häufigsten zitierten ökonomischen Forschungsarbeiten eines deutschen Ökonomen, aber . . . er wurde im falschen Journal, im falschen Jahr und, könnte man hinzufügen, in der falschen Sprache veröffentlicht“, schreiben Ursprung und Zimmer.

          Junge Ökonomen sind im Nachteil

          Weiter gilt es verschiedene Typen von Forschern zu unterscheiden: Einige der untersuchten Ökonomen haben ein oder zwei Aufsätze oder Bücher geschrieben, oft in jungen Jahren und zu Modethemen, die immens oft zitiert werden, während ihre restlichen Arbeiten weniger Beachtung finden. Andere Ökonomen forschen beständig und ausdauernd auf gutem, wenngleich nicht herausragendem Niveau, teils beackern sie abgelegene Felder. Ursprung und Zimmer bezeichnen die ersten als „Sprinter“, denen rasch der Atem ausgehe, die anderen seien „Langstreckenläufer“. Beide Typen können in den Rankings gut abschneiden.

          Jüngere Ökonomen allerdings sind in jedem Fall im Nachteil: Sie mögen brillante Forscher sein, doch ist ihre Liste zitierfähiger Veröffentlichungen einfach noch nicht lang genug, um sie in den Rankings weit nach oben zu bringen. Ein Korrekturfaktor zum Alter kann dies ausgleichen: Dann steigt in der Berechnung von Ursprung und Zimmer der Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn auf den zweiten Platz hinter dem Münchner Verhaltensökonomen Klaus Schmidt, einige Ältere fallen zurück.

          Die neue Krankheit „Evaluitis“

          Grundsätzliche Zweifel am Sinn von Forschungsrankings und Evaluationen hat der Schweizer Bruno Frey. Er spricht von der neuen Krankheit „Evaluitis“. An Universitäten würden immer mehr Zeit und Energie für die bürokratische Kontrolle von Leistungen eingesetzt - dies gehe zu Lasten der Zeit für Forschung und Lehre.

          Zudem bewirke die Evaluation ihrer Leistungen über das Zitationszählen eine Verhaltensänderung: „Sobald die Forschenden wissen, dass ihre wissenschaftliche Leistung nach diesem Kriterium gemessen wird, werden sie veranlasst, sich solchen Forschungsfragen zu widmen, die gerade Mode sind und wo sie erwarten können, viel zitiert zu werden“, kritisiert Frey. Im neuesten HB-Ranking steht ausgerechnet er, der so gegen den Strom schreibt, in der Kategorie Lebenswerk an erster Stelle.

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