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Preise selbst bestimmen : Zahle, was du willst!

Zahlen nach Geschmack beim Mittagsbuffet in Frankfurt Bockenheim Bild: Roger Hagmann

Es ist die totale Kundendemokratie: Gastwirte testen sie, Friseure, Kinobetreiber. Und die Popgruppe Radiohead. Sie überlassen den Kunden die Entscheidung über den Preis. Das Seltsame ist: Es funktioniert.

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          Radiohead und der Frankfurter Gastronom Pourya Feily haben mehr gemeinsam, als sie selbst ahnen. Die britische Popgruppe und der Chef des persischen Restaurants Kish haben ungefähr zur gleichen Zeit die totale Kundendemokratie in der Preisbildung eingeführt: „Zahle, was du willst“ lautet ihr Angebot an die Kundschaft.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Sie sind nicht die ersten mit diesem Experiment. Weinkneipen, Hotels, Friseure, Feinkostgeschäfte und Kinos haben sich schon daran versucht. Aber Kish und Radiohead werden aufmerksamer beobachtet als alle ihre Vorreiter: Radiohead, weil sie weltbekannt sind, und Kish, weil es von einem Wissenschaftler-Team um den Frankfurter Handelsprofessor Martin Natter überzeugt wurde, das Wagnis einzugehen, die Preissouveränität den Gästen zu überlassen.

          Totengräber der Plattenindustrie?

          Radiohead hatte die gesamte Musikwelt elektrisiert, als sie am 10. Oktober ihr neues Album „In Rainbow“ ins Internet stellte und die ungewöhnliche Preispolitik bekanntmachte. Bis zum 10. Dezember konnten Kunden Musik herunterladen und von ihrer Kreditkarte abbuchen lassen, was ihnen der Spaß wert war: Zwischen gar nichts und 99,99 britische Pfund (140 Euro) waren erlaubt. Die Band entfachte damit einen unglaublichen Wirbel. Die Musikkritiker feierten die ohnehin Jubel gewohnten Künstler als die Retter des Rock 'n' Roll und gleichzeitig als Totengräber der Plattenindustrie.

          Die Kasse füllt sich im persischen Restaurant Kish

          Im Restaurant Kish im Frankfurter Stadtteil Bockenheim hat der Wirbel erdnähere Dimensionen. Jeden Tag zur Mittagszeit bauen Feily und seine Mitarbeiter ein reichhaltiges Mittagsbuffet auf, an dem sich die Gäste die Teller vollladen können mit zartestem Lammfleisch, Hähnchen oder Rind, Gemüse, Salaten, verschiedenen Reissorten, Dips und Obstsalat. Bevor der Restaurantfachmann im Dezember 2007 mit der Aktion begann, verlangte er 7,99 Euro für das Mittagessen vom Buffet. Seitdem zahlt jeder, was er will.

          „Das ist das Beste, was wir je gemacht haben“

          Vor wenigen Monaten noch war Kish ein exotisch anmutendes Restaurant im Frankfurter Stadtteil Bockenheim, in das sich nicht viele Gäste verloren. Heute kommen mittags zwischen 130 und 150 Leute in sein 90-Plätze-Etablissement, um die totale Kundendemokratie zu kosten. Sie bringen, das ist der erste Effekt, mehr Umsatz.

          Auch die Popgruppe klagt nicht, im Gegenteil: „Das ist das Beste, was wir je gemacht haben“, bloggen die Musiker. Radiohead hat nach eigenen Angaben in den drei Monaten der Aktion mehr als eine Million digitale Musikpakete verkauft oder verschenkt. Das ist doch schon einmal etwas.

          Doch die eigentlich interessante Antwort wollen die Pop-Millionäre nicht geben: Wie viel Geld haben die Leute bezahlt? An dieser Stelle kommt Comscore ins Spiel, ein amerikanisches Marktforschungsinstitut. Die Vermessung der digitalen Welt ist laut Website seine Mission. Das Institut will Folgendes herausgefunden haben: Weltweit haben nur 38 Prozent der Besucher für die Radiohead-Musikpakete bezahlt, 62 Prozent luden die Stücke herunter, ohne etwas zu geben.

          Warum sind die Leute so anständig?

          Radiohead-Bandleader Thom Yorke verriet nur, dass 15 Fans den Höchstpreis entrichtet haben. Comscore kam zum Ergebnis, dass jene, die grundsätzlich zu zahlen bereit waren, 4 Euro entrichteten. Wenn man Zahler und Nichtzahler zusammennimmt, sprangen für die Künstler im Schnitt 1,53 Euro heraus.

          Und bei Kish? Das erste Ergebnis ist verblüffend: Fast alle Leute zahlen. Am ersten Tag, an dem sich die Aktion richtig herumgesprochen hatte, hinterlegten die Leute im Durchschnitt 7,46 Euro statt 7,99 Euro. Am schlechtesten der ersten zehn Tage gaben sie im Schnitt 5 Euro. Über alle Tage hinweg waren es etwas weniger als 7 Euro. Fünf Euro war der häufigste Betrag, 15 Euro der höchste, 50 Cent der niedrigste.

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