https://www.faz.net/-gqe-8mnf2

Gastbeitrag : Degrowth, eine Alternative zum Wachstum

  • -Aktualisiert am

Rote und grüne Schnecken: Symbol der aktuellen Degrowth-Konferenz in Budapest Bild: Degrowth

Manche Ökonomen haben eingesehen: Die Wirtschaft kann nicht immer weiter wachsen. Ihre Schlagworte sind Degrowth und Postwachstumsgesellschaft. Eine Gegenrede zu Rainer Hank.

          Vor einer Woche hat Rainer Hank unter dem Titel „Wachstum im Schneckentempo ist in“ in dieser Zeitung einen Beitrag gegen die „Degrowth-Bewegung“ geschrieben. Darin behauptet er nicht nur, Wachstumskritik habe sich als Selbstverständlichkeit durchgesetzt. Sondern auch, Wachstumskritik sei fortschrittsfeindlich, ein unnötiges Luxusphänomen, habe keine Argumente auf ihrer Seite und scheitere daran, dass sie gegen „die menschliche Natur“ ankämpfe.

          Wir im Konzeptwerk Neue Ökonomie arbeiten aus wachstumskritischer Perspektive zu den Möglichkeiten einer sozial-ökologischen Transformation. Wir tun dies aus der Überzeugung, dass weiteres Wirtschaftswachstum der reichen Länder kein gutes Leben ermöglicht, sondern diesem entgegensteht. Denn Analysen zeigen: Von Wachstum profitieren vor allem die Reichsten, während es gleichzeitig krasse Armut und Ausgrenzung schafft und die ökologischen Grenzen des Planeten massiv überschreitet. Degrowth oder Postwachstum steht nicht für Verzicht und Rückschritt, sondern für progressive Alternativen zum Wachstumsdiktat.

          Wir leben in einer kapitalistischen Wachstumsökonomie. Dass weiteres Wirtschaftswachstum möglich, wünschenswert und sogar notwendig ist, gehört zu den ideologischen Grundfesten dieser Gesellschaften. Wirtschaftswachstum soll nicht nur ökonomische Probleme wie Schulden oder mangelnde Arbeitsplätze lösen, sondern auch soziale Probleme wie Ungleichheit oder fehlende Kindergartenplätze. Viele hoffen sogar, dass durch Energiewende und technische Innovationen „grünes Wachstum“ auch die ökologischen Probleme löst. Stagnation bedeutet hier soziale Krise: Arbeitslosigkeit, Haushaltsdefizite, Armut. Der Glaube der expansiven Moderne ist ungebrochen: Wachstum gilt als Allheilmittel und als universeller Maßstab für Fortschritt, Modernität und Entwicklung. Aber ist das wirklich so? Und gibt es Alternativen?

          BIP als Wohlstandsindikator ist veraltet

          Hank behauptet, Wachstum sei zentral für das Prosperieren der Gesellschaft und das BIP sei „bis heute das geeignetste Maß für den Wohlstand einer Nation und ihrer Menschen“. Diese Behauptung ist ausgesprochen fragwürdig: Nicht einmal die Erfinder des BIP in den 1930er Jahren teilten diese Auffassung. Und Ökonomen, Regierungen und internationale Organisationen arbeiten seit Jahrzehnten an besseren Wohlstandsindikatoren, weil die Fixierung auf das BIP die ökologischen und sozialen Folgekosten von Wachstum weit an den Rand des gesellschaftlichen Bewusstseins drängt.

          Als einzigen Beweis führt Hank die Korrelation zwischen Lebenserwartung und BIP pro Kopf an. So wichtig diese Korrelation ist, so wenig hat sie mit Wachstumskritik zu tun. Keiner bestreitet, dass Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit (Stichwort 1800) und in weniger reichen Ländern (China) mit zunehmendem Wohlstand der unteren und mittleren Klassen zusammenhängt. Degrowth bestreitet aber, dass das bis in alle Ewigkeit so weitergehen kann.

          Das hat mehrere Gründe: Zahlreiche Studien zeigen, dass der Grenznutzen jedes weiteren Euros mit zunehmendem Wohlstand deutlich abnimmt, die Kosten von Wachstum hingegen steigen. Ab einem bestimmten Einkommensniveau – und dieses haben die meisten Menschen in Westeuropa in den 1980er Jahren erreicht – endet der Zusammenhang: Trotz Wirtschaftswachstums stagniert die Lebenszufriedenheit – oder sinkt sie sogar.

          Weitere Themen

          Masernausbruch in New York Video-Seite öffnen

          Impfen wird jetzt Pflicht : Masernausbruch in New York

          Weil die Erkrankung immer weiter um sich greift, sah sich Bürgermeister Bill de Blasio gezwungen, den Notstand auszurufen. Die Bürger von Williamsburg sind nun verpflichtet, sich zu impfen, damit sich die Krankheit nicht weiter ausbreiten kann.

          Der Kunstmarkt in Zahlen Video-Seite öffnen

          Kurz erklärt : Der Kunstmarkt in Zahlen

          Jährlich werden auf dem internationalen Kunstmarkt 60 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Doch wo viel Geld ist, sind Kunstdiebstahl und Fälschungen nicht weit. Jedes dritte Kunstwerk auf dem Markt soll nicht echt sein.

          Topmeldungen

          Das südkoreanische Fernsehen berichtet über das bevorstehende Gipfeltreffen von Kim Jon-un und Wladimir Putin.

          Kim und Putin : Nordkorea bestätigt „baldiges“ Treffen in Russland

          Angesichts der Spannungen mit Washington hofft Kim Jong-un nun auf Hilfe aus Moskau: Putin will sich für eine Lockerung der Sanktionen gegen Nordkorea einsetzen. Der Gipfel könnte noch diese Woche im sibirischen Wladiwostok stattfinden.

          FAZ.NET-Sprinter : Große Versprechungen und ein neues Trauma

          Zwei Tage nach den Anschlägen auf Sri Lanka wirken die schrecklichen Bilder noch immer nach. Und die Menschen wollen Antworten auf drängende Fragen. Wird es heute neue Erkenntnisse geben? Was sonst noch wichtig wird, lesen Sie im FAZ.NET-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.