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Gastbeitrag : Degrowth, eine Alternative zum Wachstum

  • -Aktualisiert am

62 Menschen besitzen so viel wie die Hälfte

Ein wichtiger Grund ist die zunehmende Ungleichheit. Denn von den Einkommensgewinnen der letzten 25 Jahre – die Hank undifferenziert als „gigantischen Wachstumserfolg“ feiert – haben de facto nur wenige profitiert. Die reichsten fünf Prozent haben sich die Hälfte des Einkommensgewinns angeeignet. Inzwischen besitzen 62 Menschen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Gleichheit und ein gutes Sozialsystem sind kein natürliches Anhängsel des Wirtschaftswachstums, sondern das Ergebnis gesellschaftlicher Kämpfe und politischer Aushandlungsprozesse.

Bisher geht Wachstum zudem immer mit steigendem Ressourcenverbrauch einher. Das gilt auch für Apple und Google, zwei der „wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt“, die Hank als ökologisch unproblematisch feiert („Da pufft und stinkt gar nichts“). Genau auf diese Blindstellen der Wachstumsenthusiasten macht die Degrowth-Bewegung aufmerksam: Denn wir leben nicht in einer Welt, in der iPhone-Chips aus dem Sand der Strände von San-Francisco gewonnen und von gut bezahlten Beschäftigten zu Handys weiterverarbeitet werden. Stattdessen braucht das Geschäftsmodell von Apple seltene Erden, deren Abbau mit Verwüstung und Vertreibung einhergeht. Es treibt den Energieverbrauch der Informations- und Kommunikationstechnologien massiv (schon fast ein Fünftel des Gesamtstrombedarfs) und basiert auf miserablen Arbeitsbedingungen und auf Ausbeutung. Hank liefert ein perfektes Beispiel für die Illusion einer „grünen, entwickelten Wirtschaft“, die alles, was „pufft“, dahin verschiebt, wo es nur andere trifft. Und dann so tut, als stinke es nicht.

Degrowth-Bewegung: Emanzipatorisch, herrschaftskritisch und inklusiv

Die Degrowth-Bewegung ist nicht gegen erneuerbare Energien und Effizienzpolitik, sondern sie weist darauf hin, dass in einer Welt mit steigendem Wirtschaftswachstum diese technologiefixierten Strategien nicht ausreichen. Besonders dann, wenn allen Menschen ein ähnlicher Lebensstandard ermöglicht werden soll, ohne den Planeten zu zerstören.

Flyer zur Degrowth Week in Budapest 2016: Ökologische und rote Schnecken vereinigt euch.

Degrowth ist eine Provokation. Genauso wie das Symbol der Schnecke. Eine Provokation gegen eine Gesellschaftsordnung, in der alle miteinander konkurrieren, in der es nur ums Höher, Schneller, Weiter geht und die unsere Lebensgrundlagen zerstört. Eine Gesellschaftsordnung, die den Menschen auf einen Homo oeconomicus reduziert, anstatt ihn als komplexes Beziehungswesen zu begreifen. Und eine Gesellschaftsordnung, in der es keine Grenzen mehr gibt für Kapital- und Warenströme, dafür aber umso stärkere Abschreckungsregime für Menschen, die aus Ländern fliehen, die wir durch unsere rücksichtslose Wachstumsökonomie zerstört haben.

Degrowth ist aber auch ein Vorschlag. Nicht für individuellen Verzicht, sondern für eine Transformation der reichsten Gesellschaften hin zu Strukturen, die nicht auf permanente Steigerung angewiesen sind. Auch wenn Hank so tut, als wäre Wachstumskritik eine Querfront, die von Rechts- bis zu Linkspopulisten reiche: Degrowth steht für eine emanzipatorische, herrschaftskritische und inklusive Zukunft.

Über den Autor

Der Autor arbeitet beim Konzeptwerk Neue Ökonomie und ist „Permanent Fellow“ am DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften der Universität Jena.

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