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Österreichische Schule : Die Tea Party begann im Kaffeehaus

Ein typisches Wiener Kaffeehaus Bild:

In Wiener Kaffeehäuser war es modern, Sozialist oder Nationalist zu sein. Auch Mises und Hayek begannen ihre intellektuelle Karriere als Sozialisten - und brachten den Liberalismus nach Amerika. Mit einem Spaziergang durch die „Austrian Economics“-Literatur.

          Am 2. August 1940 landete der österreichische Nationalökonom Ludwig Edler von Mises (1881 bis 1973) in New York. „Die Welt war in Aufruhr, der Krieg wütete, als wir von Europa Abschied nahmen“, schreibt seine Frau Margit 1978 im Vorwort zu den Erinnerungen ihres Mannes. Als jüdischer Intellektueller, der zu allem Überfluss auch noch den Kapitalismus rechtfertigte, war für von Mises an österreichischen Universitäten kein Platz.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Abschied war endgültig und der Anfang in der neuen Welt, wie für viele Emigranten, schwierig: „voller Unsicherheiten, seelischer Qualen und Aufregungen“. Es war der Abschied der „österreichischen Schule der Nationalökonomie“ von Österreich. Denn auch Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992), der große Schüler von Mises', hatte bereits in den 30er Jahren Österreich gen England verlassen und kam Ende der 40er Jahre nach Amerika. Seither meint, wer von „österreichischer Schule“ spricht, kurioserweise eine amerikanische Lehre des radikalen Liberalismus, die man, was die Sache nicht einfacher macht, dort nicht liberal (das bedeutet „links“), sondern „libertär“ nennt. Und wenn heute jemand unter den Anhängern der Tea-Party-Bewegung sagt, er habe eine „österreichische Perspektive“, dann heißt das nicht, dass er gerne in den Alpen wandert oder zum Heurigen geht, sondern dass er sich zu den Lehren von Mises & Co. bekennt.

          Begonnen hat alles im Wien der Jahrhundertwende. Damals, in den nicht endenden Debatten der Kaffeehäuser, war es unter der jungen Generation modern, Sozialist oder Nationalist zu sein. Die Eltern hatten Bankenzusammenbruch und Gründerkrach erlitten und dabei häufig viel Geld verloren. Der Kapitalismus war in seiner ersten großen Krise. Wer liberal war, galt als hoffnungslos gestrig. Austromarxismus und bald auch Nationalsozialismus wurden die Heilslehren des beginnenden 20. Jahrhunderts.

          Ludwig von Mises

          Gegen den Trend keimte bei den jungen Ökonomen eine Liebe auf

          Auch Mises und Hayek, die zu den profiliertesten Liberalen des 20. Jahrhunderts werden sollten, begannen ihre intellektuelle Karriere, wie viele, als Sozialisten und Etatisten. „Ich bin Ökonom geworden, weil ich Sozialist war“, schreibt Hayek: „Weil ich die menschliche Vernunft überschätzt habe wie die meisten anderen: Wir sind doch intelligent genug, um uns eine bessere Welt zu schaffen.“ Der Glaube an die gesellschaftsverändernde Kraft des „social engineering“ schwand peu à peu und machte einer Skepsis gegenüber der anmaßenden Hybris menschlichen Wissens Platz.

          Aber auch für die dominierende ökonomische Schule, den Historismus, hatten Mises und Hayek nur Verachtung übrig. Gegen den herrschenden Trend keimte bei den jungen österreichischen Ökonomen (auch Joseph Schumpeter zählte von Ferne dazu) eine Liebe zum als altmodisch geltenden klassischen Liberalismus wie er von Adam Smith bis John Stuart Mill im 18. und 19. Jahrhundert in Schottland und England erdacht wurde: Alle Wirtschaftswissenschaft muss beginnen beim Einzelnen und seinen in Freiheit getroffenen persönlichen und unvorhersagbaren Entscheidungen.

          Ihre eigene Spielart des Liberalismus wurde Mises und Hayek vor allem durch Carl Menger (1840 bis 1921) vermittelt. Nicht objektive Naturphänomene, sondern subjektive Wertschätzungen sind Thema der Ökonomie; sie ist nicht Natur-, sondern Sozialwissenschaft.

          „Doch wurde ich nur der Geschichtsschreiber des Niedergangs“

          Werte, so lautet das wichtigste Prinzip der österreichischen Schule, stecken nicht objektiv in den Gütern, sondern subjektiv in den Köpfen der Menschen, die Güter und Dienstleistungen für sich bewerten. Das ist der Ausgangspunkt allen Wirtschaftens, das überhaupt nur deshalb in Gang kommt, weil den Menschen unterschiedliche Dinge eben unterschiedlich viel bedeuten. Handel heißt die Lösung für unterschiedliche Wertschätzungen (ich verkaufe dem Partner, was ihm wertvoll ist, und kriege, was mir viel bedeutet): Was die Güter wert sind, spiegelt sich im Preis. Preise sind somit nicht Ausdruck der Herstellungkosten (oder geronnener Arbeit), sondern Quantifizierung der subjektiven Wertschätzung.

          Auch die heutigen amerikanischen Nachfahren der Wiener Gründergeneration meinen, dass die Regierungen sich nicht in Marktgeschehen einmischen sollten. Mehr als Politiker wissen Marktpreise über die Präferenzen der Bürger. Wenn Staaten dafür sorgen, dass Märkte ungestört funktionieren können, reicht das aus. Machen sie mehr (und sei es nur durch eine staatliche Geldpolitik), kommt die Wirtschaft in die Krise.

          Ludwig von Mises blieb in Amerika ein Außenseiter, schwankend zwischen Bitternis und Milde. Die universitäre Karriere war ihm versagt. Ständig wähnte er sich von Sozialisten umzingelt. „Ich wollte Reformer werden, doch wurde ich nur der Geschichtsschreiber des Niedergangs“, sind seine Erinnerungen überschrieben. Eine Schule wollte er nie gründen, aber eine Gemeinde (mit allen Idiosynkrasien der Gemeindebildung) konnte er nicht verhindern.

          Noch mehr Österreich

          Ein kleiner Spaziergang durch die „Austrian Economics“-Literatur

          In Deutschland (und Europa) ist die österreichische Schule der Nationalökonomie relativ unbekannt. Im Amerika ist das anders: Entsprechend umfangreich ist die Literatur, für deren Verbreitung auch die entsprechenden Schulzentren sorgen; vieles ist online kostenlos verfügbar. Sich kurz zu fassen, war freilich keine Stärke der Österreicher. Viele Adepten tun es darin den Lehrern gleich. Stets ist zu beachten, dass die Österreicher untereinander oft in nachhaltiger Feindschaft (Neid, Missgunst und Bewunderung) verbunden waren.

          1. Ein gelungene kurze Einführung in die Ideenwelt der Österreicher mit Kurzporträts der Protagonisten hat gerade der Direktor des Londoner Adam Smith Institutes vorgelegt: Eamonn Butler: Austrian Economics. A Primer. London 2010 (http://adamsmith.org/files/austrian-primer-text.pdf).Eine Geistesgeschichte des Neoliberalismus, dem die österreichische Schule zuzurechnen ist, hat Philip Plickert geschrieben: Wandlungen des Neoliberalismus. Stuttgart 2008. „Quarterly of Austrian Economics“ (http://mises.org/periodical.aspx?Id=4) ist die wichtigste Zeitschrift der Schule. Ein zeitgenössischer deutscher keynesianisch ausgerichteter Blog hat in diesem Monat den „österreichischen Herbst“ ausgerufen: http://www.weissgarnix.de/category/oesterreichischer_herbst.

          2. Als Vater der Schule und Erfinder der subjektiven Wende der Ökonomie gilt Carl Menger (1840 bis 1921) und sein Hauptwerk: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre. Wien 1871 (http://files.libertyfund.org/files/1279/0761_Bk.pdf)

          3. Zur erste Generation zählen auch Friedrich von Wieser (1851 bis 1926) „Über den Ursprung und die Hauptgesetze des Wirtschaftlichen Wandels, Wien 1884“ und Eugen von Böhm-Bawerk (1851 bis 1914) „Kapital und Kapitalzins, Wien 1989“. Für viele wirtschaftspolitischen Debatten von heute ist lohnend zu lesen: Eugen von Böhm-Bawerk: Macht oder ökonomisches Gesetz? Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Bd. XXIII (S.205-271). Will die die Politik ihre Macht gegen die Gesetze des Marktes ausspielen, wird sie zwangsläufig immer verlieren.

          4. In der zweiten Generation treten die bis heute einflussreichsten Matadore der Schule auf: Ludwig von Mises (1881 bis 1973) und Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992). Die Literatur zu beiden ist uferlos.

          Eine sehr schöne, allerdings auch umfangreiche Mises-Biogpraphie gibt es von Jörg Guido Hülsmann: Mises. The Last Knight of Liberalism. Auburn 2007 (http://mises.org/books/lastknight.pdf). In Auburn ist auch das Mises-Institut beheimatet, auf dessen Internetseite (fast) alle Wünsche nach liberaler/libertärer Literatur wahr werden (www.mises.org).

          Lebendige Anschauung der frühen Jahre Mises' geben seine Erinnerungen, die seine Witwe 1978 veröffentlicht hat (http://docs.mises.de/Mises/Mises_Erinnerungen.pdf). Dort zeigt sich auch das nicht gerade bescheidende Selbstbewusstsein des Mannes („Ich war der Nationalökonom des Landes“), der für sich in Anspruch nimmt, Österreich vor dem Sozialismus bewahrt zu haben. Bemerkenswert auch seine Vermutung, was an der österreichischen Schule österreichisch ist: „In Österreich war die Luft frei vom Spuk der Hegelschen Dialektik“. Tausende von Seiten Hardcore-Mises gibt es in seinem Hauptwerk „Nationalökonomie: Theorie des Handelns und Wirtschaftens, Wien 1940“ (http://www.mises.de/public_home/article/73) und „Human Action: A Treatise on Economics. 1949“ (http://www.econlib.org/library/Mises/HmA/msHmA.html). Mises These: Ökonomische Erkenntnis ergibt sich aus der logischen Konsequenz evidenter Wahrheiten über Entscheidungen und Handlungen. Ökonomie ist eine deduktive Sozialwissenschaft, keine Naturwissenschaft.

          Auch über Hayek gibt es eine umfassende Biographie: Hans Jörg Hennecke: Friedrich August von Hayek. Die Tradition der Freiheit. Düsseldorf 2000. Dort wird sehr schön die Genese der Ideenwelt aus der nervösen Erregung des Fin de Siècle-Wiens erklärt. Hayeks populärstes Buch ist sein „Weg zur Knechtschaft“. 1944 in London erschienen und „den Sozialisten aller Parteien“ gewidmet, zeigt der Ökonom (und Jurist), warum alle planerische Vernunft zum Scheitern verurteilt ist. Hayeks Hauptwerk ist die 1960 erschienene „Constitution of Liberty“, worin er seine Freiheitstheorie grundgelegt hat. „Darin steht, woran wir glauben“, sagt die britische Premierminister Margaret Thatcher später. Ein hübsches Video, welches das Verhältnis zwischen Hayek und seinem großen Gegenspieler John Maynard Keynes als Rap-Dance präsentiert, findet man auf Youtube:

          Der Österreicher Joseph Schumpeter, der mit Mises zusammen als Student im Seminar saß, zählt nicht wirklich zur österreichischen Schule im engeren Sinn. Jedenfalls haben die Hardcore-Österreicher ihn als unzuverlässigen Häretiker behandelt. Hayek attestierte ihm zwar, er sei ein „brillanter Intellektueller“, doch stets den „neuesten intellektuellen Methoden“ verfallen; Mises meint, er vertrete keine Theorie des Handelns, sondern sei der alten Gleichgewichtstheorie verhaftet geblieben. Schumpeter selbst hätte wohl auch keinen gesteigerten Wert darauf gelegt, von den dogmatischen Österreichern in den Club aufgenommen zu werden. Über Werk und Leben (es ist in vieler Hinsicht bunter und schillernder als das der „Österreicher“) gibt es eine spannende Biographie von Thomas McCraw: Joseph Schumpeter. Hamburg 2008 (http://www.murmann-verlag.de/buch/joseph-schumpeterhttp://www.murmann-verlag.de/buch/joseph-schumpeter).

          5. Die nächste Generation der „Österreicher“ besteht aus lauter Amerikanern. Zu nennen sind vor allem Murray Rothbard (1926 bis 1995, der die Lehre von Mises zu einem Anarcho-Kapitalismus ausgebaut hat. Sein Hauptwerk „Man, Economy and State“ (1962) (http://mises.org/rothbard/mes.asp) hat den Anspruch, Mises „Human Action“ auf einfachere Weise als der Meister wiederzugeben. Israel Kirzner, Sohn eines Rabbis und Talmudschülers, der selbst wieder Rabbi wurde (geboren 1930), hat aus den Ideen der Österreicher eine Theorie des Unternehmertums entwickelt.

          Mein persönliches Lieblingsbuch der späteren Generation ist Henry Hazlitt (1894 bis 1993): „Economics in One Lesson“ (http://www.fee.org/pdf/books/Economics_in_one_lesson.pdf). Erstmals 1946 erschienen (es gibt es jetzt auch auf deutsch: http://www.amazon.de/Economics-Wirtschaft-Misswirtschaft-Henry-Hazlitt/dp/3789283118/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1287069075&sr=8-1) und schwindelig vom New-Deal-Sozialismus Frank D. Roosevelts, macht Hazlitt den Vorschlag, die Ökonomie auf einen Satz zurück zu führen: „Die Kunst der Ökonomie besteht darin, nie nur auf die unmittelbaren, sondern immer auf die langfristigen Effekte jeder Handlung oder politischen Entscheidung zu achten; die Kunst besteht zudem darin, nie nur nach den Konsequenzen einer politischen Entscheidung für eine Gruppe, sondern für alle Gruppen zu achten.“

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