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Ökonomische Experimente : Das Gehirn entscheidet anders

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Wie ticken wir wirklich? Bild: Edgar Schoepal - F.A.Z.

Was bewegt Menschen? Ökonomen glaubten lange, der Mensch strebe nach dem absoluten Maximum. Verhaltensforscher wissen, dass es so einfach nicht ist. Der Wissenschaftler Armin Falk untersucht, was menschliches Verhalten beeinflusst und findet dabei oft heraus: Der Mensch ist fair.

          Überall nur Punkte. Rote, gelbe, violette. Mal ist es nur eine Handvoll, mal ist der ganze Bildschirm mit ihnen übersät. Dieses kleine leuchtende Weltall sollen Sonja und Carolin mit einem Blick erfassen: Wie viele Punkte sind es? Nur für Sekundenbruchteile ist das Bild erkennbar, dann taucht die Frage auf: „> 24?“ (in Worten: mehr als 24?). Blitzschnell müssen die beiden Mädchen entscheiden. Kaum haben sie den Ja- oder Nein-Knopf in ihrer Hand gedrückt, erhalten sie schon die Auflösung des Rätsels - und, falls sie korrekt getippt haben, ihre Belohnung.

          Diesmal liegen beide richtig. Doch die Erfolgsprämie fällt unterschiedlich aus: Während Sonja 59 Euro verdient, muss sich Carolin mit 31 Euro begnügen. Ist das gerecht? Viel Zeit zum Nachdenken oder Ärgern bleibt nicht. Schon flammen die nächsten Flecken auf dem Bildschirm auf, und das Prozedere beginnt von vorn: die Punktwolke schätzen, sich für eine Antwort entscheiden, die Taste drücken, die Auswertung sehen und die Belohnung kassieren. Dieser Versuch wiederholt sich beinahe im Sekundentakt, etwa 70 Minuten lang. Dann werden Sonja und Carolin endlich aus der Röhre gezogen - ein wenig schläfrig, benommen vom monotonen Dröhnen des Magnetresonanztomographen und ermattet vom hundertfachen Entscheiden und Tastendrücken.

          Der Homo oeconomicus? Zu unrealistisch

          Die beiden Forscher, die das Experiment betreuen, sind dagegen hellwach. Sie betreten gerade wissenschaftliches Neuland. Hier, in der Universitätsklinik auf dem Bonner Venusberg, verschmelzen Medizin und Wirtschaft zu einer neuen Forschungsrichtung, der Neuroökonomie. Das MRT-Zentrum der Life & Brain GmbH, einer Ausgründung aus der Bonner Universitätsklinik, bietet dafür ideale Voraussetzungen. Es ist die einzige Einrichtung in Deutschland, in der parallel zwei Kernspin- und Magnetresonanztomographen - sogenannte Brainscanner - ausschließlich zu Forschungszwecken genutzt werden können, erläutert Bernd Weber, der als Arzt die Plattform „Neuro Cognition“ leitet. Meist nutzen die Mediziner dieses Angebot. An diesem Tag aber ist Armin Falk zu Gast, Ökonomieprofessor an der Universität Bonn.

          Setzt andere unter Stress: Armin Falk macht ökonomische Experimente mit Versuchspersonen

          Falk ist den Gesetzmäßigkeiten auf der Spur, die dem menschlichen Handeln zugrunde liegen. Die Abstraktion des Homo oeconomicus, den die herkömmliche ökonomische Theorie einfachheitshalber unterstellt, geht ihm zu weit. Denn diesen angeblich stets rational kalkulierenden und entscheidenden, eigeninteressierten und seinen Nutzen auch kurzfristig stets maximierenden Teilnehmer am Wirtschaftsleben gibt es in der Wirklichkeit nur selten. Wenn sich Menschen aber regelmäßig anders verhalten, als es die Theorie voraussetzt, dann ist diese nicht ausreichend komplex - und man kommt möglicherweise zu falschen Vorhersagen.

          Was bewegt den Menschen wirklich?

          Wer die Aussagekraft der Modelle erhöhen will, muss also herausfinden, was den Menschen wirklich bewegt. Mit Hilfe von Experimenten im Computerlabor testet Falk daher, wie rational und unmittelbar eigeninteressiert sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten. Und neuerdings spürt er hier auf dem Venusberg auch noch den neurophysiologischen Mechanismen nach, die Menschen gegebenenfalls zu einem abweichenden Verhalten bewegen. Dabei hilft ihm die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT). Mit ihr lässt sich nachweisen, wie belohnende Reize im menschlichen Gehirn verarbeitet werden. Die Wissenschaftler wissen, dass wichtige Strukturen des Belohnungssystems im Mittelhirn, in den Basalganglien und im basalen Vorderhirn liegen. Sie wissen aber nicht, wie die beiden Probanden darauf reagieren, wenn sie nicht nur die Höhe ihrer eigenen Belohnung, sondern auch jene der anderen Testperson erfahren.

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