https://www.faz.net/-gqe-vwxe

Ökonomische Experimente : Das Gehirn entscheidet anders

  • -Aktualisiert am

Wie ticken wir wirklich? Bild: Edgar Schoepal - F.A.Z.

Was bewegt Menschen? Ökonomen glaubten lange, der Mensch strebe nach dem absoluten Maximum. Verhaltensforscher wissen, dass es so einfach nicht ist. Der Wissenschaftler Armin Falk untersucht, was menschliches Verhalten beeinflusst und findet dabei oft heraus: Der Mensch ist fair.

          8 Min.

          Überall nur Punkte. Rote, gelbe, violette. Mal ist es nur eine Handvoll, mal ist der ganze Bildschirm mit ihnen übersät. Dieses kleine leuchtende Weltall sollen Sonja und Carolin mit einem Blick erfassen: Wie viele Punkte sind es? Nur für Sekundenbruchteile ist das Bild erkennbar, dann taucht die Frage auf: „> 24?“ (in Worten: mehr als 24?). Blitzschnell müssen die beiden Mädchen entscheiden. Kaum haben sie den Ja- oder Nein-Knopf in ihrer Hand gedrückt, erhalten sie schon die Auflösung des Rätsels - und, falls sie korrekt getippt haben, ihre Belohnung.

          Diesmal liegen beide richtig. Doch die Erfolgsprämie fällt unterschiedlich aus: Während Sonja 59 Euro verdient, muss sich Carolin mit 31 Euro begnügen. Ist das gerecht? Viel Zeit zum Nachdenken oder Ärgern bleibt nicht. Schon flammen die nächsten Flecken auf dem Bildschirm auf, und das Prozedere beginnt von vorn: die Punktwolke schätzen, sich für eine Antwort entscheiden, die Taste drücken, die Auswertung sehen und die Belohnung kassieren. Dieser Versuch wiederholt sich beinahe im Sekundentakt, etwa 70 Minuten lang. Dann werden Sonja und Carolin endlich aus der Röhre gezogen - ein wenig schläfrig, benommen vom monotonen Dröhnen des Magnetresonanztomographen und ermattet vom hundertfachen Entscheiden und Tastendrücken.

          Der Homo oeconomicus? Zu unrealistisch

          Die beiden Forscher, die das Experiment betreuen, sind dagegen hellwach. Sie betreten gerade wissenschaftliches Neuland. Hier, in der Universitätsklinik auf dem Bonner Venusberg, verschmelzen Medizin und Wirtschaft zu einer neuen Forschungsrichtung, der Neuroökonomie. Das MRT-Zentrum der Life & Brain GmbH, einer Ausgründung aus der Bonner Universitätsklinik, bietet dafür ideale Voraussetzungen. Es ist die einzige Einrichtung in Deutschland, in der parallel zwei Kernspin- und Magnetresonanztomographen - sogenannte Brainscanner - ausschließlich zu Forschungszwecken genutzt werden können, erläutert Bernd Weber, der als Arzt die Plattform „Neuro Cognition“ leitet. Meist nutzen die Mediziner dieses Angebot. An diesem Tag aber ist Armin Falk zu Gast, Ökonomieprofessor an der Universität Bonn.

          Setzt andere unter Stress: Armin Falk macht ökonomische Experimente mit Versuchspersonen
          Setzt andere unter Stress: Armin Falk macht ökonomische Experimente mit Versuchspersonen : Bild: Edgar Schoepal - F.A.Z.

          Falk ist den Gesetzmäßigkeiten auf der Spur, die dem menschlichen Handeln zugrunde liegen. Die Abstraktion des Homo oeconomicus, den die herkömmliche ökonomische Theorie einfachheitshalber unterstellt, geht ihm zu weit. Denn diesen angeblich stets rational kalkulierenden und entscheidenden, eigeninteressierten und seinen Nutzen auch kurzfristig stets maximierenden Teilnehmer am Wirtschaftsleben gibt es in der Wirklichkeit nur selten. Wenn sich Menschen aber regelmäßig anders verhalten, als es die Theorie voraussetzt, dann ist diese nicht ausreichend komplex - und man kommt möglicherweise zu falschen Vorhersagen.

          Was bewegt den Menschen wirklich?

          Wer die Aussagekraft der Modelle erhöhen will, muss also herausfinden, was den Menschen wirklich bewegt. Mit Hilfe von Experimenten im Computerlabor testet Falk daher, wie rational und unmittelbar eigeninteressiert sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten. Und neuerdings spürt er hier auf dem Venusberg auch noch den neurophysiologischen Mechanismen nach, die Menschen gegebenenfalls zu einem abweichenden Verhalten bewegen. Dabei hilft ihm die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT). Mit ihr lässt sich nachweisen, wie belohnende Reize im menschlichen Gehirn verarbeitet werden. Die Wissenschaftler wissen, dass wichtige Strukturen des Belohnungssystems im Mittelhirn, in den Basalganglien und im basalen Vorderhirn liegen. Sie wissen aber nicht, wie die beiden Probanden darauf reagieren, wenn sie nicht nur die Höhe ihrer eigenen Belohnung, sondern auch jene der anderen Testperson erfahren.

          Weitere Themen

          Das Corona-Labor

          Impfstoff-Tests in Südamerika : Das Corona-Labor

          Die Pandemie trifft Lateinamerika hart. Deshalb ist die Region in den Fokus der Impfforscher gerückt. Für klinische Tests ist es von Vorteil, wenn die Probanden möglichst stark exponiert sind.

          Topmeldungen

          Nordkoreas Machthaber Kim : Stalinist mit PR-Qualitäten

          Tausendsassa, Basketballfan und Trumps Männerfreund: Seit zehn Jahren ist Kim Jong-un der starke Mann in Nordkorea – seit knapp neun an der Spitze des Regimes. Dabei ist der skurrile Diktator Projektionsfläche für Wünsche und Erwartungen. Doch als Reformer enttäuscht er auf ganzer Linie.
          Auch Leroy Sané erwischte in Sinsheim nicht seinen besten Tag.

          1:4 bei Hoffenheim : Der FC Bayern verliert – und wie!

          Die Münchner gewinnen Titel um Titel. Doch in Hoffenheim finden sie in der Bundesliga diesmal ihren Meister. Die TSG mit dem neuen Trainer Sebastian Hoeneß entnervt die Bayern – und schlägt eiskalt zu.

          Zum Tod von Wolfgang Clement : Eigenständig und zuweilen unbequem

          Er hat Wirtschaftspolitik in den letzten Jahren stets größer gedacht als seine alte sozialdemokratische Partei. 2008 verließ Wolfgang Clement die SPD. Im gesellschaftlichen und politischen Leben blieb er aber bis ins hohe Alter präsent. Ein Nachruf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.