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Ökonomische Experimente : Das Gehirn entscheidet anders

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Falk kennt die Vorbehalte, die gegen die Behavioral Economics vorgebracht werden. Sind die Studenten, aus denen sich die Testpersonen rekrutieren, wirklich repräsentativ? Lassen sich die Ergebnisse verallgemeinern? Sind nicht jene, die an einem Experiment teilnehmen, von vornherein sozialer und offener gegenüber ihrer Umgebung? Muss man nicht befürchten, dass sie sich genau so benehmen, wie sie glauben, dass es von ihnen erwartet werde? Ist nicht langfristig ein kooperatives Verhalten allemal lohnender als nüchtern kalkulierender Egoismus?

Falk hat alle diese Einwände schon oft gehört - und versucht sie zu entkräften. „Immerhin kann man zeigen, dass die Motivation nicht eindimensional und die soziale Motivation ganz entscheidend ist.“ Das gelte zwar nicht ausnahmslos für alle Probanden. „Es gibt auch den knallharten Homo oeconomicus, und nicht einmal selten“, sagt Falk und freut sich darüber. Dessen scharfem Kalkül nämlich ist es zu verdanken, dass der Wettbewerb funktioniert, die Preise purzeln und jemand wie Falk sich nicht jede Woche einen günstigeren Telefonanschluss suchen muss. Dass viele andere Menschen aber nicht dem verengten ökonomistischen Bild entsprächen, entziehe der These vom Homo oeconomicus den Boden.

Die menschliche Natur ist voller Überraschungen

Auch die Auswahl seiner Probanden kann Falk rechtfertigen. Natürlich seien Studenten eine weitgehend homogene Gruppe: ähnlich alt, zumeist aus ähnlichen sozialen Schichten, in einem ähnlichen Umfeld lebend. „Aber die qualitativen Einsichten der Studenten gelten auch für andere Bevölkerungsgruppen“, hat Falk ermittelt. Zudem haben sich viele Ergebnisse auch in repräsentativen Studien nachweisen lassen. Auch eine Verzerrung durch das Wissen, bloß an einem Experiment teilzunehmen, sieht Falk nicht. Als Beleg dient ihm eine Studie aus der Schweiz, der keine Spielsituation, sondern ein Realexperiment zugrunde lag: Zusammen mit der Organisation „Terre des Hommes“ hat er Spendenaufrufe für Straßenkinder in Bangladesch verschickt. Einigen legte er nichts bei, anderen eine Postkarte und ein Bild, der dritten Gruppe jeweils vier Postkarten und Bilder. Das Ergebnis: Die Spendenbereitschaft war in der dritten Gruppe um 75 Prozent höher als in der ersten. Keiner der Angeschriebenen wusste, dass er an einem Experiment teilnahm und Teil einer Studie war. Die so zutage geförderte Erkenntnis, dass vielen Menschen Reziprozität wichtig ist, können sich jetzt alle Fundraiser und Hilfsorganisationen dieser Welt zunutze machen - indem sie ihrem Spendenaufruf einfach immer ein Geschenk beilegen.

Auch Sonja und Carolin wussten nicht, weshalb sie in der Röhre lagen. Gleichwohl hat es ihnen Spaß gemacht, an dem Experiment teilzunehmen. Das Ergebnis: Wenn beide denselben Lohn erhalten, macht es kaum einen Unterschied, ob dieser 30 oder 60 Euro beträgt. Gleichheit ist beiden offenbar wichtiger als die absolute Höhe der Belohnung. Diese ist erst dann entscheidend, wenn eine der beiden doppelt oder halb so viel Geld bekommt wie die andere. Die menschliche Natur ist eben voller Überraschungen.

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