https://www.faz.net/-gqe-vwxe

Ökonomische Experimente : Das Gehirn entscheidet anders

  • -Aktualisiert am

Auch dies sieht Falk durch ein konkretes Experiment belegt: Jeder Mitarbeiter hat 120 Punkte, die er für seinen Arbeitgeber oder sich selbst einsetzen kann. Der Arbeitgeber wiederum kann den Mitarbeiter frei entscheiden lassen oder einen Mindestarbeitseinsatz von 10 Punkten festlegen. Griffe die enge Eigennutzthese der traditionellen Ökonomik, dann würde der Arbeitnehmer immer den geringstmöglichen Einsatz wählen; für den Arbeitgeber, der leer ausginge, würde sich insofern die Kontrolle auszahlen, weil er dann wenigstens den Mindesteinsatz erhielte. Im Experiment freilich setzen die Mitarbeiter deutlich mehr Punkte ein, wenn der Arbeitgeber ihnen vertraut, als unter einem System der Kontrolle. Das Misstrauen wird also zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Es gibt Dinge, die „tut man nicht“

Was für ein einzelnes Unternehmen gilt, lässt sich mit einigem Mut auch auf ein ganzes Land übertragen. So gibt es beispielsweise eine Vielzahl von sozial allgemein anerkannten Wertvorstellungen, Verhaltensregeln und anderen informellen Institutionen, die entscheidend dazu beitragen, dass Menschen miteinander klarkommen und dass sich Wirtschaft und Gesellschaft gedeihlich entwickeln: Es gibt Dinge, die „tut man nicht“, und andere, die „gehören sich“. Aus einem reinen Homo-oeconomicus-Kalkül lässt es sich häufig nicht erklären, dass sich Leute an hergebrachte Moralkodizes halten, obwohl sich das für sie unmittelbar gar nicht auszahlt. Wenn es jenseits des Rechenbaren aber tatsächlich ein Bedürfnis nach Fairness, eine Neigung zu Solidarität und spontan funktionierende Mechanismen der sozialen Kontrolle gibt, dann sind gesetzliche Gebote und Verbote und ein organisiertes kollektives Handeln in vielen Fällen gar nicht notwendig oder sogar schädlich - und der Staat kann sich zurückhalten. Wenn die Politik aber handeln muss, dann tut sie gut daran, die Reaktionen der Bürger realistisch einzuschätzen. Zum Beispiel im Zusammenhang mit der Besteuerung. Auch hier sind Referenzgrößen - die Steuerlast der anderen - wichtig, auch hier spielt es eine Rolle, ob Kontrolle ausgeübt oder Vertrauen gewährt wird. Wenn man all dies berücksichtige, lasse sich - theoretisch jedenfalls - ein als wirklich gerecht empfundenes Steuersystem entwickeln, sagt Falk.

Doch das ist Zukunftsmusik. Noch steckt die Neuroökonomie in den Kinderschuhen. Statt auf dem Venusberg hält sich Falk die meiste Zeit im „Bonn Econ Lab“ auf, einem spartanisch eingerichteten Raum im Keller des Bonner Juridicums. Hier in dem Labor, das einst der Nobelpreisträger Reinhard Selten gegründet hat, führt Falk seine computergestützten Experimente durch - sozusagen als Vorstufe zur Neuroökonomie. Wie in Wahlkabinen sitzen dort bis zu 24 Probanden vor ihren Bildschirmen. Grau sind die Trennwände und die Tische, blau die Vorhänge und die Bürostühle, schwarz die Computer. Sonst ist alles kahl. In dieser freudlosen Umgebung, die keinerlei Ablenkung bereithält, wird mit dem menschlichen Verhalten in Entscheidungssituationen experimentiert, hier versuchen die Forscher herauszufinden, inwieweit menschliche Entscheidungen neben dem reinen ökonomischen Kalkül auch von Gefühlen wie Missgunst, Neid, Fairness sowie von der Erwartung eines „gerechten“ Verhältnisses zwischen Leistung und Gegenleistung (Reziprozität) abhängen.

„Die Motivation ist nicht eindimensional“

Weitere Themen

Ein Schreckgespenst für die Corona-Impfung

Impfstoff-Nebenwirkung ADE : Ein Schreckgespenst für die Corona-Impfung

Einer der am weitesten entwickelten Covid-19-Impfstoff-Kandidaten ist wegen eines „unerklärlichen Krankheitsfalls“ auf Eis gelegt worden. Das muss keineswegs eine Folge der Impfung sein. Doch begleitet derzeit die Sorge vor einer gefürchteten Nebenwirkung namens ADE alle Tests.

Topmeldungen

Der Abteilungsleiter für Wirtschaftsfragen im amerikanischen Außenministerium, Keith Krach, traf am 18. September in Taiwan mit Ministerpräsident Su Tseng-chang zusammen.

Militärmanöver : Plant China einen Angriff auf Taiwan?

Amerikas Beziehungen mit Taiwan werden immer enger. Nun plant Washington neue Waffenverkäufe an Taipeh – und verärgert damit China. Peking verschärft seine Drohgebärden in Richtung der Insel.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.