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Ökonomische Experimente : Das Gehirn entscheidet anders

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Im Experiment messen Weber und Falk daher, mit welcher Aktivität das Gehirn von Sonja und Carolin diese Informationen verarbeitet. Wirkt das Belohnungssystem aktivierend oder nicht? Dem reinen, schlichten Homo oeconomicus dürfte die Höhe der zweiten Belohnung gleich sein, da er ausschließlich an der absoluten Höhe seiner eigenen Zahlung interessiert ist. Die fMRT dürfte also keinen Unterschied in der Aktivierung zeigen, wenn die Belohnung der anderen Testperson verändert wird. Hat der vermeintliche Homo oeconomicus dagegen auch soziale Züge, sind andere Varianten denkbar: Wenn er statusorientiert ist, müsste sein Belohnungssystem umso stärker aktiviert werden, je höher der relative Lohn im Vergleich zum Partner ist. Wenn er Egalität für wichtig hält, müssten die Reize dann besonders stark sein, wenn seine Belohnung genauso hoch ist wie die der anderen Testperson.

„Es wird die Ökonomie radikal verändern“

Sonja und Carolin haben von alledem keine Ahnung - und sie sollen es auch nicht. Sie nehmen an dem Experiment nur teil, um Geld zu verdienen. Was Weber und Falk mit ihrer Hilfe zeigen wollen, ist simpel, aber wichtig: Der Mensch vergleicht sich mit anderen. In das individuelle Nutzenempfinden, so die These der Wissenschaftler, geht nicht nur ein, ob Carolin 31 Euro erhält oder nicht, sondern auch, ob Sonja für die gleiche Arbeit mehr oder weniger Geld bekommt als sie selbst. Mit Hilfe des MRT erfahren Weber und Falk, was sich dann tatsächlich im Kopf abspielt. „Wir haben es hier mit einer unmittelbaren hirnphysiologischen Reaktion zu tun, die nicht durch rationale Überlegungen verzerrt ist. Dadurch erhalten wir eine neue, unabhängige, kognitiv nicht verzerrte Variable“, begeistert sich Falk. „Hier sieht man völlig unverstellt die unmittelbare Reaktion. Das muss auch die Skeptiker überzeugen. Und es wird die Ökonomie radikal verändern.“

Das klingt vielleicht ein wenig zu enthusiastisch. Die Quantitätstheorie des Geldes oder die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung müssen deshalb nicht umgeschrieben werden. Doch es gibt Bereiche des Wirtschaftslebens, in denen Vergleiche eine große Rolle spielen, im Konsumverhalten zum Beispiel oder im Zusammenhang mit der Entlohnung. Die neuroökonomische Forschung ermöglicht hier ein realistischeres Verständnis der menschlichen Motivation - und eine bessere Prognose des menschlichen Handelns.

Misstrauen: Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung

Für die Unternehmen ergeben sich aus den Erkenntnissen der Behavioral Economics neue Spielräume. Entscheidend für das Wohlbefinden der Mitarbeiter sei beispielsweise nicht nur die Höhe des eigenen Gehalts, sondern auch die Lohnstruktur des Unternehmens, betont Falk. „Manch ein Personalchef tut daher gut daran, nicht zu verraten, wie viel die anderen verdienen.“ Oder ins Positive gewendet: Unternehmen brauchen ihre Mitarbeiter nicht nur durch mehr Geld, Boni oder Aktienoptionen dazu anzutreiben, mehr Leistung zu erbringen. Sie sollten auch nicht durch Kontrollen und Sanktionen versuchen, einem Leistungsschwund vorzubeugen: In vielen Fällen lässt sich der Mensch als soziales Wesen auch durch Fairness und Vertrauen motivieren. Je weniger er kontrolliert wird und je gerechter er sich im Vergleich zu den Kollegen behandelt fühlt, desto bessere Leistungen erbringt er.

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