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Ökonomik-Debatte : Der richtige Dreiklang der VWL

  • -Aktualisiert am

Hans-Werner Sinn ist Professor für Finanzwissenschaft in München und Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung Bild: picture-alliance/ dpa

Wie wichtig sind Mathe und Statistik für die Volkswirtschaftslehre? Wie wichtig ist die Ordnungsökonomik? Die hitzige Debatte darüber reißt nicht ab. Jetzt äußert sich Ifo-Chef Hans-Werner Sinn zum aktuellen Methodenstreit.

          Der Methodenstreit, der mit den Aufrufen in der F.A.Z. und im „Handelsblatt“ begann, ist nützlich, denn er hilft, die Richtung des Faches Volkswirtschaftslehre nachzujustieren. Beide Aufrufe enthalten richtige Gedanken, die die andere Seite zur Kenntnis nehmen sollte. Aber beide enthalten auch Positionen, die ich so nicht teile.

          Der erste Aufruf fordert eine Rückkehr zur alten Unterscheidung zwischen Theorie und Politik. Diese Unterscheidung haben wir in München bereits Anfang der neunziger Jahre aufgegeben. Theorielose Politik ist genauso nutzlos wie Theorie ohne Politikimplikationen. Die Vorlesungen sollten jeweils beides beinhalten.

          Es täte manchem Theoretiker gut, wenn er seine Geisteskraft auf Themen konzentrieren würde, die für die Politik von Interesse sind. Und es ist manchem politikorientierten Ökonomen zu raten, die Theorie zu lernen, um seine Politikempfehlungen auf ein solideres Fundament zu stellen.

          Der zweite Aufruf versucht, die heutige Volkswirtschaftslehre mit dem Hinweis zu verteidigen, dass sie neben der Theorie auch die Empirie im Sinne der Ökonometrie beinhaltet. Diese Verteidigungsposition halte ich für schwach.

          Zwar ist die Ökonometrie die zentrale Methodik für die quantitative Analyse ökonomischer Zusammenhänge und damit genauso wie die Theorie unverzichtbar für die moderne Wirtschaftsforschung. Doch mindestens so wichtig wie Theorie und Ökonometrie ist die Kenntnis der tatsächlichen institutionellen Spielregeln der Länder, wie sie in den Wirtschaftsgesetzen und Verordnungen festgelegt sind.

          Kurzum: Für mich besteht seriöse Volkswirtschaftslehre in einem gleichgewichtigen Dreiklang von Theorie, Institutionenlehre und Ökonometrie, um der Wirtschaftspolitik mit fundierten Empfehlungen dienen zu können.

          Die Kenntnis der Institutionen ist unverzichtbar

          Ich sehe ein wesentliches Defizit unseres Faches darin, dass die Institutionenkenntnis heute zu kurz kommt. Das gilt leider auch für die besten internationalen Zeitschriften unseres Faches. In der Institutionenkenntnis lag die Stärke der alten Wirtschaftspolitik und der deutschen historischen Schule, während die bisweilen erschreckende Theorielosigkeit deren Schwäche war.

          Das wirkliche Geschehen in der Ökonomie wird maßgeblich durch die Gesetze und Verordnungen erklärt, die den Rahmen für privatwirtschaftliche Tätigkeit und die Anreizstrukturen festlegen, die diese Tätigkeit lenken.

          So kann man zum Beispiel die Finanzkrise nicht verstehen, wenn man nicht weiß, was regressfreie Kredite sind, wie strukturierte Wertpapiere gebildet werden, was im Community Reinvestment Act festgelegt wurde, wie die Rechnungslegungsvorschriften des IFRS ausgestaltet sind, wie das Basel-II-System funktioniert und welche Haftungsschranken für Banken bestehen.

          Das alles ist unvergleichlich kompliziertere und wichtigere Empirik als die Verwendung neuester ökonometrischer Testverfahren, deren Verwendung beweist, dass ein Forscher methodisch auf der Höhe der Zeit ist.

          Man muss die rechtlichen Wirkungsmechanismen durchschauen

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