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Ökonomie : Mehr Licht - mehr Wachstum

Bild: AP

Satellitenbilder von der nächtlichen Erde zeigen, welche Regionen boomen. Drei amerikanische Wirtschaftswissenschaftler versuchen mit dem Vergleich solcher Bilder im Zeitablauf die Wachstumsraten zu schätzen. Denn manche offizielle Statistik mag geschönt sein. Doch die Methode hat ihre Tücken.

          3 Min.

          Sie zieren Studentenbuden ebenso wie die Wohnzimmer von Astronomen und die Bildschirm-Hintergründe in Bürocomputern: Fotos von der nächtlichen Erde, auf denen die Lichter als leuchtende Punkte zu sehen sind. Mit viel Licht in Mitteleuropa und an der amerikanischen Ostküste, in Israel und in Japan - dagegen mit völliger Dunkelheit in großen Teilen Sibiriens, in der Sahara und mit schwachem Licht in den armen Gegenden Chinas.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diese Fotos sollen nun helfen, ein altes Problem zu lösen: das Problem mit dem Wirtschaftswachstum. Kaum eine Zahl ist in der Wirtschaft so wichtig wie die Wachstumsrate, doch gleichzeitig ist keine Zahl so oft falsch. Die neuen Wachstumszahlen für das zweite Quartal zum Beispiel, die vergangene Woche veröffentlicht wurden, sagen: 0,3 Prozent Wachstum sind der aktuelle Stand. Doch die Statistiker werden sich noch mehrmals korrigieren. Die endgültige Zahl steht dann erst in vier Jahren fest. Am Ende kann das Wachstum locker auf ein ganzes Prozent wachsen - oder noch unter null schrumpfen.

          Wer mehr produziert, braucht mehr Strom

          Es ist ja auch nicht leicht, die Wirtschaftsleistung zu beziffern. Im Bruttoinlandsprodukt soll sich der Wert aller Dinge und Dienstleistungen widerspiegeln, die in ganz Deutschland produziert worden sind. Schon das ist schwer zu messen. Dann soll die Zahl noch um die Inflation bereinigt werden. Und die Schwarzarbeit lässt sich bestenfalls schätzen.

          Wenn das in einem reichen Land wie Deutschland schon so schwierig ist, wird es anderswo auf der Welt fast unmöglich, die Wirtschaftsleistung genau anzugeben. Dort, wo nicht einmal die Steuereintreiber alle Läden kennen, lässt sich auch das Bruttoinlandsprodukt kaum messen.

          Und der Verdacht ist groß, dass manche Regierung auch ihre Zahlen kräftig schönt. Den chinesischen Wachstumszahlen zum Beispiel glauben viele Experten nicht. Deshalb schauen sie auch auf andere Werte, wenn sie wissen wollen, wie es Chinas Wirtschaft geht.

          Nun gilt die Entwicklung des Stromverbrauchs als guter Hinweis darauf, was sich in den Firmen tatsächlich getan hat. Nur wer mehr produziert, braucht mehr Strom - oder wer so reich ist, dass er sich eine neue Waschmaschine leisten kann. Daraus lässt sich ableiten, wie sich die Wirtschaft entwickelt hat. Dabei können die Experten durchaus berücksichtigen, dass neue Maschinen ständig etwas Strom sparen.

          China veröffentlicht keine Daten mehr zum Stromverbrauch

          Auf diese Weise fiel im Mai auf, dass China seine Wachstumsraten in der Krise vermutlich deutlich zu hoch angesetzt hat: Während die Regierung schon wieder von einem kräftigen Wachstum sprach, sank der Stromverbrauch noch. Die Chinesen beantworteten die Kritik auf ihre Weise: Sie hörten auf, die Daten zum Stromverbrauch zu veröffentlichen.

          Da wäre es gut, wenn es einen zusätzlichen Hinweis darauf gäbe, wie sich die Wirtschaftsleistung entwickelt. Und zwar nicht nur für China, sondern auch für Länder in der Dritten Welt, in denen es kaum Statistiken gibt. Vielleicht ließe sich damit sogar das deutsche Inlandsprodukt etwas zuverlässiger machen.

          Auf dieser Suche haben drei Amerikaner die Satellitenfotos von der nächtlichen Erde in die Hände genommen, und zwar Vernon Henderson, Adam Storeygard und David Weil von der Ivy- League-Universität Brown University an der amerikanischen Ostküste. Ihre Überlegung ist recht einfach: Wo viele Menschen leben, die viele Dinge herstellen und reich sind, dort brennt viel Licht - und dort ist auch die Wirtschaftsleistung hoch.

          Natürlich hat der Schluss vom Licht auf das Bruttoinlandsprodukt seine Tücken. Es gibt viele Dinge, die das Bild verzerren können: Raffinerien sind nachts heller als Bergwerke. In manchen Ländern findet mehr Leben in der Nacht statt als in anderen. Und die meisten Büroarbeiter sind schon wieder zu Hause, wenn der Satellit seine Nachtfotos von der Erde schießt. Dass die Schätzungen dadurch weniger zuverlässig werden, geben die Autoren selbst zu. Sie argumentieren aber: Um das Wachstum zu messen, reicht das. Wenn an einem Fleck heute mehr Licht brennt als ein Jahr zuvor, dann ist die Wirtschaft dort wahrscheinlich gewachsen.

          Schwarzarbeit fällt auf

          Ein sehr prägnantes Beispiel haben die Forscher auf der Insel Madagaskar gefunden. In deren Süden wurde ein großes Edelstein-Vorkommen mit Saphiren und Rubinen entdeckt. In den fünf folgenden Jahren wurden die Nächte in jener Gegend deutlich heller.

          Ein großes Problem hat die Wirtschafts-Vermessung mit den Satellitenfotos allerdings: Auch die Zahlen dieser Methode ergeben sich anfangs aus der traditionellen Messung des Wirtschaftswachstums. Schließlich müssen die Forscher anfangs erst einmal ermitteln, wie viel Licht ein Prozent an zusätzlichem Bruttoinlandsprodukt in einem Land bringt. Und dazu haben sie keine besseren Daten als die traditionelle Schätzung des BIP. Wenn die Schwarzarbeit schon in der ursprünglichen Wachstumsmessung unterschätzt ist, bleibt das auch in der Lichtmessung erhalten.

          Trotzdem lässt sich auf den Fotos immer noch eine ganze Reihe von Trends entdecken, die anders möglicherweise verborgen geblieben wären: Zusätzliche Schwarzarbeit zum Beispiel fällt schon auf, weil dann das Licht schneller zunimmt als die Wirtschaftsleistung. Auch Schummeleien bei aktuellen Wachstumsraten fallen auf, wenn sie über das Maß früherer Schummeleien hinausgehen.

          Auch die Wachstumsraten einzelner Regionen innerhalb eines Landes lassen sich auf den Fotos sehr einfach able-

          sen. Auf diese Weise konnten die Forscher gleich eine alte Frage der Entwicklungsökonomen beantworten. Nämlich die, wie wichtig die Landwirtschaft für das Wachstum in Entwicklungsländern ist. Es zeigt sich: Sie ist sehr wichtig. In Regionen, in denen mehr Regen fällt, bringt die Landwirtschaft größere Erträge - und prompt leuchten auch die Lichter in den Städten immer heller.

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