https://www.faz.net/-gqe-yq2d

Ökologie : Die Zweifel am Wachstum wachsen

Bild:

Die ökologischen Kritiker an der wirtschaftlichen Expansion hielten sich lange zurück. Mit der Finanzkrise erhalten sie ungeahnten Zulauf. In den vergangenen Monaten ist die Flut wachstumsskeptischer Literatur wieder gestiegen.

          Wenig hat der ökologischen Wachstumskritik so sehr genutzt wie das Buch "Die Grenzen des Wachstums" von 1972. Wenig hat ihr aber auch so geschadet wie der Bestseller, mit dem der Club of Rome auf die drängenden Umweltprobleme aufmerksam machen wollte. Denn einerseits hat der Bericht die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Andererseits hat seither kaum jemand mehr über die Grundlagen der Wachstumskritik diskutiert. Meist ging es darum, die angeblich falschen Prognosen der Zukunftsforscher um Dennis L. Meadows zu kritisieren. Dabei haben ihre rund ein Dutzend Szenarien für die Zeit vor 2020 keine einzige Aussage getroffen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Die philosophische Dimension des Themas geht weit tiefer. Wachstumskritiker berufen sich gerne auf den kurzen Essay "Economic Possibilities for our Grandchildren" von John Maynard Keynes. In der Schrift von 1930 entfernte sich der einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhunderts von der Weltwirtschaftskrise und wagte einen weiten Blick voraus. In nur einem Jahrhundert werde das ökonomische Problem - die materielle Knappheit - gelöst sein, meinte Keynes. Dann könnten sich Spezialisten um wirtschaftliche Fragen, der Rest der Menschheit könne sich aber um wichtige Dinge kümmern. In einer vielzitierten Passage schrieb Keynes: "Wenn die Ökonomen es hinbekämen, dass man sie als bescheidene, kompetente Leute betrachtet, auf einer Ebene mit Zahnärzten, wäre das großartig."

          In den vergangenen Monaten ist die Flut wachstumsskeptischer Literatur wieder gestiegen. Durch die Finanzkrise sehen sich manche Theoretiker bestätigt. Ein Blick auf die Liste der Autoren könnte den Eindruck erwecken, es seien wieder die üblichen Verdächtigen. Denn Ökonomen wie Hans Christoph Binswanger ("Vorwärts zur Mäßigung"), Friedrich Hinterberger ("Welches Wachstum ist nachhaltig? Ein Argumentarium") oder Fred Luks ("Endlich im Endlichen") sind seit vielen Jahren Vertreter eines alternativen Stranges des Wachstumsdiskurses. Selbst eine steigende Ökoeffizienz halte den Menschen nicht ab, immer mehr Güter zu produzieren, so dass die technischen Innovationen nicht ausreichten, den Verbrauch zu senken, lautet eine ihrer zentralen Thesen.

          „Wir müssen lernen, ohne Wachstum zurechtzukommen“

          Auch der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel zählt seit mehr als drei Jahrzehnten zu jenen Intellektuellen, die zumindest von Wachstumsskepsis geleitet sind. Mit seinem aktuellen Buch "Exit - Wohlstand ohne Wachstum" aber hat er das Thema erstmals in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt. Der permanente Wachstumsdruck überfordere nicht nur die Umwelt, sondern zunehmend auch die Menschen, die angesichts ihrer wachsenden Arbeitsbelastung mit einem vagen Versprechen auf einen materiellen Zuwachs vertröstet würden.

          Neu scheint aber zu sein, dass ein Autor mit solchen Thesen weit über die engere wachstumskritische Gemeinde hinaus Zustimmung erhält. In Rezensionen in der Presse erhielt Miegel überwiegend Lob dafür, ein wichtiges Thema ohne Klischees, Vorurteile und mit intellektueller Redlichkeit bearbeitet zu haben. Auch in anderen Diskussionszirkeln ändert sich der Tenor der Debatte. So liefert der frühere bayerische Landtagspräsident Alois Glück (CSU) in seinem Buch "Warum wir uns ändern müssen" den Entwurf einer ökosozialen Marktwirtschaft, die sich "qualitativ" ausrichten müsse.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brände im Regenwald : Das ökologische Endspiel am Amazonas

          Der Amazonas-Regenwald produziert gut ein Fünftel des Sauerstoffs, den wir atmen. Die andauernden Waldbrände und der Raubbau an ihm sind nicht nur eine ökologische Katastrophe – sondern auch eine humanitäre.

          Annäherung an Russland : Macrons Moskau-Wende

          Vor zwei Jahren war der Franzose noch als unerschrockener Kritiker russischen Hegemoniestrebens angetreten. Nun plädiert er für die Einbindung des Landes und warnt: ohne Russland keine europäische Souveränität.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.