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Öffentlich-rechtliches Internet? : Wo Politiker in der ersten Reihe sitzen

  • -Aktualisiert am

Öffentlich-rechtlicher Traum von der digitalen Welt: Die Tagesschau auf dem Handy Bild: AP

Mit Macht drängen ARD und ZDF ins Netz. Brauchen wir wirklich ein öffentlich-rechtliches Internet? Die Ökonomen Andrea Beyer und Hanno Beck stellen die Gegenfrage: Brauchen wir eine öffentlich-rechtliche Zeitung? Oder ist die „Insel der Qualität“ bloß der Ort, wo Politiker selbst gern in der ersten Reihe sitzen?

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          Der Druck auf die Politik steigt: Mit Macht wollen die öffentlich-rechtlichen Sender ihr Angebot im Internet ausweiten – zum Ärger der privaten Konkurrenz und der Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Mit dem Entwurf zur Änderung des Rundfunkänderungsstaatsvertrags gewinnt die Diskussion an Fahrt: Brauchen wir ein öffentlich-rechtliches Angebot im Internet?

          Nach den derzeitigen Vorschriften für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kann dieser „programmbegleitend Druckwerke und Telemedien mit programmbezogenem Inhalt anbieten“. Das hat zu Debatten darüber geführt, was programmbegleitend ist und inwieweit der öffentlich-rechtliche Auftrag eine stärkere Präsenz von ARD und ZDF im Internet erfordert. Hier müssen Medienpolitiker Farbe bekennen: Brauchen wir im Internet öffentlich-rechtliche „Inseln der Qualität“, wie es der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck formuliert, oder existiert im Internet kein „Vakuum, das ARD und ZDF füllen müssten“, wie sein bayerischer Kollege Günther Beckstein findet?

          Ein öffentliches Gut?

          Ein erstes Argument für öffentlich-rechtliches Internet könnten Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft speziell in der Medienbranche sein: Der Markt, lautet eine traditionelle Begründung für öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ist nicht in der Lage, eine optimale Versorgung mit Rundfunk respektive mit dessen Dienstleistungen zu gewährleisten. Das in Zeiten von Pay-TV technisch überlebte Argument, dass Rundfunk ein öffentliches Gut sei, weil die Konsumenten nicht von dessen Nutzung ausgeschlossen werden können, ist auch für das Internet – angesichts vorhandener Bezahlangebote – nicht zutreffend.

          Brauchen wir eine öffentlich-rechtliche Zeitung?
          Brauchen wir eine öffentlich-rechtliche Zeitung? : Bild: Frank Röth

          Daneben stellen die Verfechter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf sogenannte Informationsasymmetrien ab: Ein marktwirtschaftliches System, wird argumentiert, sorge nicht für ein Mindestmaß an publizistischer Qualität, da die Konsumenten nicht ausreichend in der Lage seien, die Güte und Wahrheit der ihnen angebotenen Informationen zu beurteilen. Das habe Konsequenzen für die Qualität der angebotenen Informationen: Da die Nutzer des Mediums die Qualität des Produktes nicht beurteilen können, sind sie nicht bereit, für Qualität mehr zu bezahlen. Und da die Produzenten höherwertiger Medieninhalte ihren Aufwand für mehr Qualität deswegen nicht honoriert bekommen, scheiden sie aus dem Wettbewerb aus, es überleben nur Publikationen oder Sendungen minderer Qualität am Markt. Stimmt dieses Argument, müssten im Internet überwiegend Informationen minderer Qualität angeboten werden.

          Der Verweis auf die Komplexität ist zu dünn

          So plausibel dieses Argument klingt – es ist zu dünn, um ein öffentlich-rechtliches Medienangebot zu rechtfertigen: Zum einen lassen sich nur mit dem Verweis auf die Komplexität eines Produktes nicht umfangreiche Eingriffe in einen Markt rechtfertigen, in vielen anderen Märkten mit komplexen Produkten funktioniert der Preismechanismus auch. Zudem hilft der Wettbewerb der Medien untereinander gegen mangelhafte Qualität einzelner Medien, wenn die Konkurrenz zum schärfsten Kritiker wird. Darüber hinaus verliert das Argument der asymmetrischen Information an Bedeutung, sobald die Rezipienten ein Medium regelmäßig konsumieren – langfristig sind sie durchaus in der Lage, sich ein Urteil über die Qualität des Produktes zu bilden, es sei denn, man unterstellt den dümmsten anzunehmenden Zuschauer. Nicht zuletzt ist es die hart erarbeitete Reputation eines Medienunternehmens, die es zu einem sorgfältigen Umgang mit seinen Informationen anhält. Der Erfolg der Homepages bekannter Marken wie Spiegel.de oder FAZ.NET zeigt, dass genau dies im Internet passiert und funktioniert. Aus dieser Perspektive ist es völlig unverständlich, dass die Öffentlich-Rechtlichen ins Internet drängen – zu einem Zeitpunkt, zu dem dort bereits ein reichliches Angebot an qualitativ hochwertigen Informationen existiert.

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