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Nobelpreisträgertreffen : Lindau wird zum Mekka der Ökonomen

Am Bodensee lässt sich vortrefflich über die Zukunft der Ökonomik streiten Bild: dpa

17 der 38 lebenden Nobelpreisträger für Wirtschaft treffen sich diese Woche in Lindau am Bodensee. Sie wollen über die Zukunft der Weltwirtschaft und der Ökonomik debattieren.

          Das Bodensee-Städtchen Lindau wird diese Woche zum Mekka der wichtigsten Ökonomen der Welt. 17 der 38 lebenden Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und weitere prominente Ökonomen haben sich für Vorträge und Diskussionen auf dem mittlerweile vierten Lindauer Treffen angemeldet. Darunter sind bekannte Namen wie George Akerlof, Joseph Stiglitz, Robert Mundell und Edmund Phelps sowie die Spieltheoretiker John Nash und Reinhard Selten. Hinzu kommen fast 400 Nachwuchswissenschaftler, darunter gut ein Drittel junge Frauen, aus 65 Ländern. Wohl auf keiner anderen ökonomischen Tagung ist ein so direkter Kontakt von Studenten und Doktoranden mit den Koryphäen der Disziplin möglich.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Ein wichtiges Diskussionsthema wird die Zukunft der Wirtschaftswissenschaften sein. Eine größere Rolle wird künftig die Verhaltensökonomik spielen, die das menschliche Verhalten, dessen psychologische und soziologische Grundlagen experimentell erforscht und vom Bild des kühl-rational handelnden „Homo oeconomicus“ abrückt. Podiumsdiskussionen widmen sich der Frage der Nachhaltigkeit in der Wirtschaftswissenschaft sowie der Schuldenkrise und ihren Auswirkungen auf die Finanzmärkte, die Geldpolitik und die Staatshaushalte. Auch Bundespräsident Christian Wulff und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sind als Redner angekündigt.

          „Der Westen hat die vergangenen Jahrzehnte über seine Verhältnisse gelebt und damit einen Teil seiner Zukunft bereits konsumiert“, sagte der Columbia-Professor Phelps kurz vor dem Treffen der Zeitung „Die Welt“. Den Vereinigten Staaten, aber auch Europa stehe eine längere Stagnation bevor. Der Westen müsse nun für Fehler der Vergangenheit büßen. In Amerika sei das blockierte politische System ein großes Problem. Viele der preisgekrönten Ökonomen sehen die Dominanz des Dollar als Weltleitwährung schwinden. Der Nobelpreisträger Eric Maskin warnte, „die Schuldensucht der Staaten ruiniert das westliche System“. Wie auch der Polit-Ökonom James Mirrlees warnte Maskin, dass die Turbulenzen länger andauern und die Wirtschaft eine Stagnationsphase erleben werde.

          George Akerlof

          Das Nobelpreisträger-Treffen findet zu einem kritischen Zeitpunkt für die Weltwirtschaft statt, nachdem sich das Wachstum in Amerika im ersten Halbjahr deutlich abgeschwächt hat und auch die Erholung der europäischen Konjunktur stark gebremst erscheint. Schon beim vorigen Lindauer Treffen vor drei Jahren, im August 2008, diskutierten die Ökonomen über die Folgen der damals noch jungen Finanzkrise. Einige warnten vor Billionenverlusten durch die Bankenkrise und einer drastischen Abschwächung der Weltkonjunktur. Die extreme Zuspitzung der Krise mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, die in eine globale Rezession mündete, war auf dem Treffen noch nicht abzusehen. In den folgenden Jahren hat die Finanz- und Wirtschaftskrise aber zu einer breiten Debatte auch über die Leistungen der Wirtschaftswissenschaft geführt.

          Der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Joseph Stiglitz, der sich als Kritiker deregulierter Finanzmärkte hervorgetan hat, will in Lindau eine Wirtschaftstheorie vorstellen, „die wirklich funktioniert“. Es bedürfe eines völlig neuen Paradigmas. Die bisherigen makroökonomischen Standardmodelle hätten den Realitätstest nicht bestanden, da sie die Finanzkrise nicht vorhersagen konnten. Stiglitz möchte die Rolle von Ansteckungsgefahren auf Konjunktureinbrüche stärker betonen. „Während die Welt noch im Taumel der Finanzkrise begriffen ist und weitverbreitete Unsicherheit bestehen bleibt, ist das Bedürfnis nach einer neuen Form ökonomischen Denkens drängender denn je.“ Die Lindauer Tagung biete eine gute Gelegenheit, um die Diskussion darüber anzutreiben.

          Der Ökonomen-Gipfel in Lindau findet nun zum vierten Mal seit 2004 statt. Schon seit sechs Jahrzehnten gibt es im Bodensee-Städtchen die Tagungen der Nobelpreisträger für Chemie, Physik und Medizin. Begründet hat sie 1951 der auch als Blumenliebhaber bekannte Graf Lennart Bernadotte. Der auf der Bodensee-Insel Mainau lebende Enkel des schwedischen Königs Gustav V. und Urenkel von Oskar II., der die ersten Nobelpreise verlieh, konnte dank seiner familiären Verbindungen schon kurz nach dem Weltkrieg herausragende Vertreter der internationalen Wissenschaft nach Deutschland locken. Seit einigen Jahren hat seine Tochter Bettina Bernadotte die Leitung des Stiftungskuratoriums übernommen.

          „Die Lindauer Nobel-Tagungen organisieren den Dialog zwischen den besten Ökonomen unserer Zeit und herausragenden Nachwuchsökonomen aus 65 Ländern“, sagt Thomas Ellerbeck, Sprecher des Kuratoriums. Es gehe dabei um „Wissen und Werte“. In der Globalisierung spielten enge Netzwerke eine zunehmende Rolle. „Lindau ist eine bedeutende Plattform für den internationalen Wissenschaftsdialog und damit ein Schaufenster des Wissenschaftsstandortes Deutschland“, sagt der Kuratoriumssprecher über die Veranstaltung. Die Lindauer selbst reagieren auf die alljährliche Nobelpreisträgerschwemme in ihrem beschaulichen Städtchen recht gelassen. Mit Blick auf den friedlich plätschernden See scheinen die Erschütterungen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise wahrlich weit weg.

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